Sexualisierte Gewalt: „Wir müssen ganz konkret darüber sprechen“
VonAnna Laura Müller
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Kriminologin Heike Holz im Interview über die Prävention von sexualisierter Gewalt in Institutionen und wieso Standards nur auf dem Papier nicht ausreichen.
Frankfurt – Orte, an denen Kinder und Jugendliche sexualisierter Gewalt ausgesetzt sein können, gibt es immer noch zu viele. Neben dem familiären und nahem sozialen Umfeld birgt auch die Schule Risiken für Übergriffe und Missbrauch. Die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat in einem am Dienstag veröffentlichen Bericht nun genau dort Aufholbedarf angemahnt. Beim Kieler Petze-Institut für Gewaltprävention werden Schutzkonzepte für Schulen, Kindergärten und anderen Institutionen in der Kinder- und Jugendarbeit entwickelt und Fachkräfte geschult, um künftig mehr junge Menschen schützen zu können.
Frau Holz, die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist immer noch ein Thema, bei dem im Umfeld oft Schweigen herrscht. Wieso ist das so?
Viele Fachkräfte schweigen, da es bei Ihnen beispielsweise auch darum geht, dass Täterinnen und Täter oft auch ein Kollege oder eine Kollegin sein kann oder allgemein ein Mensch im Umfeld, den man kennt. Menschen, die solche Taten begehen und vielleicht über Jahre massive sexuelle Gewalt ausüben, gehen sehr geschickt vor. Da bedarf es erstmal einer eigenen Reflexion, dass man vielleicht ebenfalls von diesen Menschen getäuscht worden ist und dass man darauf reingefallen ist. Da bedarf es dann des Eingeständnisses, dass man vielleicht nicht genau hingeschaut hat oder eine gewisse Mitschuld mitträgt. Täter nutzen oft ihre Macht oder Autorität aus, um die Opfer zum Schweigen zu bringen. Das hemmt Kinder und Jugendliche Betroffene sich anzuvertrauen. Aber das Umfeld schweigt oft mit.
Welche Auswirkungen hat es, wenn Betroffenen zunächst nicht geglaubt wird, wenn sie von ihrem Missbrauch erzählen?
Es besteht immer noch sehr viel Furcht und ein Mythos darüber, dass Kinder und Jugendliche sich solche Taten ausdenken können. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Wir wissen, dass dieser Mythos ganz oft Menschen davon abhält, vernünftig und gut aufzuarbeiten oder sich Hilfe dabei zu suchen. Aufarbeitung an sich ist ja auch ein sehr großes Wort für sehr vieles. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen in der unmittelbaren Nähe von Kindern und Jugendlichen sehr interessiert daran sind aufzuarbeiten was passiert. Aber dann muss eine Institution vielleicht auch aushalten im gewissen Maß, dass man nicht zu einer gänzlichen Aufarbeitung zum allumfassenden Wahrheitsverständnis kommt, was da passiert ist. Dass wir es vielleicht nicht in Gänze rekonstruieren können. Für Betroffene ist wichtig, dass Ihnen geglaubt wird. Dass Kinder und Jugendliche ernst genommen werden, wenn sie sich anvertrauen.
Was ist entscheidend, wenn ein Missbrauchsverdacht aufkommt?
Die wichtigste Reaktion ist: Ich glaube dir und du hast keine Schuld! Wir müssen ganz konkret darüber sprechen, wie reagiere ich, wenn ich Missbrauch vermute oder wenn sich ein Kind mir sogar anvertraut. Wir wissen, dass diese ersten Interventionsschritte unheimlich wichtig sind und das bedarf Übung. Wir üben ja auch andere Sachen. Und das gilt auch für Fachkräfte. Die müssen nicht alles perfekt können und das perfekte Interventionsgespräch führen. Das verlange ich von keiner Lehrer:in und keinem Erzieher. Wenn wir einen Verdacht oder eine Vermutung haben, dann müssen wir wissen, wen wir mit ins Boot holen können. Dann muss ich wenigstens wissen, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, das Kind könnte sexuellen Missbrauch erlebt haben. Wir müssen die „Krisenköpfe“ kennen, also wissen, wen kann ich anrufen, mit wem kann ich vielleicht auch erstmal vertraulich sprechen, wo kann ich mich hinwenden.
Und wie funktioniert das derzeit in der Praxis?
