Haiti

Sorge vor karibischem Albtraum

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Flüchtlinge aus Berg-Karabach in Goris.
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Kenias Polizei soll ab dem kommenden Jahr die UN-Blauhelmmission im zerütteten Haiti führen – dabei sind die Kräfte im eigenen Land als skrupellos berüchtigt.

Die Vereinten Nationen haben eine fragwürdige Entscheidung zu Haiti getroffen: Der Sicherheitsrat in New York hat jetzt grünes Licht für eine Mission gegeben, die den berüchtigten Gangs auf der karibischen Insel Paroli bieten soll. Das Prekäre daran: die bis zu 20 000-köpfige Truppe soll ab Anfang 2024 ausgerechnet von Polizisten des ostafrikanischen Staats Kenia angeführt werden, die für ihre Brutalität zu Hause selbst verschrien sind. Allein in diesem Jahr haben Kenias „Ordnungshüter“ mehr als 100 Menschen getötet, meist unter fragwürdigen Umständen, auch bei Demonstrationen.

Im vergangenen Jahr wurden in Kenia drei Polizisten der Folterung und Ermordung eines Menschenrechtsanwalts für schuldig befunden. Kurz später ließ Präsident William Ruto eine Spezialeinheit der Polizei mit der Begründung auflösen, sie habe „willkürlich Kenianer getötet“. 70 Prozent der Bevölkerung bezeichneten in einer Umfrage Kenias Polizisten für notorisch korrupt. „Kaum eine zum Export geeignete Qualitätsarbeit der Polizei“, spottet Irungu Houghton, Direktor von Amnesty International in Kenia.

Unterdessen fürchten Insider der Ordnungskräfte des ostafrikanischen Staats, dass diese für die zu erwartenden Zusammenstöße in Haiti weder entsprechend ausgebildet noch angemessen bewaffnet sind. Außerdem sprechen sie, statt Kreolisch oder Französisch, Kisuaheli und Englisch. Nach den Worten des UN-Generalsekretärs António Guterres erwartet die Angehörigen der Mission in Haiti ein „lebender Albtraum“: Statt von einer Regierung wird der Inselstaat von konkurrierenden mit automatischen Gewehren ausgestatteten Gangs kontrolliert. Sie errichten nach Gutdünken Straßensperren, erpressen Schutzgeld und entführen Menschen. Allein zwischen Oktober 2022 und Juni 2023 fielen dem Bandenkrieg mehr als 2800 Menschen zum Opfer.

Zustande kam die Mission auf Bitte des umstrittenen Regierungschefs Ariel Henry, der die internationale Gemeinschaft bereits seit einem Jahr um Hilfe bittet. Dass Kenias Regierung nun der Bitte entspricht, hat weniger damit zu tun, dass „wir uns entschieden haben, Gottes Willen zu tun und unseren Brüdern und Schwestern in Haiti zu helfen“, wie der kenianische Minister Alfred Mutua versichert.

Vielmehr soll Präsident Ruto damit einer ausdrücklichen Bitte der USA entsprochen haben und wird dafür auch üppig entlohnt. Sein Land wird einen beträchtlichen Teil der 100-Millionen US-Dollar einstreichen, die die UN für das erste Jahr des Einsatzes zu zahlen bereit ist.

Besorgte Landsleute sucht Präsident Ruto unterdessen mit dem Hinweis zu beruhigen, dass Kenia in Sachen Blauhelm-Einsätze äußerst erfahren sei. „Diese Mission ist allerdings sehr anders als alle anderen zuvor“, wendet der Afrika-Direktor der Internationalen Krisengruppe, Murithi Mutiga, ein. Für den kenianischen Oppositionspolitiker Ekuru Aukot kommt sie sogar einem „Selbstmordkommando für unsere Polizisten“ gleich.

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