VonMichelle Breyschließen
Peking setzt auch am Montag die Militärübungen fort. Kommt es in naher Zukunft zu einem Einmarsch in Taiwan? Ein Experte skizziert, wie China vorgehen könnte.
München/Peking/Taipeh - Nancy Pelosi reiste am Dienstag (2. August) nach Taiwan – trotz aller Warnungen aus China. Die Demokratin ist die ranghöchste US-Politikerin seit 25 Jahren, die der Insel einen Besuch abstattete. Von Peking wird Taiwan als abtrünnige Provinz angesehen. Seit Jahren versucht China den demokratischen Inselstaat zu isolieren. Nicht zuletzt droht die Führung in Peking damit, Taiwan notfalls auch mit Gewalt mit dem Festland „wiederzuvereinigen“. Wie der Konflikt mit China entstand, lesen Sie hier. Pelosi, die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, sicherte Taiwan die Unterstützung der USA zu.
Nur kurz nach der Landung der US-Politikerin in Taipeh kündigte Peking als Antwort „gezielte militärische Aktionen“ an. Es folgten Militärmanöver um Taiwan – inklusive Raketenstarts. Taipeh warf China eine Angriffssimulation vor. Folgt in naher Zukunft ein Einmarsch Chinas? Nicht zuletzt der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hatte Befürchtungen wachsen lassen, Peking könnte im Umgang mit Taiwan ähnlich vorgehen.
Taiwan-Konflikt: Experte bezeichnet Manöver Chinas als „eine Art Stresstest“
„Nicht spontan entschieden“ habe sich Peking zu den Militärmanövern, so der taiwanesische Militärforscher Lin Yung-yin im Gespräch mit dem Spiegel. „Der Plan dazu dürfte bereits im Frühjahr beschlossen worden sein“, sagte er. Schon damals, im April 2022 und vermutlich vor dem Hintergrund des schwelenden Ukraine-Kriegs, wollte Pelosi Taiwan besuchen. Das Vorhaben scheiterte aufgrund einer Infektion mit dem Coronavirus.
Mit einer baldigen Invasion Chinas rechnet Lin offenbar aber nicht. „Ich glaube, dass die chinesischen Streitkräfte dazu eines Tages in der Lage sein wollen.“ Das sei eines der Motive der Militärübungen. Ein weiteres Ziel sei die Beobachtung der Reaktionen Taiwans, der USA und Japans. „China schaut sehr genau darauf, was Japan im Augenblick macht. Die Manöver sind insofern auch ein Test, eine Art Stresstest“, erklärte der Forscher seine Ansicht gegenüber dem Spiegel.
Von Deeskalation ist indes zunächst keinerlei Spur. Ursprünglich hatte die chinesische Führung um Präsident Xi Jinping einen Abschluss der Manöver für Sonntag (7. August) in Aussicht gestellt. Ein formelles Ende wurde zunächst allerdings nicht mitgeteilt. China lässt die Übungen am Montag jedoch weiterlaufen. Einige chinesische Kommentatoren äußerten, dass die Militärübungen regelmäßig stattfinden und eine neue Normalität werden könnten.
Taiwan-Konflikt: Desinformationskampagne Chinas als Beginn einer Invasion?
Ein möglicher Angriff auf den Inselstaat, so Lin, würde mit Raketen, „der Stationierung von Schiffen im Südchinesischen Meer“ und der Luftwaffe einhergehen. „Das Ziel wäre eine vollständige See- und Luftblockade der Insel“, blickte er auf das Szenario. Beginnen würde alles jedoch mit einem Cyberangriff. Erste Anzeichen dafür würde es bereits geben.
Taiwanische Webseiten wurden zeitweise durch offenbar aus China und Russland gestartete Cyberangriffe lahmgelegt. Im Interview mit dem Spiegel berichtete Lin von Angriffen auf die Websites des taiwanischen Verteidigungs- und Außenministeriums. Auch Systeme von Geschäften seien angegriffen worden, um auf Monitoren chinesische Propagandanachrichten anzuzeigen. „Mit ähnlichen Hackerangriffen hätten wir auch im Fall eines tatsächlichen Angriffs zu rechnen“, so Lin.
Eine Desinformationskampagne schätze er als „noch gefährlicher“ ein „als das, was Raketen, Schiffe und Flugzeuge anrichten könnten“. Panik und Druckausübung auf die taiwanische Regierung sei das Ziel dessen. „Die Invasion wäre nur der letzte Schritt. In Wahrheit möchte Peking, dass Taiwan aufgibt, bevor es überhaupt zur Landung kommt“, sagte er dem Spiegel. Ähnlich wie die Ukraine sei allerdings auch Taiwan bereit, „zu kämpfen und unser Land zu retten“, verdeutlichte er. Daran habe er keinerlei Zweifel.
„Dass es erst gar nicht zum Krieg kommt“: Taiwan-Konflikt spitzt sich zu
Doch hat der kleine Inselstaat gegen das hochgerüstete China überhaupt eine Chance? Taiwan könne es - auf die Streitmacht bezogen - nicht mit der Volksbefreiungsarmee Chinas aufnehmen, so Lin. Taiwan setze daher im Falle eines Einmarsches Chinas auf eine „asymmetrische Strategie“. Dennoch müsse man schon vorher zur Verteidigung fähig sein. Es benötige kleine Waffen, wie Stinger-Raketen, aber auch F-16-Jets oder etwa U-Boote. Die Mission Taiwans müsse es jedoch sein, „dass es erst gar nicht zum Krieg kommt“. Der Ukraine-Krieg dürfte China zumindest gezeigt haben, was bei einem Einmarsch in ein Land passiert, wenn man nicht mit offenen Armen, sondern mit massivem Widerstand empfangen wird.
Ein Experte für Internationale Politik und Ethik blickt indes ein Stück weiter. Welche Bedeutung hätte ein eskalierender Konflikt zwischen Taiwan und China? Im Interview mit FR.de von IPPEN.MEDIA sagte Alexander Görlach: „Chinas Ambitionen gehen über Taiwan hinaus.“ (mbr mit dpa)
Rubriklistenbild: © Lin Jian/Xinhua/AP/dpa

