VonHarry Nuttschließen
Der Pop-Superstar Taylor Swift erfreut nicht nur ihre Fans. Die US-Amerikanerin beschäftigt auch die Wissenschaft, die das Phänomen erklären will.
Um der letztlich etwas zwanghaften Begeisterung für den US-amerikanischen Pop-Superstar Taylor Swift zu entkommen, haben sich die Kritikerinnen und Kritiker Anfang Februar zur Grammy-Verleihung vor allem auf die Auftritte zweier älterer Damen konzentriert: Tracy Chapman und Joni Mitchell.
Dabei ließen sie sich von der besonderen Würde anrühren, die die beiden nach all den Jahren im Showgeschäft immer noch ausstrahlten. Joni Mitchell hatte sich nach einem schweren Schlaganfall vor einigen Jahren zurück auf die Festivalbühne gekämpft und war für das Live-Album über ihren Auftritt in Newport ausgezeichnet worden. Tracy Chapman indes war nach langer Abwesenheit erstmals wieder bei einer Grammy-Verleihung – als Frau von nebenan, ein Weltstar mit Song und Gitarre.
Lesen Sie auch
Als Gegenzauber wirkte das aber nur für einen kurzen Moment, inzwischen scheint die Beschäftigung mit Taylor Swift sogar akademische Sphären erreicht zu haben. Jüngstes Beispiel der Taylor Studies ist ein Beitrag des Philosophie Magazins auf Philomag.de, in dem die Autorin Yasmine Khiat versucht, die Allgegenwärtigkeit der Taylor Swift zu erklären, der längst auch ein entscheidender Einfluss auf den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen zugetraut wird. Taylor Swift bricht nicht nur Branchenrekorde, über das bloße Noch-mehr hinaus dient „The Bossin“ („Süddeutsche Zeitung“) als signifikantes Beispiel ökonomischer Sonderphänomene.
Yasmine Khiat hält sich unterdessen an die Authentizitätsmerkmale der Künstlerin und deren besondere Nähe zu den Fans. „Dies ist ihr Markenzeichen: Sie singt über ihr eigenes Leben, ihre Liebesbeziehungen, Enttäuschungen, Hoffnungen und Herausforderungen.“ Dies vermittele ihren langjährigen Fans das Gefühl, mit ihr auf einer Wellenlänge zu sein, da sie ähnliche Probleme erleben.“
Swift-Songs: Form eines „kleinen Romans“
Für ihren Beitrag im Philomag bemüht Yasemine Khiat den Musiksoziologen Antoine Hennion, der herausgefunden zu haben meint, dass Swift-Songs die Form eines „kleinen Romans in drei Minuten“ angenommen haben, der Traum und Wirklichkeit in einer Art Bericht über die Liebe oder ungenannte Sehnsüchte miteinander verwebe.
Ein bedeutendes literarisches Vorbild wiederum glaubt die belgische Literaturwissenschaftlerin Elly McCausland entdeckt zu haben. In Swifts Song „The Great War“ vom Album „Midnights“ sieht sie Bezüge zur amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath und deren Gedicht „Daddy“.
Das Philosophie Magazin hält zudem noch ein Zitat des französischen Philosophen Jean Baudrillard bereit, dem zufolge der moderne Mensch mehr und mehr mit der Produktion und steten Innovation seiner eigenen Bedürfnisse und seines Wohlbefindens beschäftigt sei. Was 1970, als Baudrillard den Gedanken in „Die Konsumgesellschaft“ formulierte, noch als fantasiebegabte Intervention eines allmählich abdriftenden Philosophen wahrgenommen wurde, wirkt heute beinahe hausbacken, aber plausibel.
Eine sehr viel griffigere Erklärung für den anhaltenden Swift-Erfolg hat unterdessen die Pop-Kritikerin Jenny Zylka anzubieten. Taylor Swift, so Zylka auf „Deutschlandfunk Kultur“, passe als weiße, perfekt proportionierte junge Blondine ins heteronormative Love-Interest-Schema für Männer, als auch in das Ideal, das Frauen sich aufzwingen. Die Taylor Studies stehen wohl erst am Anfang.
Harry Nutt ist Autor.
