Leitartikel

Die Flut in Spanien erhöht vor der COP29 den Druck

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Ein Mann steht neben Autos, die nach dem Unwetter übereinander liegen.

Die Flutkatastrophe in Spanien erhöht den Druck auf die Klimakonferenz in Baku. Es braucht dringend eine Doppelstrategie: weniger CO2 und mehr Anpassung an den Klimawandel. Der Kommentar von Joachim Wille.

Es ist ein Schock für ganz Spanien, seit Donnerstag gilt eine dreitägige Staatstrauer. Die Unwetterkatastrophe im Südosten des Landes dürfte in die Klimageschichte Spaniens eingehen, so wie die verheerenden Fluten im Ahrtal vor drei Jahren in die Deutschland. Wahrscheinlich etwa 150 Tote, Schäden in hoher Milliardenhöhe, jahrelange Wiederherstellungsarbeiten. Die Tragödie ist so groß, dass auch der letzte Klimawandelskeptiker verstummen müsste.

Die Spanien-Flut reiht sich ein in eine Serie von extremen Unwettern mit zum Teil historischen Niederschlagsrekorden, die Europa in jüngster Zeit heimgesucht haben. Polen, Österreich, Rumänien und Tschechien traf es Anfang September, Frankreich Mitte Oktober, und nun ist Spanien dran. Bis vor wenigen Jahren hätte die Klimaforschung dazu gesagt: Es ist zwar wahrscheinlich, dass Häufigkeit und Schwere solcher Ereignisse durch den Klimawandel zunehmen, der jeweilige Einzelfall lässt sich jedoch nicht darauf zurückführen. Das ist heute anders.

Inzwischen kann man eindeutig nachweisen, wie stark die globale Erwärmung die Extremwetterereignisse triggert. Für die Spanien-Katastrophe ist das noch nicht erfolgt. Doch für die September-Flut gibt es eine Berechnung der renommierten „World Weather Attribution“-Forschungsgruppe.

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Das Unwetter in Spanien und der Klimawandel

Danach hat der Klimawandel ihre Wahrscheinlichkeit gegenüber einem noch nicht aufgeheizten Klima verdoppelt, und die Niederschlagsmengen lagen im Schnitt um sieben Prozent höher als „normal“. Insgesamt handelte es sich regional um die stärksten Regenfälle, die dort bisher je gemessen wurden. Höchstwahrscheinlich wird eine Analyse für den aktuellen Fall Ähnliches ergeben.

Für jeden halbwegs aufgeklärten Menschen ist klar, dass die Welt in einem neuen Modus rotiert. Das im Pariser Weltklima-Abkommen von 2015 angepeilte Sicherheitslimit einer globalen Erwärmung um maximal 1,5 Grad, die als noch beherrschbar gilt, ist heute praktisch schon erreicht. Und es zeigt sich, dass bereits dieses Niveau zumindest regional extreme Verwüstungen mit sich bringen kann.

Europa ist nicht einmal der Hotspot. Viele Länder, vor allem in Afrika und Südasien, haben schon deutlich stärker unter den Klimaveränderungen zu leiden als dieser Kontinent. Und es ist programmiert, dass die Schäden weiter zunehmen werden, da die Erwärmung mit jeder Tonne CO2, die in die Atmosphäre zusätzlich entlassen wird, zunimmt.

Für Resignation ist kein Platz. Die Spanien-Flut macht noch einmal deutlich, dass es eine Doppelstrategie braucht: CO2 sparen und sich an den Klimawandel anpassen. Es sind die zwei unverzichtbaren Komponenten der Überlebenshilfe im Jahrhundert der globalen Erwärmung.

Klimakonferenz in Baku: Den CO2-Ausstoß endlich drastisch herunterfahren

Einerseits muss der Treibhausgasausstoß endlich weltweit drastisch heruntergefahren werden. Trotz aller Bemühungen seit Rio ist er in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen, zuletzt auch nach der Corona-Delle wieder. Doch angesichts der enormen Verbilligung der erneuerbaren Energien scheint eine Trendwende nun machbar. Diese Chance gilt es zu ergreifen, international durch die konsequente Umsetzung der einschlägigen Ziele, etwa der Verdreifachung der klimafreundlichen Energien bis 2030.

Andererseits müssen alle Länder viel mehr Geld in eine bessere Vorwarnung, Notfallpläne und die Anpassung an den Klimawandel stecken, als sie es bisher tun. Durch solche Strategien können nicht nur die akuten Gefahren von Extremwetterereignissen minimiert werden, auch die langfristigen wirtschaftliche Schäden bleiben beherrschbar.

Beides sind Themen, für die auf dem UN-Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro die UN-Klimagipfel eingerichtet wurden, die alljährlich im Herbst stattfinden. Die nächste dieser COP beginnt in gut einer Woche in Aserbaidschan. Die zahlreichen Extremwetterereignisse in diesem Jahr – nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika und Asien – müssen hier als Weckruf wirken.

Was passiert, wenn sie das nicht tun, hat das UN-Umweltprogramm Unep jüngst vorgerechnet. Dann nämlich ist nicht nur das 1,5-, sondern auch das Zwei-Grad-Limit der Erwärmung unrealistisch, und die Welt steuert auf plus 3,1 Grad zu. Was bedeutet, dass diverse Kippelemente des Weltklimas, wie die Austrocknung des Amazonas-Regenwalds und das Abschmelzen der Eisschilde an Nord- und Südpol, ausgelöst werden.

UN-Generalsekretär António Guterres mahnte angesichts der jüngsten Zuspitzung, es bestehe ein direkter Zusammenhang zwischen steigenden Emissionen und immer häufigeren und intensiveren Klimakatastrophen. Die Rekordemissionen bedeuteten Rekordtemperaturen der Meere, die Hurrikans verschlimmern. Sie bedeuteten Rekordhitze, die Wälder in Zunderbüchsen und Städte in Saunen verwandele, während Rekordregen zu biblischen Fluten führe.

Als Guterres das sagte, wusste er noch nichts von der aktuellen Katastrophe. Doch er sagte zu Recht: „Wir spielen mit dem Feuer, aber wir können nicht länger auf Zeit spielen.“

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