Spanien-Wahl

Spanien bereitet sich auf Rechtsruck bei Wahlen vor - mithilfe der Konservativen

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Die spanischen Konservativen stehen vor einem Dilemma. Moral oder Macht? Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit machen einen Rechtsruck wahrscheinlich.

Madrid - Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch in Spanien zwei große Volksparteien. Die sozialdemokratische PSOE des amtierenden Ministerpräsidenten Pedro Sanchez und die konservative Volkspartei (PP) des Madrider Oppositionsführers Alberto Núñez Feijóo. Und ähnlich wie in Deutschland gibt es auch in Spanien eine starke Partei am rechten Rand: Vox. Sie ist mittlerweile die drittstärkste Kraft im spanischen Parlament.

Im Vorfeld der anstehenden Spanien-Wahl sorgt eine mögliche Regierungsbeteiligung dieser rechtspopulistischen Partei für heftige Kontroversen. Denn anders als in Deutschland die CDU auf Bundesebene schließt die spanische PP nicht kategorisch aus, mit dem rechten Rand politisch zusammenzuarbeiten, um Regierungsmehrheiten zu bilden. Deshalb stellt sich immer häufiger die Frage: Droht Spanien ein Rechtsruck?

Spanien-Wahl: Die Konservativen wollen regieren - koste es, was es wolle

Bei den Regional- und Kommunalwahlen Ende Mai fuhr die PP einen spektakulären Erfolg ein und überrollte Spanien regelrecht. Die noch ein Jahr zuvor kriselnde Volkspartei gewann fast überall und nahm der PSOE mehrere Comunidades Autónomas, das spanische Pendant zu den Bundesländern, ab. Insgesamt gewann sie in zwölf dieser 17 Regionen und in sieben der acht größten Städte. Ministerpräsident Sanchez sah sich gezwungen, die für das Jahresende vorgesehenen Parlamentswahlen auf den 23. Juli vorzuziehen.

