Wahlverhalten

„Frauen wählen heute eher Parteien, die Gender-Themen auf der Agenda haben“

+
Frauen und Männer wählen unterschiedlich.
  • schließen

Sozialwissenschaftler Ansgar Hudde über das unterschiedliche Wahlverhalten junger Menschen, mögliche Konflikte in der Partnerschaft und Gefahren für die Gleichstellungspolitik.

Herr Hudde, Daten zur politischen Einstellung junger Frauen und Männer zeigen für Deutschland, die USA, Großbritannien und Südkorea eine wachsende Kluft: Während sich junge Frauen eher links verorten, sehen sich junge Männer immer weiter rechts im politischen Spektrum, darüber hat kürzlich die „Financial Times“ berichtet. Das Phänomen ist nicht neu, schon gar nicht für Sie: Sie haben in einer Studie zur Bundestagswahl 2021 gezeigt, dass junge Frauen zwischen 18 und 24 Jahren sich deutlich häufiger für Grüne und Linke entschieden haben als die gleichaltrigen Männer, die viel öfter wirtschaftsliberal oder rechts gewählt haben. Wie erklären Sie das?

Dieser Gender Gap hängt damit zusammen, wie die Parteien jeweils zu Themen wie Gleichstellung und Feminismus stehen. Die Grünen haben da die stärkste Position und setzen das Thema besonders prominent. Die AfD auf der Gegenseite hat als einzige Partei eine wirkliche Anti-Haltung zu Gender-Themen. Die hat die FDP zwar nicht, aber sie setzt weniger Fokus darauf und ist auch anders ausgerichtet.

Um den Blick nochmal über Deutschland hinaus zu richten: Vermutlich trifft auch auf die in der „Financial Times“ genannten Länder USA, Großbritannien und Südkorea zu, dass sich eher linke Parteien mehr um die Gender-Themen kümmern als eher rechte? In den USA etwa ist ja ganz klar, dass Donald Trump den gesellschaftlichen Rollback propagiert.

Grundsätzlich trifft das zu, ja. Und wenn man sie so erklärt, erscheint die Kluft zwischen jungen Frauen und Männern auch plausibel: Frauen wählen heute eher Parteien, die Gender-Themen auf der Agenda haben. Die Frage ist aber: Warum ist das erst jetzt so? Bis in die 1960er Jahre galt das Muster, dass Frauen konservativer gewählt haben.

Es gibt also vergleichbare Daten schon aus früheren Jahrzehnten?

Die Daten aus dem tatsächlichen Wahlverhalten werden seit 1953 systematisch erhoben, also repräsentativ. Sporadisch erhobene Zahlen gibt es sogar schon aus der Weimarer Republik. Schon da zeigte sich, dass Frauen konservativer wählten als Männer.

Warum hat sich das geändert?

Das liegt zum Beispiel am Rückgang der Religiosität – eine Entwicklung, die auch auf die USA und Großbritannien zutrifft. Die Religiosität war aber der zentrale Faktor, um zu erklären, weshalb Frauen konservativer wählen. Sie geht zwar bei Frauen und Männern gleichermaßen zurück; der Effekt schlägt aber bei den Frauen stärker durch, weil sie von einem höheren Ausgangsniveau kommen: In westlichen Gesellschaften ist es meines Wissens durch die Bank so, dass Frauen religiöser waren und sind als Männer. Dieser Faktor, der Frauen etwa in Deutschland stark an die Union gebunden hat, fällt also nach und nach weg. Zudem sind Frauen inzwischen stärker in den Arbeitsmarkt integriert; sie wählen weniger mit Blick auf das, was sie am Sonntag in der Kirche hören, sondern auf das, was sie von Montag bis Freitag im Betrieb erleben. Ein weiterer Trend: Seit etwa drei Jahrzehnten scheint sich der politische Wettbewerb von klassischen wirtschaftspolitischen Themen hin zu soziokulturellen Themen zu verschieben. Im Wahlkampf geht es weniger um Fragen wie Steuersystem und Mindestlohn und mehr um Migration, LGBTQ-Themen, Feminismus und Gleichstellung.

Was bedeutet die politische Kluft zwischen jungen Frauen und Männern für das praktische Miteinander dieser Generation? Da passt doch etwas ganz klar nicht zusammen – zumindest was Hetero-Beziehungen angeht.

Ich denke, dass parallel zwei Dinge passieren werden: Zum einen schließen sich bei Partnerschaften mehr junge Leute aus politischen Gründen von vornherein aus. Das wird auch durch Dating-Apps ermöglicht. Bei Bumble, einer der größten, kann man sich zum Beispiel ein Profil erstellen und neben Daten wie Körpergröße und Sternzeichen auch gleich ankreuzen, wo man politisch steht.

Also eher links oder eher rechts?

Genau . Daneben gibt es noch die Kategorien „unpolitisch“, „politische Mitte“ und „liberal“. Man kann sich nach der politischen Einstellung aussortieren, bevor man überhaupt ein Wort miteinander austauscht. Das ging früher nicht so einfach. Andererseits muss man diese Frage im App-Profil nicht zwingend beantworten, und Leute lernen sich ja immer noch auch anders kennen als über Online-Dating. Das heißt, es wird zum anderen auch mehr Paare geben, in denen beide politisch woanders stehen.

Zur Person

Ansgar Hudde (32) ist Sozialwissenschaftler und forscht am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) der Universität Köln. Er beschäftigt er sich unter anderem mit Wahlverhalten und mit Partnerschaft/Dating. Besonders interessiert ihn, wie beides zusammenhängt.

