Weltweit bauen Unternehmen und Regierungen weiter die fossilen Energien aus und gefährden damit die Pariser Klimaziele, besagt eine neue Studie der „Climate Action Tracker“, die Table.Media exklusiv vorliegt.
Ein Erfolg der COP28 in Dubai sei auch zweifelhaft, weil das Gastgeberland weiter auf Öl und Gas setze. Diese Analyse liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Climate.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Climate.Table am 08. Juni 2023.
Mit einem dringenden Aufruf zur Kursänderung und scharfer Kritik an den Ländern mit fossilen Rohstoffen hat sich auf der Bonner Klimakonferenz der „Climate Action Tracker“ (CAT) in die Debatte um den Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle zu Wort gemeldet. Der CAT ist ein Projekt der Think-Tanks „Climate Analytics“ und „New Climate Institute“, das regelmäßig die Klimapolitik der UN-Staaten bewertet. In seiner Zwischenbilanz „Countdown to COP28“ kritisieren die Experten:
- Kein großer Produzent von Öl und Gas halte sich an die Vorgaben, um die Pariser Klimaziele zu erreichen
- Regierungen weiteten ihre fossilen Subventionen aus, statt sie zu kürzen und unterstützten weiter Investitionen in die Öl- und Gasinfrastruktur
- Die kommende COP-Präsidentschaft der Vereinigten Arabische Emirate (VAE) wecke „ernste Zweifel“, ob sie in der Lage sei, die Konferenz erfolgreich zu gestalten.
Bisherige Trends: Erwärmung um 2,7 Grad
Die Studie wird am heutigen Donnerstag auf der Bonner Klimakonferenz SB58 vorgestellt und liegt Table.Media vorab vor. Für ihre Analyse haben Wissenschaftler die nationalen und globalen Trends bei CO₂-Emissionen, Investitionen und Politik-Entscheidungen mit den Erfordernissen abgeglichen, die die Wissenschaft an die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels stellt. Nach CAT-Berechnungen befindet sich die Welt bei absehbaren Emissionstrends auf dem Weg zu einem „katastrophalen“ Temperaturanstieg von 2,7 Grad Celsius im Jahr 2100.
Newsletter von Table.Media
Erhalten Sie 30 Tage kostenlos Zugang zu weiteren exklusiven Informationen der Table.Media Professional Briefings – das Entscheidende für die Entscheidenden in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und NGOs.
Hinter den Kulissen debattiert die Bonner Konferenz in diesen Tagen auch darüber, ob die COP28 in Dubai im Dezember den Ausstieg aus den fossilen Energien beschließen wird. Für die Klimaziele müssten die CO₂-Emissionen bis 2030 halbiert werden und „die Produktion von Öl und Gas letztlich ganz auslaufen“, wiederholen die Autoren den wissenschaftlichen Konsens. Schon vor zwei Jahren hat die Internationale Energieagentur IEA kalkuliert, dass für die Pariser Klimaziele keine neue Infrastruktur für Fossile gebaut werden darf.
Nötig, aber kaum sichtbar: Ausstieg aus Öl und Gas
Vor diesem Hintergrund kritisiert der aktuelle CAT-Bericht:
- Kein größeres Öl- und Gas-Unternehmen habe sich zu einem Ende dieser Investitionen verpflichtet, diese nähmen sogar zu. „Der Goldrausch geht weiter“, heißt es.
- Die Industrieländer mit großen fossilen Reserven wie Kanada, die USA, Norwegen oder Australien sollten vorausgehen und ein Ende für die Öl- und Gasproduktion beschließen. Aber nur Länder mit kleinen oder ohne fossile Reserven wie Frankreich, Schweden oder Neuseeland täten das.
- Die meisten Regierungen hätten es versäumt, ihre Versprechungen zum Abbau von Subventionen für fossile Treibstoffe einzuhalten.
- Die G7-Länder unterstützten gegen ihre Zusicherung von der COP26 weiter Investitionen in neue Gas-Infrastruktur.
COP-Präsident propagiere „Ablenkungen wie CCS“
Der Bericht wendet sich auch gegen „Ablenkungen wie CCS“ (Carbon Capture and Storage) und kritisiert konkret die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) als Gastgeber der COP28. Der designierte COP28-Präsident und Industrieminister der VAE, Sultan Al Jaber, strebt statt einem Aus für fossile Energie nur nach einem Aus für „Emissionen aus den Fossilen“ und propagiert dafür die massive Ausweitung von Techniken wie CCS.
Am selben Tag, an dem al Jaber auf der Bonner Konferenz erwartet wird, erklärt nun CAT mit dem vorgelegten Bericht, CCS „spielt keine relevante Rolle bei der Dekarbonisierung des Energiesektors, weil erneuerbare Energie im Vergleich viel billiger ist und einen geringeren ökologischen Fußabdruck hat.“ Und „die Aktion der VAE zur Unterstützung von Öl, Gas und CCS wecke ernste Zweifel an ihrer Eigenschaft, einen ehrgeizigen Deal auf der COP28 zu verhandeln. Die VAE verfolgen klar eine Agenda, die die Aufmerksamkeit vom Ausstieg aus den Fossilen ablenkt und wenn sie erfolgreich ist, Öl und Gasproduktion in großem Maßstab für die Zukunft festlegt.“ So werde „die Möglichkeit vertan, bei der COP28 einen gerechten Ausstieg aus Öl und Gas zu verhandeln, der die dringende Notwendigkeit der Dekarbonisierung berücksichtigt.“
Der Bericht sieht auch positive Entwicklungen. So setze sich global der Ausstieg aus der Kohle durch und der Ausbau der erneuerbaren Energien gewinne an Tempo. Doch auch hier mahnt der CAT zu mehr Eile: Selbst ein erklärtes weltweites Ausbauziel für Erneuerbare von 1.000 Gigawatt jährlich bis 2030, das die IRENA ins Spiel gebracht hat und das unter anderem von der EU unterstützt wird, reiche nicht aus, es müsse „klar größer sein als 1 Terrawatt“.
110 Milliarden Dollar an fossilen Dividenden
Das bisherige System, so der Bericht, „funktioniert für die Reichen“: Die großen Öl- und Gaskonzerne hätten 2022 insgesamt 110 Milliarden Dollar für Dividenden und den Rückkauf von eigenen Aktien ausgegeben – mehr als die 100 Milliarden Dollar, die die Industriestaaten den armen Ländern für Klimahilfen versprochen und bisher nicht gehalten haben.
Weil aber gleichzeitig 2022 die globalen CO₂-Emissionen aus dem Energiesektor mit 36,8 Milliarden Tonnen einen neuen Höchststand erreicht haben, sei eine Trendwende bisher nicht in Sicht. „Der Zustand der globalen Klimapolitik“, schreiben die Autoren, „hat sich nicht groß verändert, seit UN-Generalsekretär auf der COP27 gewarnt hat, die Welt befinde sich auf dem Weg in die Klimahölle“. (Von Bernhard Pötter)