Attentat in der Slowakei

Schüsse auf slowakischen Premier Fico – was über den Tatverdächtigen bekannt ist

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Der slowakische Regierungschef wird Opfer eines Attentats. Die Motive des Tatverdächtigen sind noch unklar. Immer mehr Details werden bekannt.

Update vom 16. Mai, 4.50 Uhr: Laut Berichten des Nachrichtenportals European Pravda könnte der mutmaßliche Angreifer auf Robert Fico Verbindungen zu einer prorussischen paramilitärischen Organisation haben. Unbestätigte Fotos sollen Juraj C. bei Treffen der „Slovenski Branci“ zeigen - eine Gruppe, die von 2012 bis 2022 in der Slowakei operierte und dabei unter anderem mit dem russischen Motorrad-Club „Nachtwölfe“ zusammenarbeitete. Das ukrainische Nachrichtenportal berief sich auf zwei Screenshots der Facebook-Seite der „Slovenski Branci“, auf der C. zu sehen sein soll.

Attentat auf Robert Fico: Was weiß man über den Tatverdächtigen?

Handlova – Ein Attentäter schoss am Mittwoch (15. März) in der Stadt Handlova mehrfach auf den slowakischen Premierminister Robert Fico. Der linksnationale Politiker schwebte zunächst in Lebensgefahr und musste operiert werden. Medienberichten zufolge ist er inzwischen wieder bei Bewusstsein. Die Polizei nahm den mutmaßlichen Schützen fest – der Tatverdächtige äußerte sich nach seiner Festnahme selbst in einem Video. An die Aufnahmen war ein slowakischer Sender trotz Informationsembargos des Krankenhauses gelangt.

Sicherheitskräfte nehmen den mutmaßlichen Attentäter in Handlová fest, nachdem der slowakische Premierminister Robert Fico am 15. Mai 2024 angeschossen wurde.

Attentat auf slowakischen Premierminister Robert Fico: Das ist der mutmaßliche Täter Juraj C.

Der mutmaßliche Attentäter Juraj C. ist Medienberichten zufolge 71 Jahre alt und als Schriftsteller und Dichter tätig. Drei Gedichtbände hat der mutmaßliche Schütze laut slowakischer Presse bereits veröffentlicht und ist seit 2015 Mitglied des slowakischen Schriftstellerverbands. Der 71-Jährige hat Berichten zufolge auch einen linken Literaturclub und sammelte vor acht Jahren im Internet Unterschriften für die Gründung einer politischen Partei namens „Bewegung gegen Gewalt“.

