VonJohannes Dieterichschließen
Im Sudan mischen diverse ausländische Akteure mit – die Überlebenschancen des Volkes und der Demokratie sind ihnen bestenfalls nachrangig. Eine Analyse.
Khartum – Er wird „Krieg der Generäle“ genannt, doch der blutige Konflikt spielt sich keineswegs nur zwischen zwei machtgierigen Offizieren und ihren Truppen ab. Die Gefechte im Sudan haben Auswirkungen weit über dessen Grenzen des hinaus: Schon jetzt strömen Zigtausende von Flüchtlingen in mehrere der sieben Nachbarländer, von denen einige selbst zu kollabieren drohen. Umgekehrt sind auch ausländische Regierungen im Sudan engagiert und suchen Einfluss auf die Vorgänge zu nehmen.
„Je länger die Kämpfe anhalten, desto stärker werden sich ausländische Akteure einmischen“, meint Jeffrey Feltman, der ehemalige US-Beauftragte für die Region: „Und desto größer wird die Gefahr, dass der Sudan zu einem weiteren Libyen oder Syrien zerfällt.“
Zukunft des Sudan: Interesse haben vor allem arabische Nationen
Interessiert an den Ereignissen in dem arabisch-afrikanischen Pufferstaat sind vor allem arabische Nationen – wie Saudi Arabien, Ägypten und die Emirate. Während diese sonst außenpolitisch an einem Strang ziehen, sind sie in der Sudan-Frage uneins: Ägypten steht hinter Armee-Chef Abdel Fattah al-Burhan – auch wenn dieser zum Argwohn Kairos mit Islamisten paktiert. Dagegen setzen die Emirate auf Mohamed Hamdan Dagalo, hat der doch seine Milizionäre den Ölscheichs für deren Stellvertreterkriege im Jemen und in Libyen ausgeliehen – gegen Bezahlung, versteht sich. Und: Dagalo schafft das Gold nach Dubai und Abu Dhabi, das er in den Darfur-Provinzen schürfen lässt. Der Sudan gilt als drittgrößter Goldproduzent des Kontinents.
Umgekehrt hat Saudi Arabien große Summen in sudanesische Ländereien investiert, um den Nahrungsmittelbedarf des Wüstenstaats zu sichern. Schon allein deshalb ist dem Königreich an Stabilität dort gelegen. Alle drei genannten Staaten verbindet, dass sie an einer Demokratisierung des Sudans wenig oder gar kein Interesse haben: Khartums zivile Opposition kann von ihnen keinen Beistand erwarten. Auch die afrikanischen Nachbarstaaten, die sich derzeit um Verständigung zwischen den Generälen bemühen, sind wesentlich mehr an Sudans Stabilität als an seiner Demokratisierung interessiert. Dafür nehmen sie auch einen faulen Kompromiss der Generäle zu Lasten der Bevölkerung in Kauf.
Sudan-Konflikt: UN rechnet derzeit mit mindestens 800.000 Geflüchteten
Selbst aus dem westlichen Ausland kann Khartums Opposition nicht viel erwarten. Washington und London, die den Westen in einer arabisch besetzten „Kontaktgruppe“ vertreten, haben derzeit andere Sorgen: Die Ukraine im Fall der USA, sich selbst im Fall Großbritanniens. Sollten sich die Generäle tatsächlich auf eine Lösung ihres Konflikts einigen können: Im Interesse der Zivilbevölkerung würde diese wohl kaum ausfallen.
Doch die Chancen, dass es dazu kommt, sind ohnehin gering. Halten die Kämpfe an, werden immer mehr Menschen aus dem Sudan fliehen: Die UN rechnen derzeit mit mindestens 800.000. Ihre ersten Anlaufstellen werden neben Ägypten der Südsudan, der Tschad und die Zentralafrikanische Republik sein: Alles Staaten, in denen jetzt schon angespannte bis verheerende Zustände herrschen. Aus dem kargen Sahelstaat Tschad, den schon mehr als 20.000 Flüchtlinge erreicht haben, werden bereits akute Nahrungsmittelnot und explodierende Preise gemeldet: Aus dem Krieg der Generäle droht ein Flächenbrand zu werden. (Johannes Dieterich)
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