VonStefan Kriegerschließen
Nach dem schweren Bootsunglück im Mittelmeer mit mindestens 79 Toten hat die griechische Küstenwache neun Überlebende festgenommen.
Update vom 16. Juni, 16.25 Uhr: Inzwischen hat auch der ehemalige Ministerpräsident Alexis Tsipras die Überlebenden besucht, um sich über das Unglück zu informieren. „Leider ist der Wert des Lebens heute nicht für alle Menschen gleich hoch. Die Frage ‚Was ist der Wert des menschlichen Lebens‘ wird durch Herkunft, Hautfarbe und wirtschaftliche Möglichkeiten beantwortet“, schreibt Tsipras auf Twitter. Er versprach Solidarität mit den Geflüchteten.
Update vom 16. Juni, 11.25 Uhr: In Griechenland ist nach dem schweren Bootsunglück mit vermutlich Hunderten ertrunkenen Migranten ein Streit rund um die Verantwortung für den Vorfall entbrannt. „Es ist ein Verbrechen – wo sind die Schuldigen?“, titelte etwa die linke Zeitung Efimerida ton Syntakton am Freitag. Politikerinnen und Politiker vor allem linker Parteien sehen die konservative Regierung der vergangenen vier Jahre in der Verantwortung. Aufgrund von ihr eingeführten strengen Kontrollen auf dem Meer wählten Schleuser nun gefährlichere, längere Routen an Griechenland vorbei direkt nach Italien, lautet der Vorwurf.
Update vom 16. Juni, 10.20 Uhr: Wie der Focus berichtet, hätten Überlebende der Schiffskatastrophe erzählt, dass sie von Schleusern dazu genötigt wurden, gegenüber der Küstenwache und den sich nähernden Hilfsschiffen Stillschweigen zu bewahren. Den Betroffenen wurde klargemacht, dass sie kein Wasser erhalten würden, wenn sie redeten.
Nachdem die Maschinen ausgefallen waren, brach nach den Erzählungen unter den Passagieren an Bord Panik aus, was die Instabilität des Bootes durch die Verlagerung des Gewichts noch verstärkte. Nur die jüngeren Männer auf dem Deck hatten eine Chance zu überleben. Frauen und Kinder im Rumpf wurden vom Boot in die Tiefe gerissen.
Suche nach Schiffskatastrophe in Griechenland wird ausgeweitet
Update vom 16. Juni, 09.50 Uhr: Die griechische Küstenwache hat die Suche nach dem Bootsunglück im Mittelmeer noch einmal ausgeweitet. Allerdings besteht nach Angaben der Behörden praktisch keine Hoffnung mehr, noch Überlebende zu finden. Im Laufe des Tages soll die Suche eingestellt werden. 104 Überlebende wurden gerettet. Bis zu 600 Menschen werden weiterhin vermisst. 78 Tote wurden bereits geborgen.
Schiffskatastrophe im Mittelmeer: Suche nach Opfern wird fortgesetzt
Erstmeldung vom 16. Juni: Kalamata – Griechische Rettungskräfte setzen ihre Suche nach hunderten vermissten Menschen fort, nachdem ein voll besetztes Flüchtlingsboot vor der Küste Griechenlands gesunken war. Das Unglück forderte mindestens 79 Todesopfer, deren Leichen bereits geborgen wurden. Am Donnerstag (15. Juni) setzten zwei Patrouillenboote, eine Fregatte der griechischen Marine, drei Helikopter und neun weitere Schiffe ihre Bemühungen fort, das tiefere Seegebiet westlich der Halbinsel Peloponnes im Mittelmeer abzusuchen. Es besteht jedoch kaum noch Hoffnung, weitere Überlebende zu bergen. Inzwischen nahmen griechische Hafenbehörden neun Verdächtige fest, die mutmaßlich einer Schlepperbande angehören.
Die griechische Nachrichtenagentur ANA meldete, die Verdächtigen ägyptischer Nationalität seien in der auf der Peloponnes liegenden Hafenstadt Kalamata festgenommen worden. Nach Angaben der Hafenbehörden befindet sich darunter auch der Kapitän des Bootes.