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25.04.1990: Der damalige saarländische Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat wird bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Stadthalle von Köln-Mühlheim von einer 42-jährigen Arzthelferin lebengefährlich mit einem Messer verletzt (rechts).
25.04.1990: Der damalige saarländische Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat wird bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Stadthalle von Köln-Mühlheim von einer 42-jährigen Arzthelferin lebengefährlich mit einem Messer verletzt (rechts).  ©  dpa / Frank Kleefeldt
7.1.2019: Im Januar 2019 wird der Bremer AfD-Politiker Frank Magnitz tätlich angegriffen. Dabei wird er von Unbekannten hinterrücks angegriffen und schwer verletzt.
7.1.2019: Im Januar 2019 wird der Bremer AfD-Politiker Frank Magnitz tätlich angegriffen. Dabei wird er von Unbekannten hinterrücks angegriffen und schwer verletzt. Die Polizei veröffentlichte die Bilder zu Fahndungszwecken. © Michael Bahlo/dpa
Am 27. März 1952 explodierte im Polizeipräsidium München der Inhalt eines mysteriösen Pakets, das an Konrad Adenauer adressiert worden war. Zwei Kinder wurden von einem Unbekannten beauftragt, es zur Post zu bringen – sie wurden aber misstrauisch und gingen zur Polizei.
Am 27. März 1952 explodierte im Polizeipräsidium München der Inhalt eines mysteriösen Pakets, das an Konrad Adenauer adressiert worden war. Zwei Kinder wurden von einem Unbekannten beauftragt, es zur Post zu bringen – sie wurden aber misstrauisch und gingen zur Polizei. © IMAGO (2) / ZUMA/Keystone/SuperStock
17.10.2015: Die parteilose Kandidatin bei der Oberbürgermeisterwahl in Köln, Henriette Reker, wird mit einem Messer angegriffen. Trotz des Angriffs findet die Wahl in Köln wie geplant statt.
17.10.2015: Die parteilose Kandidatin bei der Oberbürgermeisterwahl in Köln, Henriette Reker, wird mit einem Messer angegriffen. Trotz des Angriffs findet die Wahl in Köln wie geplant statt. © Monika Skolimowska/dpa
13.10.1990: Blick auf den Tatort, der mit Stühlen von der Polizei abgesichert ist, nachdem der durch Schüsse schwer verletzte Innenminister Wolfgang Schäuble abtransportiert wurde. Das Attentat fesselte ihn für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl.
13.10.1990: Blick auf den Tatort, der mit Stühlen von der Polizei abgesichert ist, nachdem der durch Schüsse schwer verletzte Innenminister Wolfgang Schäuble abtransportiert wurde. Das Attentat fesselte ihn für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl. © Norbert Försterling/Rolf Haid/dpa (2)
27.11.2017: Andreas Hollstein, Bürgermeister von Altena in Deutschland, wird im November 2017 in einem Restaurant von einem Mann mit einem Messer angegriffen. Der Angreifer, der den Bürgermeister wegen seiner Flüchtlingspolitik attackiert, verletzt Hollstein leicht, bevor er von anderen Restaurantbesuchern überwältigt wird.
27.11.2017: Andreas Hollstein, Bürgermeister von Altena, wird im November 2017 von einem Mann mit einem Messer angegriffen. Der Angreifer, der den Bürgermeister wegen seiner Flüchtlingspolitik attackiert, verletzt Hollstein leicht. © Oliver Berg/dpa
11.05.1981: Der hessische Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry wird am Morgen im Schlafzimmer seines Wohnhauses durch ein offenes Fenster von vier Kugeln getroffen und stirbt. Als Täter gelten „Revolutionäre Zellen“ – sie sollen dafür eine Leiter im Garten der Villa von Heinz Herbert Karry in Frankfurt genutzt haben.
11.05.1981: Der hessische Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry wird am Morgen im Schlafzimmer seines Wohnhauses durch ein offenes Fenster von vier Kugeln getroffen und stirbt. Als Täter gelten „Revolutionäre Zellen“ – sie sollen dafür eine Leiter im Garten der Villa von Heinz Herbert Karry in Frankfurt genutzt haben. © Heinz Wieseler / dpa
27.2.1975: Der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz wird von der RAF entführt und als Geisel genommen, um die Freilassung inhaftierter Mitglieder der Terrororganisation zu erzwingen. Er wird schließlich freigelassen.
27.2.1975: Der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz wird von der RAF entführt und als Geisel genommen, um die Freilassung inhaftierter Mitglieder der Terrororganisation zu erzwingen. Er wird schließlich freigelassen. © dpa (2) / Chris Hoffmann
1. 6. 2019: Der hessische Rechtsextremist Stephan Ernst tötet den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor dessen Wohnhaus mit einem Revolverschuss aus geringer Entfernung in den Kopf.
1.6.2019: Der hessische Rechtsextremist Stephan Ernst tötet den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor dessen Wohnhaus mit einem Revolverschuss – er schießt aus geringer Entfernung in den Kopf. © Swen Pförtner/dpa
11.04.1968: Das Fahrrad von Rudi Dutschke am Tatort in Berlin. Der Studentenführer wurde hier niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Dutschke erlag den Spätfolgen des Attentats elf Jahre später am Heiligabend 1979 im Alter von 39 Jahren.
11.04.1968: Das Fahrrad von Rudi Dutschke am Tatort in Berlin. Der Studentenführer wurde hier niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Dutschke erlag den Spätfolgen des Attentats elf Jahre später am Heiligabend 1979 im Alter von 39 Jahren. © dpa (2) / Chris Hoffmann / Rolf Kruse

