„Einzigartig dummes Waffensystem“

Russlands Putin testet „fliegendes Tschernobyl“: Norwegen nimmt Spurensuche auf

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Putins neueste Machtdemonstration: die Testung einer atomgetriebenen Rakete. Norwegen prüft die Strahlungswerte an seiner Küste, die USA üben Kritik.

Moskau – Russlands Präsident Wladimir Putin meldete am Sonntag (26. Oktober) den erfolgreichen Abschluss von Tests eines neuen, atombetriebenen Marschflugkörpers vom Typ Burewestnik (russisch für „Sturmvogel“). Laut Kreml ist die Waffe einsatzbereit und soll nun in die russischen Streitkräfte integriert werden. US-Präsident Donald Trump kritisierte den Test als „nicht angemessen“ und legte dem Kremlchef nahe, „anstatt Raketen zu testen“ den Ukraine-Krieg zu beenden. Norwegen ist indes in Alarmbereitschaft und überwacht die Strahlungswerte.

Der russische Präsident Wladimir Putin am Sonntag (26. Oktober 2025) bei einer Sitzung mit russischen Militärvertretern.

Russland teilte offiziell nicht mit, wo der Militärtest stattfand, doch NOTAM-Meldungen vom vergangenen Dienstag (21. Oktober) weisen darauf hin, dass ein großes Gebiet um die Insel Nowaja Semlja abgesperrt war, wie die norwegische Zeitung Barents Observer berichtete. NOTAM steht für „Notice to Airmen“ (zu Deutsch: Hinweis für Luftfahrer) und ist eine Mitteilung über kurzfristige Änderungen oder Gefahren im Luftraum. Die norwegische Behörde für Strahlungs- und Nuklearsicherheit (DSA) überprüfte sofort die Messdaten ihres landesweiten Überwachungsnetzes auf erhöhte Radioaktivität.

Dieses Netzwerk umfasst Luftfilterstationen von Spitzbergen bis zum Festland, darunter auch Svanvik im Pasvik-Tal, nur etwa 900 Kilometer vom Testgelände entfernt, hieß es weiter. Die Strahlungswerte sind laut DSA derzeit nicht erhöht, doch laut der Sprecherin Hallfrid Simonsen könnten die radioaktiven Strahlungen erst mit einiger Verzögerung an Norwegens Staatsgebiet gelangen, wie sie dem Barents Observer sagte. Die russische Insel Nowaja Semlja liegt zwischen der Barentsee und der Karasee, nordwestlich von Norwegen.

Burewestnik-Test: Waffe hat laut Putin „unbegrenzte Reichweite“

Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow erklärte am Sonntag, die Rakete Burewestnik habe rund 15 Stunden in der Luft verbracht und eine Strecke von etwa 14.000 Kilometern zurückgelegt. Der Marschflugkörper sei demnach mit „gesicherter Präzision gegen hochgeschützte Ziele in beliebiger Entfernung einzusetzen“. Putin sprach gar von „unbegrenzter Reichweite“ und einer „einzigartigen Erfindung“, über die außer Russland „kein anderer auf der Welt“ verfüge. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig verifizieren. Im Westen ist die Waffe mit dem NATO-Namen SSC-X-9 Skyfall auch als „fliegendes Tschernobyl“ bekannt.

Der Grund: Der Nuklearantrieb der Rakete setzt entlang der Flugbahn radioaktive Strahlung frei, im Falle eines Unfalls gäbe es eine weitreichende Kontamination. „Der Skyfall ist ein einzigartig dummes Waffensystem – ein fliegendes Tschernobyl, das für Russland selbst eine größere Gefahr darstellt als für andere Länder“, sagte Thomas Countryman, ein ehemaliger Beamter des US-Außenministeriums in Anspielung auf die Nuklearkatastrophe von 1986 zu Reuters. Putin hingegen gab sich hochzufrieden: „Selbst hochqualifizierte Spezialisten sagten mir, dass dies zwar ein gutes und lohnendes Ziel sei, aber in naher Zukunft nicht realisierbar“, so der Kremlchef, wie aus einem Transkript des Kreml hervorging. Doch nun seien die entscheidenden Test abgeschlossen.

Das ist die Strategie hinter Russlands Raketen-Test: „Zuckerbrot und Peitsche“

Die Entwicklung der Burewestnik läuft bereits seit 2017, der jüngste Test war der erste Langstreckenflug der Waffe. Die jetzige Einsatzprüfung des Marschflugkörpers zählt genau wie die jährlichen russischen Grom-Übungen laut Experten zu Russlands nuklearem Säbelrasseln. „Russland setzt seine offenen nuklearen Drohungen fort – als Teil einer mehrgleisigen Strategie, die darauf abzielt, den anhaltenden Druck der USA auf Russland sowie deren Unterstützung für die Ukraine abzuschrecken“, analysierten die Experten der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW).

Bei den Grom-Übungen kommen alle Komponenten der strategischen nuklearen Triade Moskaus zum Einsatz: landgestützte Interkontinentalraketen, seegestützte U-Boot-Raketen und strategische Langstreckenbomber. Das Prinzip des Kreml entspreche „Zuckerbrot und Peitsche“ so die Analyse weiter. Putin versuche, auch mithilfe bilateraler Rüstungsgespräche die USA zu Zugeständnissen im Ukraine-Krieg bewegen. Denn in wenigen Monaten läuft das Nuklearabkommen New START Treaty zwischen Washington und Moskau aus. Russland hat eigenen Angaben zufolge weitere Waffen in der Pipeline, darunter etwa die Unterwasserdrohne Poseidon. (Quellen: AFP, dpa, ISW, Barents Observer, Kreml, Nato, Reuters) (bme)

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