Im Moment kann ich Lehrerin werden, Sozialpädagogin oder Erzieher:in, sozialpädagogische Assistentin oder Assistent, ohne dass ich mit dem Thema in Berührung komme, weder in der Prävention noch in der Intervention. Und da würde ich mir für Deutschland einen Fachkräfte-Plan wünschen: Wie bekommen wir das Thema in die Ausbildung und ins Studium, damit alle jungen Menschen, die in den Bereich der sozialen Arbeit und damit in die Welt der Kinder und Jugendlichen und Menschen mit Behinderung eintreten, wissen, dass es sexuelle Gewalt gibt gegenüber Kindern und dass es meine Aufgabe ist auch diese zu verhindern mit einer präventiven Haltung.
TÄTIGKEITSBERICHT DER AUFARBEITUNGS-KOMMISSION
Am Dienstag hat die sogenannte Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs den Tätigkeitsbericht ihrer zweiten Laufzeit von 2019 bis 2023 veröffentlicht.
Bis Ende 2023 haben sich bei der Kommission mehr als 2600 Betroffene und Zeitzeug:innen per vertraulicher Anhörung oder schriftlichem Bericht an die Kommission gewandt. Ihre Berichte über sexualisierte Gewalt in der Kindheit und Jugend nutzt die Kommission beispielsweise als Grundlage für Empfehlungen für Aufarbeitungsprozesse in Institutionen, für wissenschaftliche Studien und zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema.
Die Kommission wurde 2016 auf Beschluss des Bundeskabinetts vom Juli 2015 berufen und untersucht seither auf Bundesebene Ausmaß, Art und Folgen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR ab 1949. Im November letzten Jahres beschloss das Bundeskabinett eine weitere Verlängerung bis zum 31. Dezember 2025.
Besonders im Bereich Schule fordert die Kommission bei der Vorstellung ihres Tätigkeitsberichts mehr politischen Einsatz gegen sexuellen Missbrauch. „Die Bildungsverwaltung könnte hier eine staatliche Vorbildfunktion übernehmen“, so Barbara Kavemann, Mitglied der Kommission.
Bei anderen Institutionen ist aus Sicht der Kommission mehr Bewegung erkennbar, sich dem Thema zu stellen und dem Missbrauch vorzubeugen. So werde derzeit ein Zentrum „Safe Sport“ entwickelt, unter Mitwirkung des Vereins Athleten Deutschland. Auch bei der Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in pädosexuellen Netzwerken erkennt die Kommission Fortschritte.
Außerdem setzt sich die Kommission laut Mitglied Stephan Rixen für ein Gesetz ein, das die Arbeit der Kommission dauerhaft absichern soll. „Das Gesetz muss auch die Rechte Betroffener auf Aufarbeitung, insbesondere ihr Akteneinsichtsrecht, stärken“, so Rixen. Außerdem solle es sicherstellen, dass Aufarbeitung eine Daueraufgabe der Institutionen, beispielsweise in Religionsgemeinschaften, Sportvereinen oder Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege, sei.
Betroffene und Zeitzeug:innen können sich weiterhin unter www.aufarbeitungskommission.de an die Kommission wenden. alm/dpa
Wenn das Thema kaum in die Ausbildung integriert ist, kommen die meisten Fachkräfte erst bei ihrem ersten Fall damit in Berührung. Das kann problematisch werden, oder?
Ja, und das bedeutet auch eine große Handlungsunsicherheit für Fachkräfte. Erstmal, weil ihnen das Vorstellungsvermögen darüber fehlt, was diesem Kind oder Jugendlichen vielleicht angetan wird. Aber es fehlt auch die Vorstellung von Interventionsschritten und was dann geschehen kann.
Handlungsempfehlungen brauchen auch eine positive Grundhaltung
Die Unabhängige Kommission zur Aufklärung sexuellen Kindesmissbrauchs wertet seit mehreren Jahren nach individuellen Anhörungen von Betroffenen Erlebnisse aus und spricht Handlungsempfehlungen aus. Dabei werden auch Standards für Institutionen erarbeitet. Wie sinnvoll sind solche Standards?
Ich befürworte Standards sehr. Und es ist toll, dass sie so formuliert sind, dass sie die Perspektive von Betroffenen mit einbeziehen. Das ist großartig. Nur habe ich aus meiner Perspektive aus der Praxis in der Fortbildung immer Angst, dass es verpufft, wenn man Menschen nicht qualifiziert, diese Standards auch einzuhalten. Es fehlen an ganz vielen Stellen Ressourcen für Fachstellen, diese Arbeit gut und nachhaltig durchzuführen – und das bedeutet einfach Geld. Es sind oftmals einfach die finanziellen Mittel, die in die Qualifizierung von Fachkräften gesteckt werden sollen, nicht da. Der Haushalt ist auf Bundesebene und Länderebene angespannt und das bekommen viele Kinder und Jugendliche zu spüren. Das bedeutet auch, dass sie durch weniger qualifiziertes Personal betreut werden. Das merken wir auch häufig in der Schutzkonzeptarbeit.
