Russlands Offensive im Ukraine-Krieg: Für Kiew beginnt schwierige Zeit – „Zähne eines riesigen Sägeblatts“
VonBettina Menzel
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Während russische Truppen im Osten weiter vorrücken, stellt Trump Putin ein neues Ultimatum – doch weder NATO noch Kreml glauben ihm wirklich.
Pokrowsk – Russische Streitkräfte rückten im Ukraine-Krieg zuletzt bei Lyman, Tschassiw Jar, Pokrowsk, Nowopawliwka und im Osten der Oblast Saporischschja vor. Vor allem der Großraum Pokrowsk ist gefährdet: Seit über einem Jahr konzentriert Russland dort seine Angriffe und verstärkt nun offenbar seine Bemühungen, um eine Entscheidung zu erzwingen. Indes versucht US-Präsident Donald Trump den Druck auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu erhöhen. Der Kreml reagiert unbeeindruckt.
Zehn-Tage-Ultimatum soll Wende bringen: Trump droht mit Strafzöllen auf russisches Öl
US-Präsident Trump hat sein Ultimatum an Russland konkretisiert: Russland habe „ab heute noch zehn Tage“ Zeit, um seine Angriffe einzustellen, sagte Trump am Dienstag (29. Juli) an Bord der Air Force One auf dem Rückflug von Schottland nach Washington. Andernfalls würden die USA Strafzölle gegen Länder verhängen, die weiterhin russisches Öl und Gas kaufen. Man habe die Erklärung „zur Kenntnis genommen“, hieß es dazu aus dem Kreml einsilbig. Die „militärische Spezialoperation“, wie Moskau die Invasion in die Ukraine nennt, dauere an, so Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.
Der russische Außenminister Sergei Lawrow zeigte sich zuversichtlich, dass Russland mit US-Zöllen zurechtkommen werde, da es bereits mit früheren Sanktionen „zurechtkomme“. Russland glaube, dem wirtschaftlichen Druck standhalten zu können und sei weiterhin entschlossen, seine Kriegsziele zu erreichen, hieß es in einer Analyse der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW). In der Vergangenheit gelang es Moskau immer wieder, westliche Sanktionen zu umgehen. Etwa mit einer Schattenflotte, Zahlungen über chinesische Banken oder Importen von technischen Geräten über verbündete Nachbarländer.
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Ultimatum ohne Wirkung? Nato-Vertreter halten Trumps Druckmittel für zahnlos
Ursprünglich hatte der US-Präsident eine 50-Tage-Frist für Frieden in der Ukraine gesetzt, diese nun aber verkürzt, da es „überhaupt keine Fortschritte“ gebe, wie Trump sagte. Das neue Ultimatum könnte aus Sicht von Militärexperten allerdings den gegenteiligen Effekt haben: Russland könnte seine militärischen Bemühungen verstärken, um vor Ablauf der Frist noch Fakten zu schaffen. Der US-Präsident zeigt sich zunehmend frustriert über Moskaus Verhalten. Unlängst beklagte sich Trump, er habe bereits viermal gedacht, er hätte einen „Deal“ mit Putin. Doch dann habe der Kremlchef wieder „Raketen in irgendein Gebäude geschossen.“
In Europa gab es indes gemischte Reaktionen auf die angekündigten Wirtschaftsbeschränkungen: Einige EU-Diplomaten begrüßen die härtere Haltung der USA, äußerten jedoch Zweifel an Trumps Verlässlichkeit. „Wir haben zu häufig gesehen, dass Präsident Trump bei Russland hin- und hergesprungen ist“, sagte ein anonymer EU-Beamter der Welt. Auch innerhalb der Verteidigungsallianz Nato bleibt man vorsichtig. Viele bezweifeln, dass Trump tatsächlich wirtschaftlichen Druck auf China oder Indien ausüben wird.
Insbesondere weil dem US-Präsidenten das Schicksal der Ukraine „wahrscheinlich völlig egal“ sei, wie es laut Welt aus Nato-Kreisen hieß. Positiv nahm hingegen der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Ankündigung auf: „Wir haben wiederholt betont - und alle Partner wissen das -, dass Sanktionen ein Schlüsselelement sind“, sagte Selenskyj in einer seiner abendlichen Videobotschaften. Allerdings sei Putin derzeit nicht an Frieden interessiert, fügte er hinzu und führte als Beispiel dafür die nächtlichen Luftangriffe Russlands an.
In diesem Videostandbild feuern russische Soldaten aus einem T-72B3-Panzer aus nächster Nähe auf ukrainische Stellungen bei Pokrowsk (Aufnahme: 26. Juli 2025).
So ist die Lage am Boden: Pokrowsk droht zu fallen – und damit womöglich auch der Festungsgürtel
Die Ukraine befindet sich derzeit an allen Frontabschnitten in der Defensive. Schwerpunkt des russischen Angriffs bleibt die Region um Pokrowsk. „Hier spitzt sich die Lage für die Ukraine tatsächlich zu“, analysiert der frühere Nato-General Erhard Bühler in dem MDR-Podcast „Was tun, Herr General?“. Es gebe erste Hinweise, dass die Russen mit ersten Sabotage- und Aufklärungs-Trupps vorübergehend auf das Innere des Stadtzentrums vorgedrungen seien. „Den Russen ist es mittlerweile gelungen, wesentliche Versorgungsstraßen unter ihre Kontrolle zu bringen.“
Eine leistungsfähige Versorgungsstraße Richtung Nord-West sei noch offen. „Sollte die auch blockiert werden, wird den Ukrainern nichts anderes übrig bleiben, als die Stadt aufzugeben“, meint der Militärexperte. Pokrowsk ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und logistisches Zentrum für die ukrainischen Streitkräfte im Donbass. „In Verbindung mit den anderen russischen Angriffen in Tschassiw Jar, Torezk und nördlich von Lyman eine operativ günstige Ausgangsposition für den Angriff auf den Festungsgürtel in der Region Donezk schaffen können. Also auf Kostjantyniwka, Kramatorsk, Slowjansk“, so Bühler weiter.
Eine Einnahme des Gürtels würde Russland näher an die Kontrolle des gesamten Donbass bringen, schätzt die ISW-Expertin Angelica Evans. Sollte Pokrowsk fallen, könnten russische Truppen durch schwach geschützte Linien weiter in Richtung Dnipro vorrücken, meint auch der österreichische Militäranalyst Oberst Markus Reisner. „Die Spitzen der russischen Angriffsverbände schneiden sich wie Zähne eines riesigen Sägeblatts in die Gebiete im Osten der Ukraine“, so Reisner.