VonJana Stäbenerschließen
Jugendliche fühlen sich heute nicht mehr so dick wie früher – vor allem Mädchen. Ein „sehr positives“ Ergebnis, findet ein Soziologe.
Laut einer neuen internationalen Studie schätzen junge Frauen ihr Gewicht heute korrekter ein, als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig ist der Anteil der Jungen und Mädchen, die ihr Gewicht als zu hoch einschätzen (und den Heroin-Chic feiern), gesunken. Dafür gibt es heute mehr Jugendliche, die ihr Gewicht unterschätzen. BuzzFeed News Deutschland fragt den Soziologen Friedrich Schorb, was dies zu bedeuten hat.
Mädchen schätzen ihr Gewicht heute realistischer ein, als früher
Für die Studie, die in der Fachzeitschrift Child and Adolescent Obesity erschienen ist und in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO durchgeführt wurde, befragten die Forschenden etwa 746.000 Mädchen und Jungen in 41 Ländern. Im Schnitt waren die Befragten 13,6 Jahre alt.
Das Ergebnis: Mädchen schätzen ihr Gewicht heute realistischer ein als früher. Bei Jungen nahm die realistische Einschätzung eher ab. Außerdem nahm der Anteil der Jugendlichen, die ihr Gewicht unterschätzen, im Laufe der Zeit bei beiden Geschlechtern zu. Weniger als früher überschätzen sie hingegen ihr Gewicht. Bei Mädchen war diese Entwicklung noch stärker ausgeprägt.
„Ich finde das Ergebnis sehr positiv“, sagt der Soziologe Friedrich Schorb von der Universität Bremen BuzzFeed News Deutschland. Man wisse aus älteren Studien, dass Kinder, die ihr Gewicht als niedriger einschätzen, eine höhere Lebensqualität haben als Kinder, die nach den Grenzwerten „übergewichtig“ seien und das auch wüssten oder die sich trotz „Normalgewicht“ als zu schwer empfinden.
„Hinzu kommt: Die Grenzwerte, die bestimmen, was als zu hoch oder zu niedrig gilt, sind ohnehin umstritten“, sagt der Gesundheitssoziologe, der sich mit Fat Studies und Gewichtsdiskriminierung beschäftigt und uns schon eine Einschätzung zu C&A-Plus-Size-Strategie gegeben hat.
Soziologe sieht „positive“ Effekte auf die „psychische Gesundheit“
In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) wird die Hauptautorin der Studie, Anouk Geraets vom Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Luxemburg zitiert. Sie sagt, es sei „besorgniserregend, dass wir einen Trend beobachten, bei dem weniger Jugendliche sich selbst als übergewichtig einschätzen.“
„Das sehe ich deutlich anders“, entgegnet Schorb. Gerade Mädchen und junge Frauen, aber zunehmend auch Jungen und junge Männer litten häufig unter Essstörungen und einer gestörten Körperbildwahrnehmung. „Wenn junge Menschen heute öfter mit ihrem Körper zufrieden sind, wirkt sich das positiv auf ihre psychische Gesundheit aus.“
Sich nun darüber zu beklagen, dass ein paar Jugendliche ihren Körper akzeptieren, obwohl er laut Expertenurteil in die Kategorie übergewichtig falle, sei „absurd“. In älteren Studien hätten insbesondere Mädchen ihr Gewicht oft zu hoch eingeschätzt, was problematische psychosomatische Folgen wie Essstörungen habe, für die auch Gene eine Rolle spielen. Dass die ihr Gewicht heute inzwischen korrekter einschätzen, ist für ihn ein Erfolg.
Hat die diverse Modewelt etwas mit der besseren Gewichts-Einschätzung zu tun?
Wir fragen ihn, warum gerade Mädchen ihr Gewicht heute realistischer einschätzen als früher. „Ich habe schon den Eindruck, dass das Körperideal heute diverser ist als noch vor wenigen Jahrzehnten“, antwortet Schorb. In der Modeindustrie sei Plus Size heute ein wichtiger Bestandteil. „Es gibt Hochglanzmagazine, die sich an dicke Frauen richten und in denen es nicht um Abnehmen, sondern um Mode und Lifestyle geht“, sagt er BuzzFeed News Deutschland.
Curvy-Models (wie diese hier) seien im Trend, so der Soziologe. In den sozialen Medien spiele Body Diversity und Body Neutrality eine große Rolle, so wie bei Ariana Grande, der es mit Bodyshaming auf Social Media reicht. „Das bedeutet nicht, dass alle Menschen dabei abgeholt werden. Aber es ist doch deutlich diverser als früher.“
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