Gastbeitrag

Stahl als grüner Transformationstreiber

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Bei der Stahlproduktion soll künftig die klimaschädliche Kohle durch Wasserstoff ersetzt werden.
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Der Staat fördert zu Recht den Abschied von der bisherigen Produktionsweise.

Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Einerseits zerstört die sich austobende Umweltkrise unübersehbar die Lebens- und Produktionsverhältnisse. Andererseits nimmt der breite Konsens dagegen vorzugehen ab. Die zerstörerisch wirkende Klimakrise lässt jedoch keine Verzögerungen der sozial begleiteten ökologischen Transformation zu.

Neben der CO2-Bepreisung, die dem Markt die Kosten der Schädigung des Klimas signalisiert, steht die Transformation der Produktionswirtschaft im Mittelpunkt. Arbeitsplätze in der fossilen Wirtschaft fallen weg. Aber neue Arbeitsplätze entstehen mit der Transformation in eine am Ende CO2-freie Zukunftswirtschaft. Joseph Schumpeter prägte das Bild von der „schöpferischen Zerstörung“. Alte Strukturen werden zerstört und neue, künftig nachhaltige Produkte und Produktionsverfahren geschaffen.

Ein epochales Beispiel für diesen Ausstieg aus der klimaschädlich fossilen in die nachhaltige Produktion bietet in Deutschland die Stahlindustrie. Einerseits ist die Stahlindustrie das Rückgrat der Volkswirtschaft, weil Stahl in den Wertschöpfungsketten nahezu aller Güter gebraucht wird. Über 2500 Sorten – vom Grobblech bis zum Feindraht – werden produziert. Andererseits belastet jedoch die Stahlproduktion durch den Einsatz von Kohle jährlich die Umwelt mit bis 55 Millionen Tonnen CO2. Das sind mehr als 30 Prozent aller Industrieemissionen in Deutschland.

Muss für die Rettung des Klimas die Stahlproduktion demontiert werden? Nein, die deutsche Stahlindustrie ist erfolgreich auf dem Weg in eine ökologisch verträgliche Produktion: Als grüner Stahl bleibt dieser der Werkstoff der Zukunft. Nicht mehr der Kohlehochofen mit einem hohen CO2-Ausstoß, sondern die Direktreduktionsanlage (DRI) steht im Zentrum des integrierten Stahl-werks der Zukunft.

In den 140 Meter hohen Eisenreduktionsanlagen wird mit Wasserstoff das Eisenerz zum Eisenschwamm. In den Elektrolichtbogenöfen kommt dieser zur Erzeugung von Brammen zum Einsatz. Allerdings handelt es sich nur dann um grünen Stahl, wenn die immense Menge an Energie, die zur Erzeugung des Wasserstoffs eingesetzt wird, auf erneuerbaren Quellen beruht.

Es gibt Risiken und Unwägbarkeiten: Längere Zeit wird ausreichender und preiswerter Wasserstoff, der in Elektroanalyseanlagen mit hohem Energieauf-wand erzeugt wird, fehlen: Importe und Pipelineverteilersysteme sind erforderlich. Im Übergang wird Erdgas eingesetzt werden müssen. Auch steigt der Energiebedarf durch den Wegfall des eigen erzeugten Stroms aus der Abwärme der Kohlehochöfen sowie durch die stromintensiven Elektrolichtbogenöfen zur Erzeugung von Rohstahl.

Strompreise sind während der Transformationsphase wichtig. Schließlich wird in einer Übergangsphase der einzelwirtschaftlich kalkulierte Stahlpreis erst einmal steigen. Gegenzurechnen sind jedoch die immer stärker sinkenden gesellschaftlichen Kosten durch die zurückgehende Klimabelastung. Solange bei den Importen durch billige Preise, allerdings ohne verrechnete hohe CO2-Kosten ein ökologisches Dumping dominiert, sind entsprechende Grenzausgleichsabgaben unvermeidbar.

Grüner Stahl lohnt sich nicht nur wegen der CO2-Reduktion bei der Produktion mit Wasserstoff. Stahl lässt sich zu fast 100 Prozent wiederverwenden. Aus einer Tonne Stahl können nach sechsmaligem Recycling vier Tonnen neuer Stahl produziert werden. Denn am Ende der neuen Produktionsroute steht der Elektrolichtbogenofen, der neben Eisenschwamm Stahlschrott in neues Roheisen verwandelt. Grüner Stahl steht im Zentrum einer Kreislaufwirtschaft. Neue Verbünde der Stahlindustrie mit Rohstoff-Recycling-Firmen zeichnen sich ab.

Mit dem komplett realisierten Green Steel würde am Ende in Deutschland der derzeitige Ausstoß an CO2 mit über 50 Millionen Tonnen auf null schrumpfen. Allein dieser Beitrag zur Senkung von gesamtgesellschaftlichen Klimakosten rechtfertigt für die längere Umbauphase staatliche Hilfen.

Unter dem Regime der Konkurrenzwirtschaft mit einer einzelwirtschaftlich kurzfristigen Renditemaximierung lässt sich diese epochale Transformation nicht realisieren. Derzeit werden die vier großen deutschen Stahlunternehmen für die erste Stufe von sieben Milliarden Euro mit Zustimmung der EU finanziell durch den Bund mit den betroffenen Ländern unterstützt.

Das ist kein, wie marktfundamentalistisch behauptet wird, „Irrweg“. Der Staat wird dadurch nicht zum Unternehmer. Die Dimension der Klimakatastrophe macht neue Kooperationsmodelle zwischen dem Staat mit der Rahmenfinanzierung und den ökonomisch-technologisch eigenständig handelnden Firmen notwendig. Zum Unternehmensmodell gehört, wie die bisherigen Erfahrungen belegen, eine Beteiligung der Beschäftigten im Rahmen der Montan-Mitbestimmung.

Rudolf Hickel ist Forschungsleiter am Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen.

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