Eskalation droht

David gegen Goliath? Wie sich Taiwan gegen einen chinesischen Angriff schützen könnte

  • schließen

Noch sind es Militärübungen, die China vor Taiwan gestartet hat. Wie könnte sich die Insel im südchinesischen Meer im Falle eines echten Angriffs des riesigen Nachbars verteidigen?

München - Die Bedrohung war schon vorher präsent - aber seit der Tabu-Reise der US-Abgeordneten Nancy Pelosi nach Taipeh lässt China gegenüber Taiwan noch mehr die Muskeln spielen. Was wäre, wenn aus den Militärübungen, die China als Reaktion startete, ernst würde? Wie könnte sich der Inselstaat Taiwan mit seinen 23 Millionen Einwohnern gegen das Riesen-Reich China mit 1,4 Milliarden Menschen verteidigen?

China sieht Taiwan als abtrünnigen Teil ihrer Volksrepublik und möchte sich die Insel am liebsten einverleiben - wie es zu diesem Konflikt kam, ist hier nachzulesen. Eine mögliche Invasion der chinesischen Volksarmee befürchten Experten schon seit Jahren, heißt es in einem Dossier der Bundeswehr zum Thema. China rüste merklich auf: Sowohl bei den Landungsschiffen der chinesischen Marine als auch der Marineinfanterie.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

China gegen Taiwan: Militärische Übermacht ist überwältigend

Betrachtet man die reinen Zahlen, hätte Taiwan nicht die geringste Chance: Chinas Übermacht ist überwältigend. Eine Armee von zwei Millionen Mann steht Chinas Machthaber Xi Jinping zur Verfügung, das sind zehn Mal so viele wie in Taiwan. Laut einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums hat die chinesische Armee 355 Kriegsschiffe und U-Boote, Taiwan nennt dagegen nur vier U-Boote sein eigen. Ganz zu schweigen von der erdrückenden chinesischen Luftwaffe: Mit rund 2500 Kampfflugzeuge ist sie laut dem US-Bericht die drittgrößte weltweit, dazu zählen 176 Bomber. Die Zahl der taiwanesischen Bomber: Null.

Taiwan hat aber ein anderes Pfund in der Tasche, das gewaltig ist: Die Unterstützung der USA. Dieser kann sich Taiwan zwar nicht 100-prozentig sicher sein - eine Verpflichtung wie bei einem Nato-Bündnisfall gibt es nicht. Trotzdem gilt sie als wahrscheinlich. In einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN stellte US-Präsident Joe Biden im Herbst 2021 klar in Aussicht, dass die USA Taiwan gegen China verteidigen würden: „Wir haben eine Verpflichtung, dies zu tun“, sagte er laut einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland.

USA liefern moderne Waffen an Taiwan - auch aus Eigennutz

Das wahrscheinliche Eingreifen der USA unterscheidet die Lage massiv vom Ukraine-Krieg, bei dem Washington eine direkte Beteiligung von Anfang an ausgeschlossen hat. US-Truppen sind zwar nicht in Taiwan stationiert, die USA haben aber mehrere Kriegsschiffe und Flugzeugträger in der Region. Washington verkauft zudem moderne US-Waffen an Taiwan. Darauf ist die Insel im südchinesischen Meer auch angewiesen, denn laut dem Dossier der Bundeswehr sei „kein anderer Staat aktuell noch bereit, China wegen Waffenverkäufen an Taiwan gegen sich aufzubringen“.

Die USA unterstützen die Insel nicht uneigennützig: Für sie ist die Unabhängigkeit der Insel von China geostrategisch wichtig für einen freien und offenen Indo-Pazifik. „Ein Verlust der Insel an China wäre für die USA und ihre Verbündeten eine gigantische Katastrophe“, heißt es im Bundeswehr-Bericht. Auch für Deutschland wäre eine Eskalation des Konflikts der Super-GAU.

Wie erfolgreich sich Taiwan gegen China verteidigen könnte, hängt also zum großen Teil vom Verhalten der USA und anderer Verbündeter ab. Die Entscheidung, ob er in einen Krieg eingreifen würde, obliegt dabei allein dem US-Präsidenten. Das hat der US-Kongress im Februar 2021 mit dem „Taiwan Invasion Prevention Act“ festgelegt.

Taiwans Küste könnte China Probleme machen - Perfekte Bedingungen für Guerilla-Kampf

Taiwan bietet aber noch einen geographischen Vorteil, der China eine schnelle Eroberung des Landes erschweren dürfte: Die Küste der Insel ist an vielen Stellen steil, gebirgig und von dichten Wäldern umgeben. Perfekt für einen Guerilla-Krieg, bei der die Verteidiger gegenüber den Angreifern im Vorteil sind. Auf Taiwan gibt es ein weitverzweigtes Bunker- und Verteidigungssystem, das auf einen langen Abwehrkampf ausgelegt ist. Ziel der Taiwanesen bei einem Angriff Chinas könnte also sein: So lange durchhalten, bis sich die USA einschalten.

Hohe Berge, dichte Wälder: Taiwans Küste ist schwer anzugreifen und gut zu verteidigen.

China gegen Taiwan: Angreifer müssten fatale Gegenschläge auf hoher See befürchten

China wäre wohl derzeit gar nicht zu einer großen Landeoperation an Taiwans unzugänglicher in der Lage, schreibt der Spiegel in einem Bericht und bezieht sich dabei auf die Fachzeitschrift Bulletin of the Atomic Scientists. Es wäre immens schwer, chinesische Konvois über das südchinesische Meer hinweg zu verteidigen - vor allem wegen der extrem leisen amerikanischen Atom-U-Boote. Auf hoher See müssten chinesische Angreifer fatale Gegenschlägen durch moderne U-Boote, Drohnen und Raketen befürchten.

Chinesische Militär-Hubschrauber fliegen über die Insel Pingtan, einer von Chinas nahe gelegensten Punkte an Taiwan - ein Teil der Militärübungen, die auf den Besuch von Nancy Pelosi in Taiwan gefolgt sind.

Nach Reise von Nancy Pelosi: China probt die echte Invasion

Dennoch: Die aktuellen Militärübungen geben China jetzt die Chance, für eine echte Invasion in Taiwan zu üben, heißt es in einem Artikel der New York Times. Die Chinesen würden mit den Militärbungen, die als Reaktion auf Pelosis Reise folgten, trainieren, wie die Insel eingekesselt, von der Unterstützung Verbündeter abgeschnitten und dann attackiert werden könne. „Obwohl das gerade Übungen sind, die nur wie ein echter Kampf aussehen, kann es jederzeit zu einem echten Kampf werden“, wird General Meng Xiangqing, Professor für militärische Strategie an der Nationalen Verteidigungs-Universität von Peking, zitiert. (smu)

Rubriklistenbild: © Hector Retamal/AFP

Kommentare