- VonGerd Höhlerschließen
Geflüchtete fahren jetzt im Schnellboot über die Ägäis. Doch auch die Türkei und Griechenland arbeiten enger zusammen, um die Boote abzufangen. Den Schleppern selbst drohen in Griechenland drakonische Strafen.
Bisher kamen irreguläre Migranten meist mit billigen Schlauchbooten von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln. Jetzt setzen die Schleuser zunehmend Schnellboote ein und riskieren Schießereien mit der griechischen Küstenwache. Werden die Schlepper gefasst, drohen ihnen drakonische Strafen.
Vergangenen Freitag in der Ägäis: Ein Schnellboot steuert mit hoher Geschwindigkeit von der türkischen Küste auf die kleine griechische Insel Symi zu. Die Besatzung eines Patrouillenbootes der griechischen Küstenwache entdeckt das Schiff. Mit Lautsprecherdurchsagen und Sirenen fordern die Beamten den Steuermann des Schnellbootes auf, beizudrehen. Doch der nimmt mit voller Fahrt Kurs auf den Kreuzer der Küstenwache und rammt ihn. Die Beamten geben daraufhin Schüsse auf den Außenbordmotor des Schnellbootes ab, um es zu stoppen. Eine Kugel trifft einen 39-jährigen Migranten an Bord des Bootes tödlich. Zwei mutmaßliche Schleuser werden festgenommen, 14 Migranten in ein Aufnahmelager auf der Insel Rhodos gebracht.
Der Menschenschmuggel von der Türkei nach Griechenland ist ein Millionengeschäft. Und es wird zunehmend brutaler. Nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR kamen seit Beginn dieses Jahres rund 25 500 irreguläre Migranten über die Ägäis und den griechisch-türkischen Grenzfluss Evros in die EU. In der Ägäis kassieren die Schleuser für die Überfahrt zwischen drei- und fünftausend Euro. Nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex kamen vergangenes Jahr 60 073 Migranten über die Ägäis. Die Schleuser dürften rund 240 Millionen Euro eingenommen haben.
710 Menschen ertrunken
Früher setzten sie die Migranten in billige Schlauchboote, die in türkischen Werkstätten eigens für diesen Zweck wie am Fließband hergestellt werden. Angetrieben werden die Boote von kleinen oder altersschwachen Außenbordmotoren, die Migranten müssen meist selbst das Steuer übernehmen. Immer wieder gehen solche überladenen Schlauchboote unter. Nach Angaben von UNHCR sind vergangenes Jahr im östlichen Mittelmeer 710 Migranten ertrunken.
Jetzt rüsten die Schlepper auf. Zahlungskräftigen Migranten bieten sie die Überfahrt in Schnellbooten an. Das Ticket kostet rund 6000 Euro. Nach Angaben aus Kreisen der griechischen Küstenwache sind die Schleuser mitunter bewaffnet. Und sie ändern ihre Taktik: Brachten sie die Migranten früher vor allem zu den großen Inseln Lesbos, Chios und Samos, steuern sie jetzt immer öfter kleinere Inseln wie Symi an, weil es dort weniger Patrouillen gibt.
Vergangenen Montag stoppte die griechische Küstenwache vor der Insel Leros ein Schnellboot mit 29 Migranten. Am Dienstag brachten zwei Patrouillenboote der Küstenwache vor der Insel Oinousses ein Schnellboot mit 25 Migranten auf. Die Schleuser wurden in beiden Fällen festgenommen. Seit Beginn dieses Jahres hat die griechische Küstenwache rund 200 solcher Schleusungen mit Schnellbooten registriert.
Kooperation beider Länder
In griechischen Regierungskreisen heißt es, die Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden sei besser als in früheren Jahren. Die beiden Länder streiten seit Jahrzehnten über die Hoheitsrechte und Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer. Aber seit dem vergangenen Jahr haben sich beide Regierungen angenähert. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan und der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis trafen mehrfach zusammen. Sie vereinbarten unter anderem eine engere Kooperation, um den Schleusern das Handwerk zu legen. Aber offenbar fällt es den türkischen Behörden schwer, die lange Ägäisküste mit ihren vielen Buchten zu kontrollieren.
Jedenfalls kommen jetzt mehr Migranten als im Vorjahr über die Ägäis. Im Juli und August meldeten die griechischen Behörden dieses Jahr rund 6700 Aufgriffe, gegenüber 4700 in den Vergleichsmonaten des Vorjahres. Im August kamen bereits mehr als 3500 irreguläre Migranten über die Ägäis.
Allein im Juni und Juli beschlagnahmte die Küstenwache 60 Boote und nahm 117 mutmaßliche Schleuser fest. Ihnen drohen in Griechenland drakonische Strafen. Auf Rhodos verurteilte ein Gericht einen 40-jährigen Schleuser, der 14 Migranten aus der Türkei gebracht hatte, zu 50 Jahren Haft und 850 700 Euro Geldstrafe. Noch härter traf es zwei Ägypter, die im Juni auf Kreta vor Gericht standen. Sie hatten im Januar versucht, 40 irreguläre Migranten mit einem Boot auf die kleine griechische Insel Gavdos zu bringen, waren jedoch kurz vor der Küste in Seenot geraten. Die Küstenwache rettete die Menschen. Gegen die beiden Ägypter verhängte das Gericht für jeden der geschleusten Migranten sieben Jahre Gefängnis und 100 000 Euro Geldstrafe. Unter dem Strich macht das für jeden der beiden 280 Jahre Haft und vier Millionen Euro. Sie können frühestens in 20 Jahren mit ihrer Freilassung rechnen.