8000 Menschen dabei

Schutz vor Super-GAU: Ukraine trainiert Ernstfall bei Angriff auf AKW Saporischschja

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Die Ukraine probt die Folgen eines GAUs im AKW Saporischschja. Derweil hält Russland Kiew vor, ein falsches Spiel zu spielen.

Saporischschja – Im Ukraine-Krieg sind bereits unzählige Albträume wahr geworden. Ganze Städte wie Mariupol oder Bachmut liegen in Schutt und Asche. Fast täglich verübt Russland Gräueltaten an der ukrainischen Bevölkerung. Durch die Zerstörung des Kachowka-Staudamms droht eine Umweltkatastrophe noch ungeahnten Ausmaßes.

Bislang nur ein Horrorszenario ist dagegen ein Austritt von Radioaktivität am Atomkraftwerk Saporischschja, dem größten seiner Art in Europa. Schon kurz nach Beginn der Invasion brachten russische Einheiten das Gelände unter ihre Kontrolle. Seither warnt der Betreiber immer wieder vor dem Schlimmsten: Womöglich Tschernobyl 2.0.

GAU im AKW Saporischschja? Ukraine übt mit 8000 Menschen Folgen des Strahlungsaustritts

Die Ukraine will jedenfalls für den Ernstfall gerüstet sein. Wie Innenminister Ihor Klymenko via Telegram berichtet, fanden deshalb am Donnerstag (29. Juni) in den frühen Morgenstunden großangelegte Übungen statt. Nachgestellt wurden die Folgen eines Strahlungsaustritts aus einem der Kraftwerksblöcke.

In den Regionen Saporischschja, Dnipro und Cherson hätten insgesamt 8000 Menschen teilgenommen. Involviert waren demnach lokale Behörden, Ordnungskräfte, Freiwillige, Ärzte und Vertreter aller für den Katastrophenschutz zuständigen staatlichen Stellen. 350 Spezialfahrzeuge und 400 Evakuierungsbusse kamen zum Einsatz, heißt es weiter.

In jeder Siedlung hätten Evakuierungsteams aus Vertretern der örtlichen Behörden und der ukrainischen Nationalpolizei für den Transport und die Begleitung der Bürger in sichere Gebiete gesorgt. 200 zusätzliche Nationalpolizei-Streifen stellten sicher, dass es zu keinen Staus kam und sich die Evakuierungsfahrzeuge frei bewegen konnten.

Verstrahlt? Hier wird eine Person während der Übung dekontaminiert.

Ukraine übt für GAU: Bis zu 300.000 Menschen müssten evakuiert werden

Laut Klymenko, der im Februar auf den bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommenen Denys Monastyrskyj folgte, stellt das AKW „eine enorme Bedrohung“ für die Menschen dar. Bis zu 300.000 Menschen müssten im Ernstfall zwangsevakuiert werden. Durchgespielt wurde auch das Szenario, dass die radioaktive Wolke in eine beliebige Region des Landes weiterzieht.

Zudem seien sanitäre Kontrollpunkte eingerichtet worden, an denen Fahrzeuge überprüft werden, die die Siedlungen verlassen. So könnten die Strahlungen gemessen, Menschen und Fahrzeuge dekontaminiert werden. Außerdem müsse jede Wohnung und jedes Privathaus dahingehend überprüft werden, ob dort Menschen mit eingeschränkter Mobilität leben, die einen speziellen medizinischen Transport benötigen. Hieran werde gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium gearbeitet.

In der Botschaft steht auch: „Der Feind ist ganz in der Nähe und wir wissen, dass wir auf jede seiner Absichten vorbereitet sein müssen.“ Eine Anspielung auf die ukrainische Befürchtung, der Austritt der Radioaktivität könnte von russischer Seite provoziert werden. Bereits in der Vergangenheit sollen Explosionen nahe dem Kraftwerk zu hören gewesen sein, beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, mit dem Feuer zu spielen. Einen GAU mindestens in Kauf zu nehmen.

Proben für den Ernstfall: Die Ukraine bereitet sich auf einen GAU im Atomkraftwerk Saporischschja vor.

Anschlag auf AKW Saporischschja? Russland wehrt sich gegen Vorwürfe aus Kiew

So legen Aussagen aus der Ukraine – etwa vom Militärgeheimdienst SBU – nahe, Russland könnte einen Anschlag auf das AKW planen – womöglich als Reaktion auf die sich häufenden Rückschläge auf dem Schlachtfeld. Doch das lässt der Aggressor nicht auf sich sitzen. Die russische Nachrichtenagentur Tass berichtet über einen Brief des russischen UN-Botschafters Wassili Nebensja, der im UN-Sicherheitsrat verbreitet worden sei. Demnach seien die ukrainischen Anschuldigungen lediglich ein Vorwand, um selbst einen Sabotageakt durchführen und Moskau die Schuld dafür geben zu können.

Zitiert wird dieser Satz: „Die offensichtliche Unfähigkeit des Kiewer Regimes, zur Besinnung zu kommen und die Gefährdung des Kernkraftwerks zu stoppen, gibt Anlass zu größter Besorgnis, dass die provokanten Anschuldigungen gegen die Russische Föderation nichts anderes sind als ein Deckmantel, um die Vorbereitungen für einen echten Unfall im Kernkraftwerk zu verschleiern.“

Ähnlich deutlich äußerte sich Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Dem langjährigen und engen Weggefährten von Kreml-Chef Wladimir Putin zufolge verbreitet die Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj „reine Lügen“ mit ihren Stellungnahmen, laut denen Russland das AKW sprengen wolle. Weiter erklärte er, sein Land habe die ernsthafte Besorgnis über die „provokanten Aktionen“ der Ukraine zum Ausdruck gebracht. (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Ukrinform

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