Offiziell sind nur „terminliche Gründe“ dafür verantwortlich. Doch Pekings Absage eines Besuchs von Christian Lindner könnte auch an der China-Politik der FDP liegen.
München/Berlin/Peking – Ist es ein diplomatischer Affront gegen Christian Lindner – oder nur eine Panne bei der Terminplanung? Am Montag hat China jedenfalls den für Mitte der Woche geplanten Peking-Besuch des Bundesfinanzministers und FDP-Chefs einseitig abgesagt. Das teilte Lindners Ministerium mit. Demnach habe das chinesische Finanzministerium aus „terminlichen Gründen“ um eine Verschiebung der Reise auf einen späteren Zeitpunkt gebeten. Aus China liegt bislang keine offizielle Erklärung vor.
Peking habe bereits einen Alternativtermin angeboten, hieß es aus Berlin. So solle der FDP-Politiker mit seinem chinesischen Amtskollegen Liu Kun nach Lindners Teilnahme an Gesprächen der G7-Finanzminister in Japan zusammentreffen. Von deutscher Seite sei eine so kurzfristige Planänderung allerdings nicht möglich, hieß es weiter. Ob mehr hinter der Absage steckt, ist derzeit unklar. „Ob die Absage mit der Position der FDP zu tun hat, Deutschland müsse selbstbewusst gegenüber Peking auftreten, ist Spekulation“, so das Ministerium.
FDP geht auf Distanz zu China – und sucht Nähe zu Taiwan
In China hat man die sehr kritische Haltung der FDP gegenüber Peking längst registriert. Anders als Bundeskanzler Olaf Scholz und seine SPD fahren die Liberalen und die Grünen einen China-Kurs, der auf eine zunehmende Distanzierung von der Regierung in Peking setzt. So wollen beide Parteien zwar keine wirtschaftliche Abkopplung von der Volksrepublik, dafür aber eine Risikominimierung für deutsche Unternehmen, die zunehmend in anderen Ländern der Region investieren sollen. Auch Menschenrechtsfragen betonen Vertreter von FDP und Grünen regelmäßig.
Hinzu kommt, dass die FDP für engere Beziehungen zu Taiwan eintritt, dem demokratisch regierten Inselstaat, den China als abtrünnige Provinz betrachtet und notfalls mit Gewalt mit dem Festland „wiedervereinigen“ will. Im Januar reiste etwa eine zehnköpfige FDP-Fraktion unter Leitung der Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann nach Taipeh. „Wir müssen feststellen, dass sich China immer aggressiver verhält“, sagte Strack-Zimmermann im Anschluss an ihren Besuch dem Münchner Merkur.
Chinas Außenminister besucht trotz Baerbock-Kritik Deutschland
Mitte März flog mit Bettina Stark-Watzinger zudem die FDP-Bildungsministerin nach Taiwan. Es war der erste Besuch einer deutschen Bundesministerin in dem Land seit einem Vierteljahrhundert. Pekings Botschaft in Berlin brachte damals ihr „großes Missfallen“ über den Besuch zum Ausdruck. Lindner selbst hat sich in letzter Zeit mehrfach kritisch gegenüber China geäußert. Ende April sagte der Finanzminister auf dem FDP-Bundesparteitag, die frühere „Samtpfötigkeit“ der Bundesrepublik gegenüber China „war ein Fehler“.
Zuletzt war mit Annalena Baerbock eine deutsche Ministerin Mitte April in China. Bei ihrem Besuch in Tianjin und Peking übte die Grünen-Politikerin scharfe Kritik an Chinas Rolle im Ukraine-Krieg, an der Menschenrechtssituation im Land und an Pekings Drohungen in Richtung Taiwan. Ihr Amtskollege Qin Gang erwiderte auf Baerbocks Rundumschlag, sein Land brauche keinen „Lehrmeister aus dem Westen“. Trotz der harten Töne wird Qin allerdings schon in dieser Woche zu einem Gegenbesuch in Deutschland erwartet. (sh)