Wie macht sich das dort bemerkbar?
Institutionen, die ein Schutzkonzept haben möchten gegen sexualisierte Gewalt können wir zu einem gewissen Grad begleiten. Das bedeutet aber auch, dass wir immer mit der Haltung rausgehen, dass ein gelebtes Schutzkonzept kein Ordner in einem Schrank ist. Den braucht es auch, den muss ich auch im Notfall rausziehen können. Aber es bedeutet auch, dass ich eine Grundhaltung habe, die positiv zugewandt ist, wo sich viel mehr widerspiegelt und viel mehr wiederfindet als dieser Ordner.
Kriminologin fordert besonderen Fokus auf Menschen mit Behinderung
Es gibt kleinere Gruppen, die ein erhöhtes Risiko haben, sexualisierter Gewalt ausgesetzt zu sein - beispielsweise Kinder mit Behinderungen. Wenn die Ressourcen schon allgemein knapp sind, wie steht es um die Weiterbildung in diesem Bereich?
Wir wissen, Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und Lernschwierigkeiten geraten oftmals aus dem Fokus, weil ihre kognitiven Fähigkeiten das vielleicht nicht zulassen sich zu äußern. Und wir wissen, dass die Forschungssituation leider desaströs ist - es gibt wenig gute, qualitativ hochwertige Zahlen. Wichtig ist Prävention inklusiv zu denken und intersektional zu denken. Denn diese Kinder und Jugendlichen sind besonders betroffen, weil Täter und Täterinnen wissen, dass sie besonders gut zu manipulieren sind, aber auch das Abhängigkeitsverhältnis besonders hoch ist. Das ist für die eine große Herausforderung. Also zu schauen, wie können wir Prävention dort besonders wirksam gestalten. Es ist klar, dass Kinder- und Jugendrechte für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland gelten und die Gruppe von Menschen mit Behinderung muss da noch mal wirklich viel dezidierter mitgedacht werden als wir das jetzt gerade tun.
Zur Person
Heike Holz ist Kriminologin, Juristin und seit drei Jahren Geschäftsführerin beim Petze-Institut für Gewaltprävention.
Das Petze-Institut wurde 1992 in Kiel gegründet und qualifiziert Fachkräfte, die mit Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung arbeiten, um diese vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Das Ziel ist es, Personal in Kitas, Schulen, Kinder- und Jugendarbeit und in der Behindertenhilfe für das Thema zu sensibilisieren.
Das multiprofessionelle Team betreut Projekte und Fortbildungen in Schleswig-Holstein, entwickelt aber auch ausleihbare Ausstellungen, die deutschlandweit und vor allem im deutschsprachigen Ausland für die Prävention von sexualisierter Gewalt eingesetzt werden können.
Sie arbeiten vor allem an Institutionen wie Schulen, aber Missbrauch geschieht ja auch häufig in der Familie und im engen sozialen Umfeld. Es ist aber schwierig, diesen Privatraum mit Schutzkonzepten zu erreichen. Wie können diese Bereiche zusammen gedacht werden für den größtmöglichen Schutz?
Ich glaube schon, dass das uns vor große Herausforderungen stellt. Deshalb ist es so wichtig, an alle Strukturen anzuknüpfen, an denen Familien sich aufhalten. Am liebsten würde ich in der Prävention gesamtflächig denken. So ein verzahnter Kinder- und Jugendschutz bedeutet auch: Wie redet man mit dem Jugendamt oder mit dem Kinderschutzbund, mit möglichen Interventionsstellen? Also: Wie greift das gut ineinander? Und eine optimale Präventionsarbeit würde natürlich schauen, wie greifen alle Institutionen, in denen Kindern und Jugendliche sich aufhalten, ineinander. Das ist ein Zukunftsausblick und eine Vision, die ich habe. Wir lernen ja auch durch die Arbeit der Kommission, was geholfen hätte und darauf gilt es sich zu fokussieren und den Betroffenen genau zuzuhören und zu schauen, was können wir da für die Strukturen daraus ableiten. Und wie müssen wir Strukturen ändern. Wie kann man präventiv Hilfe denken? Wichtig ist: Wo sind die Anknüpfungspunkte von Familien, bei denen es Hilfe zur Erziehung, aber auch Hilfe für betroffene Kinder und Jugendliche gibt.