Drohnen-Vorfälle: Deutschland mangelhaft vorbereitet – „unentschuldbar“
VonNail Akkoyun
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Nach Drohnen-Vorfällen in Dänemark wächst die Sorge um deutsche Flughäfen. Sicherheitsexperten warnen vor mangelnder Vorbereitung. Die Politik will schnell reagieren.
Berlin – Deutschland hat bei der Abwehr von Drohnen erheblichen Nachholbedarf. So lautet die alarmierende Einschätzung von Sicherheitsexperten, nachdem in den vergangenen Tagen mehrere dänische Flughäfen von Drohnensichtungen betroffen waren. Der Vorsitzende des Geheimdienst-Gremiums des Bundestages, Marc Henrichmann, warnt eindringlich vor einem Gefühl „falscher Sicherheit“ an deutschen Airports.
Bundeswehrsoldaten sind im Hamburger Hafen im Einsatz während des Starts der Großübung „Red Storm Bravo“. Dort könnte auch die Drohnen-Abwehr geprobt werden.
„Flughäfen sind zentrale Punkte unserer kritischen Infrastruktur und immer häufiger Ziele hybrider Angriffe – von Drohnenüberflügen bis zu Cyberattacken“, betonte der CDU-Politiker in einem Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Er fordert: „Wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen, sondern müssen widerstandsfähiger werden und schneller reagieren.“
Mangelnde Drohnen-Vorbereitung in Deutschland „unentschuldbar“
Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Franke kritisiert die mangelnde Drohnen-Vorbereitung Deutschlands scharf. „Selbst an kritischer Infrastruktur wie großen Flughäfen gibt es keine oder zu wenige Abwehrmaßnahmen“, sagte sie gegenüber dem Spiegel. Das sei „unentschuldbar“.
Zwar gebe es „nicht das eine System, das man zum Schutz kritischer Infrastruktur kauft und damit alle Herausforderungen bewältigt“, so die Expertin für deutsche und europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Doch man könne und müsse sich mehrerer Systeme bedienen, um gegen verschiedene Drohnentypen vorgehen zu können. Als Beispiele nannte sie Störsender, Abfangdrohnen, Laser oder Mikrowellenwaffen.
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Franke vermutet, dass Störungen durch Drohnen für Flughafenbetreiber bislang nicht ökonomisch relevant genug waren, um in Abwehrsysteme zu investieren. „Das finde ich am erstaunlichsten, weil Drohnen an Flughäfen katastrophale Auswirkungen haben können, im schlimmsten Fall bringen sie einen Jet zum Absturz“, warnte die Expertin. Sollte Russland hinter den Vorfällen in Dänemark stecken, „nimmt es Unfälle mit vielen Toten in Kauf“.
Nach Drohnen-Vorfällen in Dänemark: Dobrindt will Abschüsse durch Polizei und Bundeswehr
Die Drohnen-Vorfälle in Dänemark sorgen derweil in der deutschen Politik für erste Konsequenzen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte im ZDF-Interview, er wolle Drohnen von der Polizei und der Bundeswehr abschießen lassen. Man müsse Drohnen allerdings „auf unterschiedlichste Art und Weise bekämpfen“.
Der Grünen-Sicherheitsexperte Konstantin von Notz kritisierte die bisherigen Bemühungen der Regierung scharf. Er warf Dobrindt „massive Versäumnisse“ beim Thema Drohnenabwehr vor. „Mittlerweile erleben wir fast täglich Drohnenüberflüge“, sagte von Notz im Gespräch mit Zeitungen der Funke Mediengruppe. Von Notz forderte eine Verbesserung der Fähigkeiten zur Entdeckung und Abwehr von Drohnen und betonte die Notwendigkeit einer koordinierten Zusammenarbeit zwischen Polizeien auf Landes- und Bundesebene, der Bundeswehr und den Nachrichtendiensten.
Russland-Drohnen im NATO-Luftraum: EU berät über gemeinsamen „Drohnenwall“
In den vergangenen Wochen hatten bereits Polen, Estland und Rumänien Verletzungen ihres Luftraums durch russische Drohnen und Kampfflugzeuge gemeldet. Die NATO wertete dies als gezielte Provokationen Russlands, der Kreml wies die Drohnen-Vorwürfe als „absurde Spekulationen“ zurück.
In Dänemark wurde der Luftraum über dem Flughafen Aalborg am späten Donnerstagabend wegen eines Drohnen-Alarms gesperrt, wie die dänische Polizei mitteilte. Am Freitagmorgen gegen 0.35 Uhr wurde er dann wieder geöffnet. Ein aus Amsterdam kommendes Flugzeug der niederländischen Fluggesellschaft KLM musste wegen der Flughafen-Schließung umkehren, ein Flug von Scandinavian Airlines aus Kopenhagen wurde annulliert.
Regierungschefin Mette Frederiksen hat anschließend vor einer Zunahme solcher Vorfälle gewarnt. Ihr Land sei „Opfer hybrider Angriffe“, sagte sie am Donnerstag in einer Videobotschaft. Am Freitag will Dänemark mit anderen EU-Ländern über den Aufbau eines europäischen „Drohnenwalls“ beraten. (Quellen: Funke Mediengruppe, Spiegel, ZDF, dpa, AFP) (nak)