Partisanenkrieg

Ukrainisches „Widerstandsnest“ begehrt im Rücken von Putins Armee auf - „Sie sind in Panik“

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Melitopol soll ein Hauptziel der ukrainischen Gegenoffensive sein. In der Stadt wird gegen die Russen längst Widerstand geleistet - und das ist nur der Anfang.

München/Melitopol - Während das Russland Wladimir Putins wankt und Kiew vor angeblichen Sprengladungen am AKW Saporischschja warnt, stoßen die ukrainischen Streitkräfte in der Gegenoffensive an der südlichen Front Kilometer um Kilometer auf Tokmak (rund 32.000 Einwohner) und auf Melitopol im Ukraine-Krieg vor.

Gegenoffensive der Ukraine: Melitopol gilt als Stadt des Widerstands gegen Russland im Ukraine-Krieg

Im Ukraine-Krieg gilt die Großstadt am Asowschen Meer mit ihren rund 155.000 Einwohnern als „Widerstandsnest“ schlechthin gegen die Invasionsarmee Putins, die Melitopol schon am 26. Februar 2022 - also zwei Tage nach ihrem Einmarsch ins westliche Nachbarland - besetzt hatte.

Iwan Fedorow, Exil-Bürgermeister der strategisch immens wichtigen Stadt, hat in einem Interview nun weitere Gegenwehr gegen die Besatzer im Ukraine-Krieg angekündigt, quasi im Rücken von Russlands Armee, die der ukrainischen Gegenoffensive aktuell (noch) auf einem rund 50 Kilometer langen Frontstreifen östlich des Kachowkaer Stausees zwischen Wasyliwka und Robotyne standhält. Doch der Druck wird größer.

Exil-Bürgermeister Melitopols: Iwan Fedorow.

Einzig in den vergangenen Tagen rückten die ukrainischen Streitkräfte eigenen Angaben zufolge im Ukraine-Krieg bei Robotyne südlich von Orichiw rund drei Kilometer vor. Tokmak ist dahinter die wohl letzte Hürde vor Melitopol. Denn: Kartenmaterial des Institute for the Study of War (ISW) und der US-amerikanischen Denkfabrik AEI‘s Critical Threats Project soll in der aktuellen Lage des Ukraine-Kriegs zeigen, dass die Großstadt selbst in ihren Außenbezirken angeblich kaum gesichert ist. Dann, wäre die russische Hauptverteidigungslinie zwischen Mychajliwka, Tokmak und Smyrnowe erstmal durchstoßen.

Melitopol als Ziel der ukrainischen Gegenoffensive: Russischer FSB geht wohl gegen Partisanen vor

Währenddessen veröffentlichte der russische Inlandsgeheimdienst FSB Fotos, wie am 22. Juni angebliche ukrainische Partisanen bei Melitopol festgenommen wurden. Die nächste Propaganda? Und warum Inlandsgeheimdienst? Es ist wohl die nächste Provokation gegen die Ukraine, zu der die Stadt völkerrechtlich gehört. „Melitopol verwandelt sich in die Terrorhauptstadt Neurusslands“, meinte Wladimir Rogow, der Vertreter der von Moskau installierten Verwaltung Anfang April laut Neue Zürcher Zeitung (NZZ), noch vor der ukrainischen Gegenoffensive. Denn: Immer wieder setzen Anschläge den russischen Besatzern und ihren geschätzt 700 Kollaborateuren zu.

„Melitopol ist ein Zentrum des Widerstands - des zivilen wie auch des nicht-zivilen Widerstands. Die Kollaborateure sind derzeit in Panik. Aber die Russen sind es noch nicht wirklich. Die russischen Kommandeure verbieten den Kollaborateuren, zu gehen. Wir haben viele Informationen darüber, dass Kollaborateure fliehen wollten, aber von russischen Stellen daran gehindert wurden“, erzählte Fedorow Mitte Juni im Interview der österreichischen Tageszeitung Der Standard: „Ihre Familien sind aber bereits gegangen.“

Melitopol: Anschläge mit Autobomben gegen ukrainische Kollaborateure

Beispiele für Widerstand: Anfang April explodierte in Melitopol auf offener Straße eine Autobombe, wobei der kremlnahe Politiker Maxim Subarew schwer verletzt wurde. Der Kommunist hatte laut NZZ im Frühjahr 2022 die russischen Truppen an vorderster Front begrüßt. Im März waren bereits der Direktor für den öffentlichen Verkehr getötet sowie ein leitender Polizeibeamter durch eine Autobombe schwer verwundet worden.

