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SPD-Basis stimmt Koalitionsvertrag zu: Klingbeil kann für die Partei zum Risiko werden

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Die SPD-Mitglieder haben dem Koalitionsvertrag zwar zugestimmt, die Partei muss aber noch einige Probleme lösen. Ein Kommentar von Christine Dankbar.

Die SPD-Mitglieder haben dem mit der Union ausgehandelten Koalitionsvertrag mit großer Mehrheit zugestimmt. Die Regierung kann also wie geplant gebildet werden. Friedrich Merz kann sich am Dienstag im Bundestag zur Kanzlerwahl stellen – und die Arbeit nach Monaten der politischen Stagnation in Deutschland losgehen. Das sind die halbwegs guten Nachrichten aus dem politischen Berlin an diesem Mittwoch.

Erleichterung in der SPD: Basis stimmt Koalitionsvertrag zu – Ergebnis zeigt auch Missfallen

Die Erleichterung der SPD-Spitze über die satte Zustimmung von 84 Prozent kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass für sie die Probleme noch längst nicht gelöst sind. Gerade mal 56 Prozent der Mitglieder haben sich an der Abstimmung beteiligt. Klar, die Befragung zog sich über die Osterfeiertage hin und dann musste ja auch noch online abgestimmt werden – was besonders für ältere Genossinnen und Genossen ein Problem ist, wie seitens der Partei immer wieder betont wurde.

Dennoch bleibt die Tatsache: Gerade mal etwas mehr als die Hälfte der Mitglieder hat sich zum Mitmachen entschlossen. Das sind so wenige wie noch nie. Die Parteispitze muss sich ernsthaft fragen, ob die Basis gerade durchs Wegbleiben ihr Missfallen ausgedrückt hat. Das gilt damit weniger der erneuten ungeliebten Koalition, die man so ja nicht gefährdet hat, sondern der eigenen Parteiführung. Da Lars Klingbeil sich gerade zum neuen starken Mann der SPD aufgeschwungen hat, ist dies sein ganz persönliches Problem.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

SPD feilt an Kabinettsliste: Klingbeils Aufstieg bewist Schieflage der Partei

Wer Ministerin oder Minister wird, soll erst am Montag bekanntgegeben werden. Am Mittwoch wurde aber schon mal mitgeteilt, dass Klingbeil, der sich nach der Wahl erst mal den Fraktionsvorsitz gesichert hat, Finanzminister und Vizekanzler werden will.. Außerdem sondiert er gerade eifrig für sein Verbleiben als Parteivorsitzender, gerne auch allein. Eine Überraschung ist das nicht, doch dass Klingbeil sich selbst so ins Zentrum stellen kann, beweist einmal mehr die Schieflage in der SPD, die bei der Bundestagswahl ihr bisher schlechtes Wahlergebnis erzielt hat. Schließlich ist Klingbeil noch immer Teil eines Führungsduos. Er wird mit Spitzenpositionen belohnt, seine Co-Vorsitzende Saskia Esken soll bitte still nach Hause gehen. Geht’s noch?

Seit dem Tag der Wahl wird vor allem Esken die Verantwortung am Misserfolg zugeschrieben – mit einer Vehemenz und teilweise auch Häme, die geradezu betroffen macht. Hat diese Partei denn gar nichts aus dem unsäglichen Umgang mit Andrea Nahles gelernt? Nur wenige, wie der Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff aus München, halten öffentlich dagegen. Viele andere wollen noch etwas werden und sagen lieber nichts.

Die SPD-Mitglieder haben sich für den Koalitionsvertrag mit der Union ausgesprochen. Doch die geringe Zahl der Teilnehmer könnte das Misstrauen der Partei-Basis zeigen, kommentiert Christine Dankbar.

Machtkampf in der SPD: Klingbeils Zukunft kann für die Partei zum Risiko werden

Für die SPD ist die Fixierung auf Klingbeil aber auch unabhängig vom Verbleib Eskens ein Risiko. Seit dem Wahltag ist die Partei einzig vom Ehrgeiz des Parteivorsitzenden geprägt. Was bisher völlig außer Acht gelassen wurde, war auch nur der geringste Ansatz, das niederschmetternde Wahlergebnis inhaltlich aufzuarbeiten. Natürlich gab es mit den Sondierungen und dem Koalitionsvertrag viel zu tun. Aber das eine hängt mit dem anderen ja direkt zusammen: Wofür steht diese Partei und wie fängt sie es an, die verlorenen Wählerinnen und Wähler wieder zurückholen?

Es ist mehr als zweifelhaft, dass der künftige Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil tatsächlich den Spagat zwischen Regierungsamt und Parteivorsitz so bewältigen kann, dass die dringend erforderliche Erneuerung der SPD nicht zu kurz kommt. Es geht schließlich nicht nur darum, die Genossinnen und Genossen in der Regierung an der Kandare zu halten. Schon in einem Jahr wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Kann die SPD dem befürchteten Siegeszug der AfD etwas entgegensetzen?

Die Entscheidungen der nächsten Tage werden zeigen, ob sie aus der Defensive findet.

Rubriklistenbild: © Montage: Kay Nietfeld/dpa

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