Neue Regierung in Italien

Melonis erste Schritte: „Grund zu feiern“ für die Mafia – und eine Warnung an Seenotretter

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Italiens neue Regierungschefin Georgia Meloni hat auch die zweite Vertrauensabstimmung gewonnen. Erste Linien ihrer Politik werden erkennbar - Kritik folgt prompt.

Rom – Giorgia Meloni hat am Mittwoch (26. Oktober) auch von der zweiten Parlamentskammer in Rom das Vertrauen erhalten. Keine Überraschung, die Bestätigung für die neue Ministerpräsidentin war angesichts der Mehrheitsverhältnisse erwartet worden. Allerdings zeichnen sich immer klarer erste Linien der Regierungspolitik der Ultrarechten ab. Mit Argwohn nahm die Opposition eine auf den ersten Blick unscheinbare Regelung auf: Meloni will unter anderem die Höchstgrenze für Bargeldzahlungen anheben. In der Migrationspolitik gibt es erste harte Töne ihres Rechtsbündnisses.

Der Gesetzentwurf sieht vor, die Grenze für Barzahlungen von aktuell 2000 bei nun 10.000 Euro zu erhöhen, wie unter anderem der Nachrichtensender ntv notierte. „Das werden vor allem Steuerhinterzieher und die Mafia feiern, die nun ihre Schwarzgelder besser verstecken können“, schimpfte der Oppositionspolitiker Franco Mirabelli auf Twitter über die Pläne.

Schattenwirtschaft in Italien: Meloni setzt dennoch auf Bargeld

Doch Meloni wollte davon nichts wissen: „Es gibt Länder ohne Höchstgrenzen und mit einer sehr geringen Steuerhinterziehung“, sagte sie n-tv zufolge mit Blick auf Deutschland. Gegner der – im Zuge von Corona verstärkt genutzten – Karten- oder Handyzahlungen argumentieren auch mit Datenschutzbedenken.

Ursprünglich sollte die Bargeldgrenze kommendes Jahr auf 1000 Euro gesenkt werden, um die Schattenwirtschaft einzudämmen - durch sie fehlen dem italienischen Staat jährlich mehr als 100 Milliarden Euro im Haushalt, berichtet n-tv und beruft sich dabei auf das Finanzministerium in Rom.

Italien unter Meloni: Das plant die neue Regierungschefin

Georgia Meloni bei ihrer Rede in Rom

Melonis rechtsgerichtete Regierung hält die absolute Mehrheit in Senat und Abgeordnetenhaus. Melonis erster Ausblick auf die Ziele der von den post-faschistischen Fratelli d‘Italia angeführten Koalition im Parlament umfasste auch ein strengeres Vorgehen gegen Migranten. Sie kündigte an, die Ankünfte von Migrantenbooten zu stoppen. In Nordafrika wolle sie mit den dortigen Behörden Stellen einrichten, die das Recht auf Asyl der Flüchtenden prüfen.

Italien will nun erneut seine Häfen für private Rettungsschiffe sperren. Der neue Innenminister Matteo Piantedosir sagte der Zeitung La Stampa, wenn ein Migrant in internationalen Gewässern auf ein Schiff steige, liege der Rest in der Verantwortung des Flaggenstaats. Die humanitären Schiffe seien „ein Anzugsfaktor für Migranten“. Über die Äußerungen berichtete unter anderem die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Das Innenministerium hatte mitgeteilt, das deutsche Schiff „Humanity 1“ und die norwegische „Ocean Viking“ agierten nicht im Einklang mit den europäischen und italienischen Sicherheits- und Grenzkontrollnormen und dem Kampf gegen illegale Einwanderung. Piantedosi ist parteilos, steht aber der rechtspopulistischen Lega nah, die nun in Italien mitregiert. Als Lega-Parteichef amtiert Matteo Salvini, der in den Jahren 2018 und 2019 selbst als Innenminister einen äußerst restriktiven Kurs in Sachen Asyl und Migration gefahren hatte.

In den vergangenen Jahren haben etwa zwölf Prozent der Bootsmigranten im zentralen Mittelmeer an Bord privater Rettungsschiffe die italienische Küste erreicht. 88 Prozent landen in ihren Flüchtlingsbooten direkt in Italien an oder wurden von der Küstenwache aus Seenot gerettet. Seit Jahresbeginn wurden im Mittelmeer 1762 Bootsflüchtlinge als vermisst gemeldet.

Wahl in Italien: Neue Rechte und alte Bekannte – wer beerbt Mario Draghi?