Melitopol

Die Großstadt am Asowschen Meer, die in der Oblast Saporischschja liegt, hatte vor dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 etwa 155.000 Einwohner. 1842 wurde eine einstige Siedlung in Melitopol umbenannt und dieser das Stadtrecht verliehen. Die Stadt ist also relativ jung. Von 1942 bis 1943 war Melitopol Sitz der deutschen Besatzungsbehörden für den Teilbezirk Taurien. Im September 1943 fanden hier schwere Gefechte zwischen deutscher Wehrmacht und Roter Armee statt. Nach Beginn des russischen Angriffkriegs wurde Melitopol als erste ukrainische Großstadt am 26. Februar 2022 besetzt. Seither formiert sich hier teils heftiger Widerstand gegen die russischen Besatzer.

Seit März 2022 soll es Dutzende solcher Anschläge durch Partisanen gegeben haben. Die Schweizer Tageszeitung verweist auf russische Foren, wonach Rogow und der installierte Gouverneur von Saporischschja, Jewgeni Balizki, ihre Familien auf die Krim gebracht hätten.

Melitopol: Bedeutend für die Logistik der russischen Armee

Noch ein Beispiel: Bei einem weiteren Sprengstoffanschlag am Platz des Sieges wurden Ende Mai drei Menschen verletzt - dort befindet sich die russische Militärverwaltung der gesamten Region Saporischschja. Melitopol ist darüber hinaus wegen des gut ausgebauten Eisennbahnnetzes bedeutend für die russische Armee.

Derzeit nutzen die Russen Melitopol als logistisches und administratives Zentrum. Sie haben alles dorthin gebracht: FSB, GRU, Kadyrows Leute, Wagner.

Exil-Bürgermeister Iwan Fedorow in „Der Standard“

„Das Wichtigste, was wir verstehen müssen, ist: Russland kontrolliert unser Gebiet nur physisch - auch nach einem Jahr und fünf Monaten Besatzung. Sie beherrschen aber nicht uns - unsere Haltung, die Stimmung unserer Bürgerinnen und Bürger“, erklärte Fedorow zum ukrainischen Widerstand in seiner Heimatstadt: „Deshalb organisieren einige die Partisanenbewegung und kommunizieren mit unseren Institutionen.“

Melitopol: Iwan Fedorow kündigt weiteren Widerstand der Ukrainer an

Der 34-jährige Lokalpolitiker schilderte: „Derzeit nutzen die Russen Melitopol als logistisches und administratives Zentrum. Sie haben alles dorthin gebracht: FSB, GRU, Kadyrows Leute, Wagner. Wir sehen, dass jede Woche mehr und mehr unterschiedliche russische Truppen in unser Gebiet kommen. Das bedeutet, dass die Russen nicht freiwillig abziehen werden. Jetzt haben wir gesehen, dass sie Spezialagenten bringen. Die wollen mit unseren Bürgern sprechen und herausfinden, wer auf die ukrainische Offensive und die Befreiung wartet und wo ihre Loyalitäten liegen.“

22. Juni 2023: Russische FSB-Soldaten nehmen angeblich einen ukrainischen Widerstandskämpfer bei Melitopol fest.

Melitopol: Iwan Fedorow hat Botschaft an russische Invasionsarmee

Die Loyalität liegt wohl bei den meisten bei ihrer ursprünglichen Heimat. In den vergangenen Monaten sollen Tausende bei proukrainischen Demonstrationen auf die Straße gegangen sein. „Die Ukraine und die Ukrainer waren sich noch nie so einig, wie sie es heute sind. Und es ist letztlich alles nur eine Frage der Zeit und des Preises. Also des Preises, den wir für unsere Befreiung und unser freies Leben bezahlen“, sagte Fedorow dem Standard und erklärte: „Die Russen werden niemals in der Lage sein, unsere Herzen zu rauben und uns die Seele zu nehmen.“ (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO / SNA

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