Giftigkeit von Pestiziden

EU-Behörden: Noch immer Gesetzeslücke bei Risikobewertung von Glyphosat

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Ein Landwirt versprüht Pflanzenschutzmittel auf einem Rapsfeld (Symbolbild)

Beruhen die Entscheidungen der EU-Behörden, etwa zur Giftigkeit von Pestiziden, auf objektiven Daten? 

Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Europe.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Europe.Table am 19. Juli 2023.

Das Europäische Parlament hat sich gestern in einer öffentlichen Anhörung mit dieser Frage befasst. Zuletzt hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in ihrer Risikoeinschätzung grünes Licht für die Verlängerung des umstrittenen Herbizids Glyphosat gegeben und für Kritik gesorgt.

Anlass war eine Studie der Stockholmer Wissenschaftler Axel Mie und Christina Rudén. Die Forscher hatten sich angesehen, welche Toxizitätsstudien, also Studien, die die Auswirkung eines Stoffes auf die Entwicklung des Gehirns untersuchen, Antragsteller jeweils bei der US-amerikanischen Zulassungsbehörde EPA und der europäischen EFSA eingereicht haben. Das Ergebnis: Ein Viertel der Studien, die an die EPA gingen, wurden der EFSA nicht vorgelegt.

Eine Mehrheit dieser unterlassenen Studien hätte einen Einfluss auf die Risikobewertung haben können, betonte Axel Mie gestern vor den Abgeordneten des Umwelt- und des Agrarausschusses. „Es ist die Verantwortung von Unternehmen, die Studien an die Behörden weiterzuleiten“, betonte der Forscher. Unternehmen wie Bayer und Syngenta, gestern beide vertreten, seien ihrer Verantwortung nicht nachgekommen.

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McGuinness: „Es zählt jede Studie“

Sowohl Kommission als auch Regulierungsbehörden EFSA und ECHA sehen darin einen Gesetzesverstoß. „Aus Kommissionssicht wurde nicht korrekt gehandelt. Nicht alle relevanten Informationen wurden vorgelegt“, sagte Kommissionsvertreterin Claire Bury.

Die Vertreterinnen von Syngenta und Bayer wiesen den Vorwurf zurück. Man habe immer alle relevanten Studien eingereicht. ECHA-Direktorin Sharon McGuinness argumentiert, es sei nicht an den Herstellern zu urteilen, welche Studien relevant sind und welche nicht: „Es zählt jede Studie für eine vollständige Risikobewertung.“

Verantwortung liegt bei Mitgliedstaaten

Seit 2021 ist ein neues Gesetz in Kraft: die Verordnung über die Transparenz und Nachhaltigkeit der EU-Risikobewertung im Bereich der Lebensmittelkette. Obwohl sich die Stockholmer Studie auf die Periode vor dem neuen Gesetz konzentriert, weisen die Ergebnisse auf eine Lücke in der neuen Verordnung hin. Demnach müssen Antragsteller die Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) über sämtliche in Auftrag gegeben Studien informieren. Die Rohdaten werden denn auch öffentlich gemacht. Das gilt allerdings nur für neue Studien. Bestehende Studien sind damit nicht erfasst. „Das Problem ist mit diesem Gesetz nicht gelöst“, sagt Forscher Mie.

Ein weiteres Problem, das bei der Anhörung deutlich wurde: Die Verantwortung, zu prüfen, ob das Dossier eines Antragsstellers komplett ist, liegt bei den Mitgliedsstaaten, nicht bei der EFSA. Und nur sie können Strafen oder Sanktionen verhängen, wenn Studien fehlen. In den von den Stockholmer untersuchten Fällen kam es nicht zu Sanktionen. Und nun sei es zu spät, betonte Kommissionsvertreterin Bury.

EFSA-Chef: System durch mehr Kontrollen verbessern

Dazu kommt: Die Hersteller müssen selbst nachweisen, dass ihr Produkt sicher ist. Sprich, es obliegt ihnen, die nötigen Studien durchzuführen und zu bezahlen. Die Stockholmer Forscher sehen darin einen inhärenten Interessenkonflikt: Den Herstellern, die Studien in Auftrag geben, ist am positiven Ergebnis gelegen. Die Labore wollen ihre Auftraggeber nicht verlieren.

„Wir ebenen den Weg dafür, dass wir uns in ein paar Jahren noch einmal hier austauschen“, sagte Forscher Mie. Das Problem sieht EFSA-Chef Bernhard Url nicht. Man könne nicht einfach einen fundamental anderen Ansatz wählen. Aber man könne das System durch mehr Audits und Kontrollen verbessern, erklärte er. Denn, das wurde auch bei der Anhörung klar: Öffentliche Behörden wie die EFSA und ECHA haben gar nicht das Budget, um Studien in Auftrag zu geben oder durchzuführen. cw

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