Spanien-Wahl 2023: Sánchez setzt alles auf eine Karte - Rechtsruck droht

Spanien-Wahl 2023: Ministerpräsident Pedro Sánchez
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hat die Flucht nach vorn angetreten. Nur wenige Stunden nach einer historischen Pleite der Linken bei den Regional- und Kommunalwahlen im Mai kündigte der Regierungschef eine vorgezogene Parlamentswahl am 23. Juli an. Mit diesem Schachzug baut der Chef der sozialistischen PSOE darauf, den Oppositionsparteien keine Gelegenheit für einen umfangreichen Wahlkampf zu geben. Ursprünglich war die Parlamentswahl für Dezember vorgesehen. Sánchez setzt damit alles auf eine Karte. Dem Hoffnungsträger der Linken in Spanien und Europa droht die Abwahl. Dafür könnte es zu einer Regierungsbeteiligung der extremen Rechten kommen.  © Christina Quicler/afp
Spanien-Wahl 2023: PP-Chef Alberto Núñez Feijóo
Das Ergebnis der Regional- und Kommunalwahlen im Mai löste ein politisches Erdbeben in Spanien aus. Die lange kriselnde konservative Volkspartei (PP) gewann fast überall. „Meine Zeit kommt!“, rief PP-Chef Alberto Núñez Feijóo damals vor Tausenden jubelnden Menschen auf dem Balkon des Parteisitzes in Madrid mit Blick auf die Parlamentswahl. „Die Ereignisse überschlagen sich“, resümierte der staatliche TV-Sender RTVE. Allerdings ist die PP vielerorts auf die Unterstützung der Rechtspopulisten von Vox angewiesen. Der Frage, inwieweit man kooperieren wolle, wich Feijóo bisher aus. Eine sogenannte Brandmauer nach rechts wie in Deutschland gegenüber der AfD gibt es in Spanien nicht. In einigen Regionen gibt es bereits eine Zusammenarbeit PP-Vox. © Pierre-Philippe Marcou/afp
Spanien-Wahl 2023: Konservative PP
Wie sieht die politische Landschaft in Spanien nach den Regional- und Kommunalwahlen im Mai aus? In Madrid gab es einen doppelten PP-Triumph. Die regionale Regierungschefin Isabel Díaz Ayuso und der regierende PP-Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida errangen erstmals absolute Mehrheiten. Man sagt, Madrid sei ein Gradmesser für die landesweite Stimmung. Die PP nutzte die sich bietende Gelegenheit und eröffnete mit ihrem Kampfbegriff, mit dem der Ministerpräsident zu einem autoritären Charakter erklärt wird, gleich einmal den Wahlkampf: „Das Ende des ‚Sanchismo‘ wurde eingeleitet!“, verkündete Martínez-Almeida (2. von rechts) in der Wahlnacht an der Seite von Ayuso (2. von links) und Feijoó (Mitte).  © David Cruz Sanz/Imago
Spanien-Wahl 2023: Wahlkampf der PP
„Die PP überrollte (Spanien) wie ein Tsunami“, titelte die renommierte Zeitung „El Mundo“ nach den Regional- und Kommunalwahlen im Mai. Nicht nur in Madrid, auch in anderem Gebieten wie Valencia, Aragonien, La Rioja sowie auf den Balearen mit der Urlaubsinsel Mallorca gewann die PP mit teils großem Vorsprung. So hatten die Konservativen allein in sieben der acht größten Städte die Nase vorn. So etwas hatte es seit der Gründung von PP und PSOE nach dem Ende der Franco-Diktatur im Jahr 1975 noch nie gegeben. Im Wahlkampf hält sich die PP weiter bedeckt, ob sie mit der rechtsextremen Vox koalieren würde.  © Thomas Coex/afp
Spanien-Wahl 2023: Vox-Chef Santiago Abascal
Pedro Sánchez wird derweil nicht müde, die Menschen in Spanien vor „den Rechtsextremen und der extremen Rechten“ zu warnen. Erziehungsministerin Pilar Alegría spricht gar von einem „doppelköpfigen Monster“ aus PP und Vox. Doch das Menetekel verhallt bisher ungehört. Die aktuellen Umfragen sagen einen Sieg von PP (etwa 33 Prozent der Stimmen) und Vox (14 bis 15 Prozent) voraus, eventuell könnte es gemeinsam zur absoluten Sitzmehrheit reichen. Vox-Chef Santiago Abascal (weißes Hemd) betonte selbstbewusst, seine Partei sei jetzt unverzichtbar für den „Kampf gegen Sozialismus und gegen Kommunismus“ geworden.  © Thomas Coex/afp
Spanien-Wahl 2023: Pro-Spanien-Demo
Vox wurde im Dezember 2013 von früheren Mitgliedern der PP gegründet, die die Autonomierechte der spanischen Regionen ablehnten und sich eine Strategie gegen die Zersplitterung Spaniens wünschten. Das Thema spielte zunächst keine große Rolle im Land. Das änderte sich, als die katalanische Regionalregierung im Herbst 2017 ein illegales Unabhängigkeitsreferendum organisierte. Der daraufhin aufkeimende Nationalismus spielte Vox in die Karten. Im Dezember 2018 zog die Partei ins andalusische Regionalparlament ein, bei den nationalen Parlamentswahlen im April 2019 kam sie auf gut zehn Prozent, bei den Neuwahlen sieben Monate später auf 15 Prozent. © Jorge Guerrero/afp