Kurz nach der Festnahme des Mannes berichtete der lokale Fernsehsender Markiza, dass der Mann sich vor einem Monat zu dem Angriff entschlossen hatte. „Ich bin mit der Politik der Regierung nicht einverstanden“, sagte der mutmaßliche Täter in einem Video nach seiner Festnahme, an das der TV-Sender TA3 laut dpa trotz Informationsembargos der behandelnden Klinik gelangt war. Als Beispiel nannte der benommen wirkende C. die von der Regierung geplante Auflösung des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehsenders RTVS. Dagegen waren in den vergangenen Wochen Tausende Menschen in der Slowakei auf die Straße gegangen.

Sohn des mutmaßlichen Attentäters bestätigt: Waffe habe Vater legal besessen

Markiza sprach auch mit dem Sohn des mutmaßlichen Attentäters. Demnach habe sein Vater die Waffe legal besessen und einen Waffenschein gehabt. In psychiatrischer Behandlung habe sich sein Vater nicht befunden, dementierte er entsprechende Berichte. Sein Vater habe Fico nicht gewählt, sagte der Sohn des mutmaßlichen Attentäters dem Medium Aktuality. „Das ist alles, was ich dazu sagen kann.“

Gewalt sei oft eine Reaktion von Menschen, „als Ausdruck schlichter Unzufriedenheit mit der Sachlage. Seien wir unzufrieden, aber nicht gewalttätig!“, schrieb der mutmaßliche Attentäter Medienberichten zufolge im Jahr 2016 online, als er für die Gründung seiner politischen Partei Stimmen sammelte. Juraj C. soll laut unbestätigten Angaben früher bei einem privaten Sicherheitsdienst gearbeitet haben. Im Jahr 2016 soll der Tatverdächtige selbst einen gewalttätigen Angriff überlebt haben, als er in einem Einkaufszentrum in der Stadt Levice von einem jungen, alkoholisierten Mann angegriffen wurde, berichtete Nexta.

Slowakischer Premierminister schwebt weiter in Lebensgefahr: „Nächste Stunden entscheidend“

Der slowakische Premierminister war nach dem Attentat mit dem Hubschrauber in das Krankenhaus der Regionalhauptstadt Banská transportiert worden, da es zu lange gedauert hätte, ihn in die slowakische Hauptstadt Bratislava zu bringen, hieß es in einer Mitteilung auf seiner Facebook-Seite. „Die nächsten Stunden werden entscheidend sein“, so die Mitteilung weiter. Der Politiker befindet sich in kritischem Zustand. Videos zeigten, dass Fico im Zentrum der Stadt Handlova angeschossen wurde, wo er nach einer Kabinettssitzung mit Bürgern sprechen wollte.

Erst vor wenigen Tagen hatte Fico der liberalen Opposition vorgeworfen, ein Klima der Feindschaft gegen seine Regierung zu schüren, wie dpa berichtete. Es sei nicht auszuschließen, dass es angesichts der aufgeheizten Stimmung irgendwann zu einer Gewalttat komme. Der Politiker gründete die zuletzt immer nationalistischer gewordenen Linkspartei Smer-SSD und führte sie an. Seit fast 30 Jahren bestimmt er die Politik in seinem Heimatland und zählt zu einem der beliebtesten Politiker der Slowakei, polarisiert aber auch. Gegner werfen ihm wie dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán einen „prorussischen“ Kurs vor. Fico hatte im vergangenen Jahr die Militärhilfe der Slowakei an die Ukraine gestoppt (bme mit Material von dpa).

Rubriklistenbild: © RTVS / AFP

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