VonClemens Dörrenbergschließen
Psychosoziale Beraterinnen unterstützen im krisengebeutelten Myanmar traumatisierte Menschen – bei einem Besuch in Deutschland erzählen sie von ihrer Arbeit.
Mit wenigen Worten beschreibt Ma En Je den emotionalen Zustand vieler Menschen in Myanmar: „Sie können nicht mehr lächeln“, sagt die 33-Jährige, und ihre Stimme zittert dabei etwas. Ma En Je ist psychosoziale Beraterin. Sie gehört zu einer kleinen Gruppe von Aktiven, die mit psychologischer Hilfe ihre Landsleute unterstützt und in dem autoritär regierten Land viel riskiert. Zum Schutz sind ihr Name und die Namen ihrer Mitstreiterinnen daher in diesem Text geändert.
Seit sich das Militär im Februar 2021 an die Macht geputscht hat, ist das ehemalige Birma im permanenten Krisenmodus versunken. Damals setzte die Militärjunta in dem südostasiatischen Land die demokratische Regierung unter Ministerpräsidentin Aung San Suu Kyi mit der Begründung eines angeblichen Wahlbetrugs ab, nachdem Suu Kyis Partei NLD die Parlamentswahlen 2020 klar gewonnen hatte. Suu Kyi wurde wegen einer Reihe strafrechtlicher Anschuldigungen zu 33 Jahren Haft verurteilt. Derzeit sitzt die 77-Jährige offenbar in Einzelhaft, völlig isoliert von anderen Gefangenen und gesundheitlich angeschlagen. Nach der Machtübernahme hat die Militärjunta den Ausnahmezustand ausgerufen und immer wieder verlängert, zuletzt im vergangenen Februar für weitere sechs Monate.
Nach Angaben örtlicher Beobachtender wurden seit dem Putsch bei Protesten und Auseinandersetzungen mit der Armee 3500 Menschen getötet. Mehr als eine Million Menschen sollen infolge der Gewalt nach UN-Angaben vertrieben worden sein. Tausende, die sich gegen das Regime aufgelehnt haben, sitzen in Gefängnissen. Nach Angaben von Amnesty International wurden im vergangenen Jahr erstmals seit den 1980ern wieder Todesurteile vollstreckt.
In dieser brisanten Gemengelage bieten Ma En Je und ihre Mitstreiterinnen Menschen in Myanmar psychologische Unterstützung an. „Wir kümmern uns um alle, die in ihrer emotionalen Situation leiden, egal welchen Geschlechts oder welcher Ethnie“, berichtet Projektmanagerin Charm Myae bei einem Vortrag im Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung in Frankfurt Ende Mai. „Ich habe vorher noch nicht erlebt, dass Verfolgung so sehr im Raum steht und Menschen einfach verhaftet werden“, sagt Institutsleiterin Marianne Rauwald, die selbst in Myanmar war und die Frauen im Rahmen des Projekts „Über Grenzen“ eingeladen hat.
Bereits seit 2016 arbeiten die vier eingeladenen Frauen in der psychosozialen Beratung, die durch verschiedene internationale Hilfswerke gefördert wird. Durch eine Initiative aus Deutschland konnten sie sich in der psychosozialen Beratung weiterqualifizieren.
Insbesondere Anhänger:innen der Bewegung des zivilen Ungehorsams, die Widerstand gegen die Militärjunta leisten, benötigten psychologische Unterstützung. Viele von ihnen seien bereits inhaftiert gewesen und hätten hinter Gittern Schreckliches erlebt. „Einige wurden brutal gefoltert“, berichtet die psychosoziale Beraterin Khin Khin Htar. Auch sexueller Gewalt seien Frauen wie Männer in Haft häufig ausgesetzt. Das Dilemma für die Betroffenen, so Khin Khin Htar: „Sie können sich ihren Familien nicht öffnen.“ Die Tendenz zum Suizid sei daher hoch.
Teils aus Scham, teils aufgrund der besonderen Familienstrukturen in Myanmar, aber auch um ihre Familien zu schützen, könnten sich Betroffene ihren Angehörigen häufig nicht anvertrauen. Denn sei man einmal verdächtig, könne es passieren, dass die gesamte Familie den Repressionen des Militärregimes zum Opfer falle. Auch daher würden viele schweigen. „Wir wollen unsere Gefühle nicht mit anderen teilen“, sagt Khin Khin Htar und weiter: „Wir schlucken sie hinunter“.
Deshalb sei die psychosoziale Beratung so wichtig, damit Betroffene die Möglichkeit bekämen, sich zu öffnen. Dies geschehe auch mal ohne Worte. Durch Zeichnen könnten sich Menschen in den Beratungen ebenfalls mitteilen. Aber auch der Austausch mit weiteren Betroffenen sei wichtig. Neben individueller Unterstützung legen die Frauen deshalb den Fokus auf Gruppengespräche. So könnten sie gleichzeitig mehr Menschen erreichen. „Die sehr wichtige Botschaft von Gruppenberatung ist: ‚Du bist nicht allein‘“, betont Khin Khin Htar.
Zu den Hilfsbedürftigen zählen auch Binnenvertriebene, darunter die muslimische Minderheit der Rohingya, die im buddhistisch geprägten Myanmar seit Jahrzehnten verfolgt wird. Von dem Wirbelsturm Mocha, der Mitte Mai durch Bangladesch und Myanmar fegte, waren Geflüchtete besonders stark betroffen. Beim heftigsten Zyklon seit mehr als zehn Jahren in der Region kamen mindestens 400 Menschen ums Leben. Die Militärregierung behinderte die Hilfe für die Opfer. In seiner Pfingstansprache appellierte Papst Franziskus an Myanmars Machthaber, internationale Hilfe zuzulassen.
Um die psychologische Unterstützung auszuweiten - derzeit stünden rund 2000 Menschen auf Wartelisten - geben die psychosozialen Berater:innen ihr Wissen in Gruppensitzungen weiter, teilweise auch online. Dabei achten sie darauf über geschützte Internet-Verbindungen zu kommunizieren. Der geschützte Raum aber, den sie bei ihrer psychosozialen Beratung bieten können, fehlt ihnen selbst. „Wir sind auch Opfer des Militärcoups“, sagt Charm Myae. Die Mitglieder ihres kleinen Netzwerks seien „gleichzeitig politische Aktivisten und psychosoziale Berater“. Und sie wisse nicht, so fügt sie hinzu: „wann wir verhaftet werden“.