Spanien-Wahl 2023: Pablo Iglesias
Je nach Blickwinkel gilt Vox in Spanien als rechtspopulistisch, rechtsradikal oder rechtsextrem. Nach dem Wahlerfolg in Andalusien rief der damalige Chef der Linkspartei Podemos, Pablo Iglesias (im Bild), sogar den „antifaschistischen Alarmzustand“ aus. Tatsächlich kann Vox vor allem bei denjenigen punkten, die den früheren Diktator Franco verehren. Vox ist eine nationalistische Partei, die einem politischen Autoritarismus huldigt. Der Kern ihres Programms ist die Einheit Spaniens, die sie durch katalanischen und baskischen Nationalismus gefährdet sieht. Sie lehnt den Feminismus ab und nimmt sich die Regierungen in Ungarn, Schweden und Italien zum Vorbild.  © Atilano Garcia/Imago
Spanien-Wahl 2023: Podemos-Chefin Ione Belarra
Unterdessen gehen die linken Parteien nach den jüngsten Wahlpleiten vereint in die vorgezogene Parlamentswahl am 23. Juli. „Wir haben die größte politische fortschrittliche Vereinbarung erzielt, um bei den Wahlen anzutreten“, schrieb die neue Bewegung Sumar im Juni auf Twitter. Mit dabei ist auch die Partei Podemos, die mit Regierungschef Sánchez ein Regierungsbündnis bildet. Trotz aller Differenzen werde man gemeinsam ins Rennen gehen, sagte Podemos-Chefin Ione Belarra (Mitte): „Die Entscheidung ist gefallen“. Die kommunistisch orientierte Izquierda Unida (IU/Vereinigte Linke) schloss sich ebenfalls der Wahlallianz an. Zuvor hatten bereits mehrere regionale Linksparteien ihre Bereitschaft bekundet, zusammen mit Sumar anzutreten. © Oscar Gonzalez/Imago
Spanien-Wahl 2023: Arbeitsministerin Yolanda Díaz
Die Einheit der Parteien links der sozialistischen PSOE ist für Sánchez entscheidend dafür, ob er auf einen Verbleib im Regierungsamt hoffen kann. Angeführt wird das linke Bündnis von der derzeitigen Arbeitsministerin Yolanda Díaz (im Bild). Mit dem erklärten Ziel, die gesamte Linke endgültig zu vereinen und zu stärken, hatte sie im Jahr 2022 Sumar gegründet. Diaz, die auf dem Podemos-Ticket ins Regierungskabinett kam, ist seit vielen Jahren Mitglied der kommunistischen Partei. Kommunistin zu sein, bedeute, „die Gleichheit zwischen allen Menschen zu garantieren“, sagte sie in einem Fernsehinterview.  © Javier Soriano/afp
Spanien-Wahl 2023: Luxus und Reichensteuer
Diaz hat vor der Parlamentswahl in Spanien die dauerhafte Einführung der ursprünglich nur für zwei Jahre beschlossenen „Reichensteuer“ gefordert. Zudem sprach sie sich für eine stärkere Besteuerung der größeren Unternehmen aus. Es gehe nicht um Steuererhöhungen, sondern um eine „umfassende Reform des spanischen Steuersystems“ - und um Gerechtigkeit. „Es geht nicht, dass ein Friseurladen 17,5 Prozent (Steuern) zahlt und ein großer Konzern 3,5. Wer mehr hat, soll auch mehr beitragen“, forderte sie. Die sogenannte Vorübergehende Solidaritätssteuer war zur Eindämmung der Folgen des Ukraine-Kriegs und der hohen Inflation beschlossen worden. Sie wird 2023 und 2024 bei Vermögen ab einer Höhe von mehr als drei Millionen Euro erhoben. © Jorge Guerrero/afp
Spanien-Wahl 2023: Gleichstellungsministerin Irene Montero 
Die Linke in Spanien hat auch andere Erfolge vorzuweisen. So ist Spanien das erste Land in Europa, in dem Frauen „menstruationsfrei“ machen dürfen. Das Gesetz über Sexual- und Reproduktionsgesundheit ermöglicht unter anderem das Fernbleiben von der Arbeit bei Regelbeschwerden. Auch Abtreibungen sowie die Änderung des Geschlechtseintrags von Transmenschen sind nun leichter. Gleichstellungsministerin Irene Montero (Mitte) sprach nach der Parlamentsabstimmung im Februar von einem „historischen Tag für die Förderung der feministischen Rechte“. Besonders ungewöhnlich ist aber der „Menstruationsurlaub“. Eine vergleichbare Regelung gibt es auch in Deutschland nicht. Die Kosten werden vom Staat übernommen. © Atilano Garcia/Imago
Spanien-Wahl 2023: Wahlkabine in Madrid
Welche Auswirkungen der Wahltermin auf die Wahlbeteiligung haben wird, kann niemand genau sagen. Einerseits haben Spaniens Wahlberechtigte bei den Regional- und Kommunalwahlen im Mai deutlich gemacht, dass sie eine Veränderung möchten, andererseits hat seit 1976 noch niemals so eine wichtige Wahl in Spanien mitten in den Sommerferien stattgefunden. Zusätzlich fällt der 23. Juli auf ein Wochenende, das in vier Regionen mit anderen Feiertagen verknüpft ist. © Oscar del Pozo/afp

