- VonFabian Pieperschließen
In der Ukraine tobt nach wie vor Krieg. Doch das orthodoxe Weihnachten 2022 steht vor der Tür. Ein Moment des Einhalts? So feiern Ukrainer das Weihnachtsfest.
Kiew – Seit Ende Februar tobt der Ukraine-Krieg: Millionen Menschen aus der Ukraine sind seit Ausbruch des Krieges durch den Einmarsch russischer Streitkräfte auf den Befehl Wladimir Putins aus Angst geflohen. Viele von ihnen sind in Deutschland untergekommen. Für jeden Ukrainer wird das bevorstehende Weihnachten 2022 im Zeichen des Krieges ein Besonderes. Doch wie feiern Menschen in der Ukrainer für gewöhnlich Weihnachten?
Nicht im Dezember: Wann und wie wird in der Ukraine Weihnachten 2022 gefeiert?
Das hängt in erster Linie mit der Religionszugehörigkeit zusammen. Die überwältigende Mehrheit der rund 42 Millionen Einwohner des Landes sind Christen: Rund 75 Prozent der Ukrainer gehören den orthodoxen Kirchen an. Auch Muslime (4 Prozent), Protestanten (2,7 Prozent), Katholiken (2,4 Prozent). Das ukrainische Weihnachten ist demnach ein stark orthodox geprägtes. Und das weist mitunter große Unterschiede zu der Art und Weise auf, wie deutsche Christen hierzulande Weihnachten feiern.
Der offensichtlichste Unterschied: Ukrainische Weihnachten und damit das orthodoxe Weihnachtsfest wird nicht am Heiligen Abend (24. Dezember) sowie den beiden Weihnachtsfeiertagen (25. und 26. Dezember) gefeiert. Dort begehen Gläubige die Feierlichkeiten erst knapp zwei Wochen später, ab dem 6. Januar des Folgejahres, der im deutschen Kulturraum der Feiertag „Drei Heilige Könige“ ist.
Das hat einen geschichtlichen Grund: Zwar leben auch die Menschen in der Ukraine nach dem in den allermeisten Ländern dieser Welt gebräuchlichen gregorianischen Kalender. Doch richten sich christliche Feiertage in den orthodoxen Kirchen nach dem julianischen Kalender. Da sich beide Kalender in ihrer Tageslänge um mehr als elf Minuten unterscheiden – der julianische Kalendertag ist zu lang – rückt das orthodoxe und damit das ukrainische Weihnachten immer weiter nach hinten. Derzeit wird es am 6. Januar gefeiert, ab dem Jahr 2100 am 7. Januar; Protestanten und Katholiken sowie einige Regionen im Westen des Landes hingegen feiern Weihnachten wie gewohnt ab dem 24. Dezember. Der 25. Dezember ist seit einigen Jahren ein gesetzlicher Feiertag.
Geschenke an Weihnachten in der Ukraine: Präsente werden bereits ab 19. Dezember verschenkt
Was jedoch ukrainische Weihnachten und das uns bekannte deutsche Weihnachtsfest verbindet: Es sind Feste der Familie, bei dem die Verwandtschaft zusammenkommt. Geschenke gibt es an Weihnachten in der Ukraine in der Regel aber bereits am 19. Dezember, dem ukrainischen Nikolaus-Tag.
Die Feierlichkeiten beginnen oftmals zu dem Zeitpunkt, an dem der erste Stern am Himmel erkennbar ist. Dann wird traditionell ein Zwölf-Gänge-Menü (ohne Fleisch- und Milchprodukte) aufgetischt. Das wichtigste Gericht heißt „Kutja“ und ist ein vor allem bei Kindern beliebter süßer Brei aus Weizenkörner, Honig und Mohnsamen. Jedes Familienmitglied muss davon einen Löffel essen, nachdem die älteste Anwesende Person die Feier mit einem Gebet eröffnet hat.
Weihnachten in der Ukraine wird als Gedenktag für verstorbene Verwandte begangen
Auch das Essen an Weihnachten in der Ukraine wird zelebriert: Unter dem Tisch liegen während des Weihnachtsessens häufig Stroh – als Anlehnung auf das Strohbett von Jesus Christus im Stall zu Betlehem. Ferner sollen ausgelegte Walnüsse und Knoblauch für Gesundheit und Kraft sorgen. Auch verstorbene Verwandte werden in das Fest einbezogen, indem ein Teller leer bleibt, damit diese sich ebenfalls zur Runde gesellen können. Im Raum befindet sich zudem häufig ein Diduch genannter Bund aus Ähren der ersten Getreideernte des Vorjahres. Er soll für eine gute Ernte im kommenden Jahr sorgen.
Der erste Weihnachtsfeiertag steht zunächst ganz im Zeichen der Kirche. Der Gottesdienst an Weihnachten in der Ukraine allerdings kann mehrere Stunden dauern und wird im Stehen abgehalten. Anschließend gibt es daheim erneut ein Festessen, diesmal allerdings auch mit Fleisch und Milch, da am ersten Weihnachtsfeiertag, 7. Januar, die Fastenzeit in der orthodoxen Kirche in der Ukraine endet.
Weihnachten in der Ukraine: 40-tägige Fastenzeit endet am ersten Weihnachtsfeiertag am 7. Januar
Später am Nachmittag laufen dann bereits die ersten Sternsinger von Haus zu Haus, erkennbar an ihren traditionellen Gewändern sowie einem mitgeführten Weihnachtsstern und einer Glocke. Sie singen und beten und erhalten dafür Süßigkeiten und Geld. An einem Abend können mehr als ein Dutzend Sternsingergruppen an einem Haus vorbeikommen. Der Haupttag für Sternsinger ist allerdings der zweite Weihnachtsfeiertag.
Der traditionelle Gruß zu Weihnachten in der Ukraine lautet „Christos narodiwsja“ , was in etwa „Christ wurde geboren“ bedeutet. Wer so begrüßt wird, antwortet in der Regel „Slawimo Joho“ („Preiset ihn!“). Mit Alkohol angestoßen wird offiziell allerdings erst ab dem Ende der Fastenzeit am ersten Weihnachtsfeiertag – aber viele Ukrainer halten sich nicht daran und trinken bereits am Heiligen Abend.
Ob und wie die Menschen in der Ukraine und die Flüchtlinge in diesem Jahr Weihnachten 2022 überhaupt feiern und genießen können, das steht auf einem anderen Blatt. Für sie wird es ein Weihnachtsfest, wie sie es wohl noch nie erlebt haben – und es hoffentlich auch nie wieder erleben müssen.
Rubriklistenbild: © dpa

