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Der Bundeskanzler trifft im Wahlkampf in Frankfurt Genossinnen und Genossen. Aber einen Witz will er nicht erzählen.
Es gäbe viele Gründe für Olaf Scholz, schlechte Laune zu haben. Seine Partei, die SPD, dümpelt fünf Wochen vor der Bundestagswahl um die 15 Prozent herum. Seine Chancen, eine zweite Amtszeit als Bundeskanzler anzugehen, sind ausgesprochen mäßig. Trotzdem strahlt Scholz Zuversicht aus.
Aber einen Witz will der so unverzagte Scholz dann doch nicht erzählen. Es ist die erste Frage beim „Bürgerdialog“ in Frankfurt am Montagabend. Ob er nicht zur Auflockerung einen Witz erzählen könne, hatte ein Teilnehmer gefragt. Scholz lehnt ab: „Heute nicht.“
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Scholz will Trump „mit geradem Rücken“ begegnen
Während weit entfernt in Washington die Weltpolitik auf den Kopf gestellt wird, weil der Egomane Donald Trump dort erneut das Amt des US-Präsidenten übernimmt, hat die Frankfurter SPD Scholz eingeladen. Im überschaubaren „Haus am Dom“, in dem nicht mehr als 150 Menschen Platz finden, stellt er sich deren Fragen. Teilnehmen konnte, wer angesprochen worden war oder zügig über digitale Medien und Newsletter der SPD von der „Townhall“ erfahren hatte. Die Veranstaltung dauerte bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch an.
Lächelnd ist er hereingekommen, und die Menschen im Saal begrüßen ihn mit Applaus im Stehen. Da steht er vor der roten Wand mit der Aufschrift „Mehr für Dich. Besser für Deutschland“ und spricht sofort darüber, „dass die Ukraine nicht alleine gelassen wird, und wir machen das nicht auf Kosten des Sozialen“.
In der Lage, „wo uns das Geld für den Haushalt nicht entgegenkommt“, dürfe es nicht Steuersenkungen für das „reichste Prozent“ geben. „Ich frage mich, wer zahlt die Rechnung?“, sagt Scholz. Darum gehe es eigentlich bei der Wahl. Er will, „dass alles ausgelotet wird, wie der Krieg in der Ukraine beendet werden kann, aber nicht über die Köpfe der Ukrainerinnen und Ukrainer hinweg“. Viele sind gekommen, um den Kanzler einmal live zu sehen – für Sozialdemokraten wie Boris Best aus Idstein, 40 Jahre alt und seit 22 Jahren SPD-Mitglied, ist es das erste Mal. Sandra Schmidt, Genossin aus der Frankfurter Nordweststadt, sieht „Steuerentlastungen für die kleinen Leute“ als wichtigstes Thema an. Die Ausgangslage im Wahlkampf sei für die SPD zwar „schwierig“, räumt die Frau im auffällig pinkfarbenen Sweatshirt ein. „Aber die Inhalte haben sich für mich ja nicht verändert.“
Und der Kandidat Scholz? Sandra Schmidt hätte es besser gefunden, wenn der innerparteiliche Streit über seine Kandidatur nicht öffentlich ausgetragen worden wäre. Aber jetzt gelte: „Er ist unser Kandidat.“ Und Sozialdemokrat Bereket Gaim aus Neu-Isenburg, der ins „Haus am Dom“ gekommen ist, sieht es ähnlich, bekennt aber: „Ich suche mir die Partei nicht danach aus, wie die Umfragen aussehen.“ Auch der Frankfurter SPD-Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel steht hinter Scholz. „Ein Norddeutscher bleibt ein Norddeutscher“, stellt er fest. Vielleicht sei es aber auch ganz gut, dass ein so nüchterner Mensch als Kandidat für die SPD antrete, „gerade in Zeiten, wo Emotionen hochkochen“. Das zielt nicht zuletzt auf die politische Wende in den USA.
Zuvor nahm Scholz Wahlkampftermine in der Region wahr. Er besuchte eine Brauerei in Seligenstadt und schaute sich die Großbaustelle der Firma Samson in Offenbach an. Der Ventilhersteller zieht von Frankfurt in die Nachbarstadt, die mit 2000 zusätzlichen Arbeitsplätzen rechnet. Grund zum Optimismus, für die deutsche Wirtschaft und die Kommunen, den Scholz gerne ausstrahlen würde.
Auch am Sonntag war er schon in der Nähe unterwegs gewesen, etwa als Wahlkampf-Redner in Schwalbach, der Heimatstadt von Innenministerin Nancy Faeser, wo der Kanzler gefeiert wurde. Unter anderem, weil er versprach, US-Präsident Trump „mit geradem Rücken“ zu begegnen.
„Grenzen sind überall in der Welt unantastbar“, betonte Scholz. In diesem Wahlkampf schadet es sicher nicht, sich als einen anderen Politikertyp darzustellen als der Wüterich im Weißen Haus. mit dpa