Seine Studie „Geschlechtsunterschiede im Wahlverhalten bei Bundestagswahlen der letzten sieben Jahrzehnte“ wurde im vergangenen Sommer veröffentlicht . Sie zeigt, dass es noch nie in der Bundesrepublik so große Geschlechterunterschiede beim Wahlverhalten gab wie 2021 in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen.

Mit steigendem Alter nähert sich der Studie zufolge das Wahlverhalten von Männern und Frauen wieder an. Die Ergebnisse zeigen, dass der moderne Gender Gap, wonach Frauen linkere Parteien als Männer wählen, in Deutschland erstmals bei der Wahl 2017 auftrat.

Der Bericht aus der „Financial Times“ , der im Interview erwähnt wird, ist unter dem Titel „A new gender divide is emerging“ unter einer Bezahlschranke abrufbar. sha privat

Das führt zu Konflikten.

In einigen Fällen bestimmt. Die entscheidende Frage ist, wie weit die beiden wirklich auseinander sind. Reicht es schon, wenn sie für die Grünen ist und er für die FDP, damit es richtig knallt? Zudem kommt es in der ersten Zeit einer Beziehung oft zu einer Angleichung. Eine aktuelle, noch nicht veröffentlichte Studie von Professorin Daniela Grunow und mir zeigt, dass sich die Parteipräferenz zumindest in den ersten fünf Jahren annähert, in denen ein Paar zusammenlebt.

Aber es geht doch auch um Positionen, die ganz konkret das Zusammenleben betreffen. Wenn ein Paar etwa Kinder haben will, stellt sich die Frage nach der Verteilung von Rollen, von Arbeit …

Bei Paaren, die eine unterschiedliche Einstellung zu den Geschlechterrollen haben, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie gemeinsam ein Kind bekommen. Es gibt aber auch einen möglichen positiven Aspekt. Aus der Forschung wissen wir: Wenn wir Leute miteinander ins Gespräch bringen, die politisch ganz woanders stehen, gleichen sich zwar nicht sofort in ihren Einstellungen an; sie bauen aber schnell Vorurteile gegenüber der anderen politischen Gruppe ab. Wenn wir jetzt also mehr Paare haben, in denen sie eine andere Partei wählt als er, kann das eine politische Polarisierung abbauen.

Das wäre natürlich der bestmögliche Ausgang. Aber angenommen, diese Kluft löst sich nicht so einfach auf: Was sind die gesellschaftlichen Folgen, etwa für die Gleichstellung?

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die breite politische Mitte da eher angenähert und oft Konsenspolitik gemacht. So haben sowohl Unions- als auch SPD-geführte Regierungen zum Beispiel das Elterngeld oder den Kita-Ausbau vorangetrieben und umgesetzt, es gab also das Gegenteil einer Polarisierung. Dann kam die AfD mit ihrer Anti-Haltung, deren Spitzenkandidat fürs EU-Parlament, Maximilian Krah, etwa gern sexistisch herumphilosophiert. Da besteht die Gefahr, dass ein konstruktiver Konsens aufgebrochen wird. Falls dieser Gender Gap größer wird, kann es natürlich auch sein, dass die Parteien mit ihrem Wahlprogramm stärker darauf reagieren. Zugespitzt ausgedrückt: dass die Grünen irgendwann nur noch Frauenpolitik machen und die FDP anfängt, sich ausschließlich auf Männerpolitik zu konzentrieren. In diesem „Worst case“-Szenario könnte die Gleichstellungspolitik in einem Gegeneinander steckenbleiben.

Andererseits handelt es sich ja bei dieser Altersgruppe von 18 bis 24, um die es hier geht, um zahlenmäßig sehr wenige Wählerinnen und Wähler, verglichen mit den vielen Älteren, bei denen es diese Kluft zwischen den Geschlechtern nicht gibt. Gehen Sie davon aus, dass der Gender Gap in den nächsten Jahren bestehen bleibt?

Ja, aber mit Einschränkungen. Die Ursachen – Rückgang der Religiosität, Frauenerwerbstätigkeit, Fokus auf soziokulturelle Themen und Gleichstellung – beruhen auf langfristigen Trends. Auf Deutschland bezogen, lässt sich aber manches vielleicht auch mit dem spezifischen Effekt einer bestimmten Wahl erklären. Zum Beispiel haben die Grünen 2021 Annalena Baerbock und nicht Robert Habeck zur Spitzenkandidatin bestimmt und das explizit auch damit begründet, dass sie eine Frau ist. Ich habe dazu konkret keine Studie, aber es scheint zumindest plausibel, dass das bei jungen Frauen besser angekommen ist als bei Männern.

Dazu würde passen, dass die FDP damals praktisch nur mit Männern angetreten ist.

Schon möglich. Generell zeigt die Forschung allerdings, dass das Geschlecht der Kandidierenden nicht der ausschlaggebende Faktor ist. Die Sache kann aber anders sein, wenn das Geschlecht selbst politisiert wird, wie im Fall Baerbock. Umfragen deuten übrigens darauf hin, dass in Ländern mit starken und etablierten Rechtsradikalen der Gender Gap bei den politischen Einstellungen gering bis nicht existent ist. Das gilt für Italien, wo mit Georgia Meloni eine Frau regiert, aber auch für Frankreich mit Marine Le Pen und die Niederlande mit Geert Wilders.

Was heißt das für Deutschland?

Falls sich die AfD weiter etabliert, könnte manches darauf hindeuten, dass die Kluft dann auch hier zurückgeht. Schon jetzt ist der Gender Gap in Sachsen und Thüringen, wo die AfD sehr stark ist, relativ gesehen geringer als in Hamburg oder Niedersachsen. Aber dann haben wir ganz andere Probleme.

Ansgar Hudde.

Kommentare