Schiffsunglück vor Griechenland: Keine Hoffnung mehr auf Überlebende
Das Fischerboot war am frühen Mittwochmorgen westlich der Peloponnes gekentert. Nach Angaben aus Kreisen der Hafenbehörden war das Schiff in Ägypten gestartet, hatte in der libyschen Hafenstadt Tobruk die Migranten an Bord genommen und dann Kurs Richtung Italien genommen.
79 Leichen wurden nach Angaben der Küstenwache bis Donnerstagabend geborgen, die Leichen wurden zur Autopsie nach Athen gebracht. Es wird jedoch mit deutlich mehr Todesopfern gerechnet.
Regierungssprecher Ilias Siakanataris zufolge gibt es Berichte darüber, dass sich bis zu 750 Menschen an Bord befanden. Das Fischerboot sei „25 bis 30 Meter lang“ gewesen, sagte der Sprecher der Küstenwache, Nikolaos Alexiou, dem staatlichen Sender ERT. Das Deck sei voll mit Menschen gewesen. „Wir gehen davon aus, dass der Innenraum genauso voll war“, ergänzte Alexiou.
„Wir sind Zeugen einer der größten Tragödien im Mittelmeer, und die von den Behörden bekannt gegebenen Zahlen sind erschütternd“, erklärte die Internationale Organisation für Migration (IOM). Daniel Govevan, Anwalt bei der Hilfsorganisation Save the Children, befürchtet, dass sich „100 Kinder im Frachtraum befanden“.
Schiffsunglück vor Griechenland: 104 Menschen gerettet
104 Menschen konnten nach offiziellen Angaben gerettet werden: 47 Syrer, 43 Ägypter, zwölf Pakistaner und zwei Palästinenser, ausschließlich Männer. Etwa 30 der Überlebenden befanden sich im Krankenhaus von Kalamata. Sie litten „vor allem an Lungenentzündung, Dehydrierung und Unterkühlung“, sagte der Leiter der zuständigen Abteilung einem Radiosender. Die anderen Überlebenden wurden vorübergehend in einer Lagerhalle im Hafen von Kalamata untergebracht.
Das überladene Fischerboot war nach Angaben griechischer Behörden am Mittwochmorgen an einer der tiefsten Stellen des Mittelmeers gekentert, nachdem zuvor der Motor ausgefallen war. Regierungssprecher Siakantaris erklärte, das Boot sei innerhalb von nur zehn bis 15 Minuten gesunken.
Die griechische Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Das oberste Gericht Griechenlands ordnete eine Untersuchung zur Ursache des Unglücks an. Schon jetzt ist die Zahl der Todesopfer die höchste bei einem Schiffsunglück in Griechenland seit vielen Jahren. Nach von AFP erhobenen Daten ereignete sich das schlimmste Flüchtlingsunglück in Griechenland am 3. Juni 2016, als 320 Menschen starben oder als vermisst gemeldet wurden.
Griechenland ist neben Italien und Spanien eines der Hauptankunftsländer für zehntausende Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten, die nach Europa wollen.
Olaf Scholz appelliert an ein gemeinsames Handeln Europas
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nannte das Flüchtlingsunglück „bedrückend“. Es rufe „uns allemal mehr dazu auf, alles dafür zu tun, dass das vermieden wird“, sagte Scholz am Rande der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin. Menschen dürften diese „gefährlichen Fluchtrouten“ nicht mehr wählen. Um das zu schaffen, müsse Europa ein „gemeinsames und solidarisches System des Umgangs mit der Fluchtmigration“ entwickeln.
Bundesinnenministern Nancy Faeser (SPD) sagte, sie sei „tief erschüttert“ und sprach von einer „schrecklichen Katastrophe“. Es müsse weiter daran gearbeitet werden, „legale Migrationswege zu schaffen und Migrationsabkommen zu schließen, die Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit achten“. Dies zerstöre „das Geschäftsmodell der Schleuser, die Menschen auf lebensgefährlichen Wegen in die EU bringen“.
Die Linken-Vorsitzende Janine Wissler erklärte am Donnerstag: „Wir haben gestern erneut auf furchtbare Weise vor Augen geführt bekommen, was die Festung Europa bedeutet. Hunderte Menschen ertrinken auf der Flucht. (...) Mehr Abschottung sorgt nicht für weniger Geflüchtete, sondern macht die Flucht gefährlicher“, fügte sie hinzu. (afp/skr)
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