- VonBettina Menzelschließen
Die kleine Kanareninsel El Hierro ist angesichts eines plötzlichen Zustroms an Schutzsuchenden aus Afrika überfordert und fühlt sich von der spanischen Regierung allein gelassen.
Valverde – Die kleine Kanareninsel El Hierro in Spanien ist mit der Ankunft von Schutzsuchenden momentan offenbar heillos überfordert: Bis Mitte Oktober dieses Jahres flüchteten 80 Prozent mehr Migranten auf die Inselgruppe als im Vorjahreszeitraum, Tausende kamen zuletzt auf El Hierro an. Der kanarische Regierungschef Fernando Clavijo warf der Zentralregierung in Madrid „Tatenlosigkeit“ zu. Wegen verstärkter Kontrollen im Mittelmeer gewann die Atlantik-Fluchtroute über die Kanarischen Inseln zuletzt immer mehr an Bedeutung, obwohl sie lang und gefährlich ist.
Mehr Migranten als Einwohner: Kleine Kanareninsel ist Zustrom nicht gewachsen
2023 kamen bereits 32.000 Schutzsuchende über den Seeweg auf den Kanarischen Inseln an, es sind die höchsten Zahlen seit 2006. Die Zustände seien „unhaltbar“ kommentierte Regierungschef Clavijo im Oktober. Die Zahlen spiegelten die humanitäre Notlage wider, die sich derzeit auf den Kanaren abspiele, so der konservative Politiker. „Wir sind fassungslos und perplex über das Schweigen einer spanischen Regierung, der die Ereignisse im Zusammenhang mit der Migration und der Druck, dem alle Kanaren ausgesetzt sind, anscheinend völlig egal sind“, kritisierte Clavijo. Besonders betroffen ist El Hierro, das rund 400 Kilometer vor der Westküste Nordafrikas und 1450 Kilometer vom spanischen Festland entfernt im Atlantik liegt. Nicht einmal halb so groß wie Hamburg ist die Insel mit rund 11.000 Einwohnern.
Ende Oktober kamen an nur einem Wochenende 1457 Flüchtende in mehreren kleinen Schiffen dort an. Insgesamt waren es in diesem Jahr 12.000 Migranten – und damit mehr als die Insel Einwohner hat. Einem solchen Zustrom sei man nicht gewachsen, hieß es.
„Die Herreños sind zwar ein hilfsbereites und einfühlsames Volk, das aus erster Hand weiß, was Auswanderung bedeutet“, so eine Mitteilung. Doch man sei „weder flächen-, noch bevölkerungs-, noch ressourcenmäßig darauf vorbereitet, eine so große Zahl von Migranten zu bewältigen.“ Zum Vergleich: Rund tausend Betten stehen auf der Insel für Touristen zur Verfügung. Lokale Medien sprechen bereits vom „spanischen Lampedusa“. Die italienische Insel Lampedusa ist ein Knotenpunkt der irregulären Migration in Europa – und wirft ein Schlaglicht auf die EU-Flüchtlingspolitik, die keine nachhaltigen, humanen Lösungen findet.
Fluchtroute nach El Hierro mit großem Abstand zur Küste forderte mindestens 500 Todesopfer
Der Wiederanstieg der Migrantenzahlen könne generell auf eine „Destabilisierung der Sahelzone“ zurückgeführt werden, sagte der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska bei einem Kanaren-Besuch im Oktober. Insbesondere die politische und soziale Krise im Senegal gilt als ein Grund für die Zunahme. Gran Canaria und Fuerteventura liegen eigentlich näher am afrikanischen Festland als El Hierro, doch zuletzt überwachte Spanien in einer Zusammenarbeit mit Marokko, Mauretanien, Senegal und Gambia diese Routen immer stärker. „Die Flüchtlingsschiffe versuchen jetzt, die Kontrollen des Grenzschutzes zu umgehen, indem sie in möglichst großem Abstand zur Küste fahren“, teilte ein Beamter des spanischen Seenotdienstes der Zeitung Tagesspiegel mit.
Diese Taktik führt zu hohen Opferzahlen. Angaben des UN-Flüchtlingswerks UNHCR zufolge kamen seit Anfang des Jahres mehr als 500 Menschen auf der Fluchtroute zu den Kanaren ums Leben. Die Dunkelziffer könnte aus Sicht privater Hilfsorganisationen deutlich höher liegen.
„Es braucht sichere Zugangswege, um gefährliche Meerüberfahrten zu vermeiden“, fordert die UNHCR deshalb seit langem. Zudem sollen die Staaten den Kampf gegen Menschenschmuggel und Schleppernetzwerke verstärken, so die Organisation. Wer die Überfahrt nach El Hierro überlebt, kommt in behelfsmäßigen Notunterkünften unter. Denn auf der Insel gibt es kein Auffanglager. „Wir sind solidarisch und versuchen, so viel zu helfen wie möglich“, sagte Inselpräsident Alpidio Armas. „Aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt.“ (bme)