Wo bisher die linke PSOE regiert (hat), ist die Versuchung für die PP groß, diesen Wahlerfolg politisch umzusetzen und die Regierung abzulösen - koste es, was es wolle. Da das politische Lagerdenken in Spanien stark ausgeprägt ist, liegt es für manche in der konservativen PP nahe, wenn nötig, ein Bündnis mit den starken Rechtspopulisten von Vox einzugehen. So geschehen in der Comunidad Autónoma Valencia. Dort vereinbarten PP und Vox Mitte Juni eine Koalition.

Dieses Bündnis war nur möglich, weil der dortige Spitzenkandidat von Vox, Carlos Flores, auf Drängen der PP auf eine Teilnahme an der Regionalregierung verzichtete. Flores ist wegen häuslicher Gewalt vorbestraft. Ausgerechnet in Valencia hatte aber in der Vergangenheit ein lokaler PP-Vorsitzender behauptet, dass „häusliche Gewalt nicht existiert“. Daraufhin intervenierte Parteichef Feijóo und sagte öffentlich, dass seine Partei „im Kampf gegen dieses Problem keinen Schritt zurückgehen wird“, wie das Nachrichtenportal euronews berichtete.

Vox fährt mit Unterstützung der Volkspartei politische Gewinne ein

Valencia ist nicht die einzige Region in Spanien, in der die Rechtspopulisten von Vox dank der PP an der Regierung beteiligt sind. In Kastilien-León kam es 2022 erstmals zu einer Koalition der Konservativen mit Vox. Nach den Wahlerfolgen bei den Regional- und Kommunalwahlen Ende Mai laufen auch in Murcia und Extremadura entsprechende Verhandlungen, wie die FAZ berichtet.

Die PP-Vorsitzende in Extremadura, Maria Guardiola, schloss eine Koalition mit Vox zunächst aus. Sie wolle nicht mit einer Partei verhandeln, die „die Gewalt der Machisten leugnet, die Einwanderer entmenschlicht und die LGBT-Flagge in den Müll wirft“, zitiert sie euronews. Kurz darauf erklärte sie aber, ihre Partei habe, um zu regieren, keine andere Wahl, als mit Vox zu verhandeln.

Auf den Balearen ließ sich die Spitzenkandidatin der PP, Marga Prohens, am 6. Juli zur Regionalpräsidentin wählen, was nur möglich war, weil die Abgeordnete von Vox sich der Stimme enthielten. Im Gegenzug machten die Konservativen den Rechtspopulisten politische Zugeständnisse. Unter anderem überließen sie ihnen den Vorsitz im Regionalparlament. Dessen neuer Präsident hetzt laut FAZ gegen den „Genderwahn“ und lehnt Abtreibungen ab. Ähnliches geschah in der Vergangenheit bereits in Aragón.

Spanien-Wahl: Das Dilemma der Konservativen

Vergleichbares könnte in weiteren Regionen wie Kantabrien und La Rioja geschehen, wo die Volkspartei auf ein Bündnis mit Vox angewiesen sein dürfte, will sie tatsächlich an die Macht. Parteichef Feijóo sagte am Tag nach den Regionalwahlen mit Blick auf mögliche Koalitionsverhandlungen seiner Partei mit den Rechtspopulisten, er wolle sich nicht in die Kompetenzen der einzelnen Regionen einmischen, wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtet.

Alberto Nuñez Feijoo, Chef der konservativen Volkspartei (PP), steht bei einem möglichen Wahlsieg vor einem Dilemma: Soll er um der Macht willen mit den Rechtspopulisten von Vox koalieren? 

Vor drei Jahren war Feijóo selbst Regionalpräsident in Galizien, im Nordwesten des Landes, und schloss eine Koalition mit Vox noch aus. Damals konnte seine PP allerdings noch mit absoluter Mehrheit regieren und das ist das Dilemma: Die Konservativen führen in den nationalen Umfragen zur Spanien-Wahl, sind aber weit entfernt von einer absoluten Mehrheit und daher auf Koalitionspartner angewiesen. Und infrage kommt angesichts der politischen Kräfteverhältnisse nur Vox.

Eine Brandmauer nach rechts gibt es in Spanien nicht

Dabei steht Feijóo eigentlich für einen Kurs der Mitte. Laut SZ war er einer der ersten in seiner Partei, die Vox als „rechtsextrem“ bezeichneten. Sein Unbehagen angesichts einer Zusammenarbeit mit Vox ist so groß, dass Feijóo nach den Wahlen Ende Mai behauptete, in manchen Regionen könne die meistgewählte Partei auch ohne absolute Mehrheit regieren. Eine Minderheitsregierung seiner Partei würde aber immer die Zusammenarbeit mit dem PSOE voraussetzen - angesichts des politischen Blockdenkens in Spanien ein äußerst unwahrscheinliches Szenario, wie die SZ aus Madrid berichtet.

Mit Blick auf die anstehenden Parlamentswahlen in Spanien betont Feijóo stets, seine PP strebe eine absolute Mehrheit an. Die Umfragen geben auch dieses Szenario nicht her, sodass die Konservativen bei einem sehr wahrscheinlichen Wahlsieg vor der entscheidenden Frage stehen werden: Auf die Regierung verzichten, oder um der Macht willen mit einer ultrarechten Partei koalieren? Die Erfahrungen auf regionaler Ebene machen deutlich: Eine Brandmauer nach rechts gibt es in Spanien definitiv nicht.

In unserem Live-Ticker informieren wir Sie über alle Hochrechnungen und Ergebnisse der Spanien-Wahl.

Rubriklistenbild: © Carlos Luján/dpa

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