- VonBettina Menzelschließen
Im Sudan entbrennt ein Machtkampf zwischen zwei Generälen, die das Land zuvor mehrere Monate gemeinsam führten. Warum wenden sich die Machthaber jetzt gegeneinander?
Khartum – Die Machtkämpfe zweier Militärgeneräle stürzen den Sudan ins Chaos und kosteten seit Samstag (15. April) bereits hunderte Menschen ihr Leben. Die Hoffnung auf eine Demokratie in dem nordostafrikanischen Land liegt in Trümmern. Die rivalisierenden Generäle machten lange Zeit gemeinsame Sache, nun lassen sie ihre Einheiten erbittert gegeneinander kämpfen. Was steckt dahinter?
Zwei mächtige Generäle führten den Sudan nach Militärcoup zunächst gemeinsam
Der Sudan im Nordosten Afrikas wurde etwa 30 Jahre von dem autoritären Herrscher Umar al-Baschir geführt. Den Anfang und das Ende seiner Herrschaft markierte ein Putsch: Der einst selbst auf diesem Weg an die Macht gekommene Präsident wurde im Jahr 2019 mittels eines Militärputsches gestürzt. Danach sollte der Sudan in eine Demokratie übergehen, der Fünf-Jahres-Plan zur Demokratisierung des Staates wurde jedoch bislang nie umgesetzt.
Im Jahr 2021 vereinten die mächtigsten Generäle des Landes ihre Kräfte, um den damaligen Premierminister des Sudan zu stürzen. Seit dem gemeinsamen Militärcoup regierte General Abdel Fattah al-Burhan als De-facto-Präsident das Land zusammen mit seinem Stellvertreter General Mohammed Hamdan Daglo. Am Samstag wandten sich die Generäle gegeneinander, hinter beiden stehen mächtige Einheiten: al-Burhan ist Oberbefehlshaber der sudanesischen Armee, Hamdan ist Anführer der paramilitärischen Gruppe Rapid Support Forces (RSF).
Es ist nicht das erste Mal, dass die Generäle die Marschroute ändern: Die Militärs wandten sich im Jahr 2019 gegen den damaligen Herrscher al-Baschir, als Demonstranten in der Hoffnung auf Demokratie dessen Sturz forderten. Wenige Monate später ließen die Generäle die noch verbliebenen Demonstranten töten, mindestens 120 Menschen starben, einem Bericht der US-Zeitung New York Times (NYT) zufolge. Beobachtern gilt dies als Indiz, wie sehr Hamdan und al-Burhan an der Macht hängen.
Wer sind die zwei Generäle, die um die Macht im Sudan kämpfen?
Abdel Fattah al-Burhan ist ein 62-jähriger Vier-Sterne-General, der seine Ausbildung in Ägypten und Jordanien erhielt. Laut NYT verkörpert er „die Offiziersklasse der arabischen Stämme am Flussufer, die den Sudan seit der Unabhängigkeit im Jahr 1956 beherrschen.“ Der Ende 40-jährige Mohammed Hamdan war zunächst als Kamelhändler tätig und häufte später als gefürchteter Kommandant einer Miliz durch seine Rücksichtslosigkeit immer mehr Reichtum an. Bekannt ist Hamdan auch unter dem Spitznamen „Hemedti“ oder „kleiner Mohammed“. Beobachter beschreiben ihn als Opportunisten und klassisches Beispiel eines Warlords. Während des Darfur-Konflikts stieg er in den Reihen der bewaffneten westsudanesischen Miliz Dschandschawid auf und zog die Aufmerksamkeit des damaligen Diktators Umar al-Baschir auf sich, für den er fortan als „Problemlöser“ arbeitete, sich aber später gegen ihn verschwor.
Seit Beginn der Kämpfe im Sudan am Samstag wurden laut Weltgesundheitsorganisation mindestens 270 Menschen getötet und 2600 weitere verletzt. Die Hauptstadt Karthum mit mehreren Millionen Einwohnern wurde Zielscheibe für Luftangriffe, auch Krankenhäuser wurden laut sudanesischem Ärztekomitee bombardiert, angegriffen oder geplündert. 39 der insgesamt 59 Krankenhäuser und Kliniken in der Millionenstadt seien außer Betrieb, hieß es weiter.
Kämpfe im Sudan: Warum gerade jetzt?
Auch wenn die zwei Generäle Hamdan und al-Burhan den Sudan de facto gemeinsam anführten, blieben sie immer Rivalen. US-amerikanische und britische Vermittler hatten kurz bevor der Konflikt ausbrach, offenbar versucht, Spannungen zwischen Hamdan und al-Burhan zu reduzieren und den Sudan auf den Pfad der Demokratie zu bringen. Die Generäle hatten sich unter dem Druck westlicher, afrikanischer und arabischer Staaten bereits darauf geeinigt, die Macht an eine zivil geführte Regierung abzugeben, berichtete die New York Times.
Der Plan sah unter anderem vor, die Armee und die paramilitärische Miliz zusammenzulegen. Insbesondere Hadam hatte dabei viel zu verlieren, denn die RSF wäre de facto aufgelöst worden. Die beiden Machthaber hätten sich nun ausgerechnet, dass der Führungsstreit im Sudan ein „Nullsummenspiel ist, und sind deshalb aufeinander losgegangen“, so Adel Abdel Ghafar, Direktor des außenpolitischen Programms beim Middle East Council on Global Affairs zur britischen Zeitung The Guardian.
In den 18 Monaten ihrer gemeinsamen Machtausübung seien die Generäle nie für Verbrechen wie Entführungen oder Scheinprozesse zur Rechenschaft gezogen wurden, so der sudanesische Politologe Kholood Khair. „Die Internationalen haben vor all dem ein Auge zugedrückt, um eines politischen Prozesses willen, der jetzt fürchterlich schiefgelaufen ist“, sagte er der NYT. Am Dienstag sprach US-Außenminister Antony Blinken mit beiden sudanesischen Generälen und forderte sie zu einer Waffenruhe auf.
Welche Rolle Russland im Sudan spielt
Politikbeobachter sehen auch eine Verstrickung des russischen Präsidenten Wladimir Putins und des Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin in den Konflikt im Sudan. Der als „Putins Koch“ bekannte Prigoschin hatte seine Söldnertruppe bereits 2017 in den Sudan geschickt, um dort paramilitärische Einheiten auszubilden.
„Momentan wartet Wagner - und damit de facto Russland - ab, welche Partei die Oberhand gewinnt“, sagte Ben Hunter, Ostafrika-Analyst der britischen Sicherheitsberatungsfirma Verisk Maplecroft, der Deutschen Presse-Agentur. Später werde sich die kremlnahe Söldnergruppe Wagner auf die Seite der Sieger stellen, um dann direkten Einfluss zu nehmen, so der Experte weiter.
Sudan ist reich an Öl und Bodenschätzen wie Gold und gilt für Russland als wichtiges Puzzleteil in Afrika. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs gewann Afrika für Russland an strategischer Bedeutung, heißt es in einem Expertenbericht der Globalen Initiative. Im Februar hatte Moskau mit dem nordafrikanischen Land ein Abkommen für einen Marinestützpunkt im Hafen von Port Sudan am Roten Meer unterzeichnet. Dies gibt Putin die Möglichkeit einer direkten Import- und Exportroute nach Afrika. (bme/dpa)