Giorgia Meloni hält eine Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung von Fratelli d‘Italia.
Italien steht vor einem Rechtsruck. 100 Jahre nach der Machtergreifung der Faschisten unter Benito Mussolini haben die rechtsextremen Fratelli d‘Italia (Brüder Italiens) um Parteichefin Giorgia Meloni im Herbst beste Chancen auf die Regierungsübernahme. Eine postfaschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni macht vielen Menschen Angst. © Piero Tenagli/Imago
Giorgia Meloni hält eine Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung von Fratelli d‘Italia.
Bei einer Veranstaltung der rechtsextremen spanischen Partei Vox Mitte Juni hatte Meloni lautstark deutlich gemacht, was sie alles ablehnt: Einwanderung, LGBTQ-Gruppen, Gender-Ideologien, die Brüsseler Bürokratie. In einem Italien, wo viele offen ihre Bewunderung für den „Duce“ Mussolini äußern, sind Melonis Ansichten populär. Zuletzt bemühte sie sich um moderatere Töne. Europa und die Welt müssten sich um Italien keine Sorgen machen, sagte sie bei einer Wahlkampfrede. © Gabriele Maricchiolo/Imago
Fratelli d‘Italia (Brüder Italiens): Logo für die Wahl in Talien
Meloni selbst bezeichnet sich nicht als Faschistin. Ein Blick auf das Wahl-Logo ihrer Partei gibt aber zu denken. Die Flamme als Symbol der Rechten ist seit Jahrzehnten das Kennzeichen der Postfaschisten in Italien. Viele erinnert sie an das Grab Benito Mussolinis, auf dem eine Lampe als ewiges Licht brennt. Meloni war gebeten worden, auf das Feuer zu verzichten, auch Holocaust-Überlebende appellierten an sie. Sie änderte das Logo nicht. © Riccardo Fabi/Imago
Giorgia Meloni, Matteo Salvini und Silvio Berlusconi gehen spazieren.
Aufgrund des komplizierten Wahlsystems in Italien ist es von Vorteil, Bündnisse zu schmieden. Im sogenannten Mitte-Rechts-Bündnis ist Melonis Fratelli d‘Italia laut Umfragen die stärkste Kraft. An ihrer Seite kämpfen Matteo Salvini (Lega, hier im Bild links) und Silvio Berlusconi (Forza Italia). Bei einem Sieg des Mitte-Rechts-Bündnisses dürfte Meloni den Posten der Ministerpräsidentin beanspruchen. © CLAUDIO PERI/afp
Matteo Salvini macht Wahlkampf in Giugliano.
Einer will Meloni aber noch die Suppe versalzen. Matteo Salvini hofft, seine Rivalin im Wahlkampf doch noch überflügeln zu können. Der Rechtspopulist sieht sich für den Fall eines überraschenden Wahlsieges seiner Partei Lega jedenfalls für das Amt des Regierungschefs gerüstet. „Ich bin absolut bereit“, sagte er bei einem Kurzbesuch des Flüchtlingslagers auf der Mittelmeerinsel Lampedusa.  © Antonio Balasco/Imago
Matteo Salvini (l), Vorsitzender der der rechten Lega, winkt während seines Besuchs auf der sizilianischen Insel Lampedusa.
Bei seinem Kurzbesuch auf Lampedusa Anfang August sagte Salvini, dass er im Falle der Regierungsübernahme von Mitte-Rechts die „Grenzen sichern“ und den Zustrom von Migranten stoppen wolle. „Italien darf seine Tore nicht aufmachen für illegale Einwanderer, die vor gar keinem Krieg flüchten.“ Schon zu seiner Zeit als Innenminister von 2018 bis 2019 war Salvini hart gegen Bootsflüchtlinge und auch Seenotretter vorgegangen. Wegen einiger Vorfälle muss er sich inzwischen vor italienischen Gerichten verantworten.  © David Lohmueller/dpa
Italien, Rom: Silvio Berlusconi (l), ehemaliger Ministerpräsident von Italien, tupft die Stirn von Matteo Salvini, Parteivorstand der rechtspopulistischen Lega Nord
Silvio Berlusconi ist der Dritte im Bunde der Mitte-Rechts-Allianz. Eine väterliche Figur gibt er gerne ab, das spürte im März 2018 auch Matteo Salvini. Tatsächlich wären der ehemalige Ministerpräsident Berlusconi und seine konservative Forza Italia noch die Moderatesten in diesem rechtsextremen Zusammenschluss – und das will was heißen. Berlusconi und Salvini pflegen ein enges Verhältnis zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Der würde sich über den Rechtsruck in Italien sicher freuen. © Andrew Medichini/dpa
Silvio Berlusconi hält eine Wahlkampfrede.
Eigentlich wollte Berlusconi 2022 Staatspräsident werden. Daraus wurde nichts. Nun hat er ein neues Ziel: Berlusconi kandidiert für den Senat in Rom. Für Berlusconi wäre es die Rückkehr in die kleinere Parlamentskammer, nachdem der 85-Jährige 2013 im Zuge einer Verurteilung wegen Steuerbetrugs dort rausgeflogen war. Und insgeheim träumt er davon, Präsident des Senats zu werden. Oder vielleicht doch nicht so geheim? Der Posten soll ihm angeblich von Meloni und Salvini zugesichert worden sein dafür, dass er mitgeholfen hat, Mario Draghi loszuwerden.  © Pasquale Gargano/Imago
Enrico Letta spricht bei einem Kongress in Rom.
Kann ein Erfolg des Mitte-Rechts-Blocks in Italien noch verhindert werden? Die Sozialdemokraten um Enrico Letta glauben noch immer daran. Der frühere Premier liegt im Grunde gut im Rennen. In sämtlichen Umfragen liegt die von ihm geführte PD fast gleichauf mit Melonis Fratelli d‘Italia. Die Umfragewerte nützen Letta aber erst mal herzlich wenig. Denn wegen des Wahlsystems in Italien braucht er dringend Verbündete. © Fabio Frustaci/Imago
Luigi Di Maio winkt in die Kamera.
Tatsächlich bemühen sich die Sozialdemokraten verzweifelt um eine solche Mitte-Links-Allianz. Dies verläuft aber nicht reibungslos. Als sich die Grünen, die Linken (Sinistra Italiana) und auch die neue Partei von Außenminister Luigi Di Maio (Impegno Civico, hier im Bild) dem von Letta geführten Bündnis anschlossen, verkündete prompt die Zentrumspartei Azione - die mit der PD eigentlich zuerst einen Deal unterzeichnet hatte - das Ende der Zusammenarbeit. © Mauro Scrobogna/dpa
Carlo Calenda hält eine Pressekonferenz.
Der Azione-Chef und frühere Minister Carlo Calenda (im Bild) begründete seinen Rückzug wie folgt: „Ich fühle mich nicht mehr wohl. Es ist würdelos, so Politik zu machen.“ Letta erwiderte daraufhin bei Twitter: „Mir scheint, als sei Calenda der einzig mögliche Partner von Calenda.“ Das stimmt aber nicht, denn Calenda hat kurz darauf einen neuen Bündnispartner gefunden.  © Massimo Di Vita/Imago
Matteo Renzi spricht im Parlament.
Und wer ist der neue Partner von Calenda? Kein Geringerer als Ex-Regierungschef Matteo Renzi (hier im Bild). Die beiden Parteien Italia Viva (Renzi) und Azione (Calenda) bilden eine Zentrumsallianz, die moderate Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen und damit möglicherweise in eine Rolle als Königsmacher kommen will. Angeführt wird die Kampagne von Calenda. Dessen Ziel ist, den noch amtierenden, parteilosen Ministerpräsidenten Mario Draghi nach der Wahl zu einem Weitermachen zu überreden. © Angelo Carconi/Imago
Giuseppe Conte hält eine Pressekonferenz ab.
Und dann wäre da noch Giuseppe Conte. Der frühere Regierungschef hat inzwischen die Leitung der Fünf-Sterne-Bewegung übernommen. Die war 2018 mit 32 Prozent noch die stärkste Partei, sackte in den Umfragen jetzt aber auf rund 10 % mächtig ab. Die Partei hat nicht nur ihre Wählerschaft verloren, auch die möglichen Bündnispartner wollen mit ihr nichts zu tun haben. Vor allem Contes Rolle beim Sturz von Mario Dragahi stößt allen anderen sauer auf. So gibt Conte wohl die Rolle des Konkursverwalters.  © Massimo Percossi/Imago

Italien: Meloni und Berlusconi sprechen über Haltung zu Putin im Ukraine-Krieg

Im Senat unterstrich Meloni am Mittwoch außerdem, dass sie die Ukraine weiter unterstützen werde. Friedensgespräche könne es nur geben, wenn Kiew Russland als Aggressor im Kampf nicht unterlege, meinte sie. Auch Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi, dessen Bemerkungen über seinen Freund und Kremlchef Wladimir Putin zuletzt Ängste über eine Annäherung an Russland genährt hatten, sagte in seiner ersten Rede im Senat seit neun Jahren, dass Italien fest an der Seite der Regierung von Wolodymyr Selenskyj stehe.

Darüber hinaus sollen Familien und Unternehmen in der Energiekrise entlastet werden - Details dazu nannte Meloni in ihrer Rede nicht. Sie bekannte sich überdies zu Europa und der Verankerung Italiens in internationalen Allianzen, kündigte zugleich aber Vorschläge an, etwa den Wachstums- und Stabilitätspakt abzuändern. (frs mit Material von dpa)

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