Putin will „Volkszorn lenken“: Experten erklären Kreml-Pläne nach dem Terror von Moskau
VonStephanie Munk
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Putin strickt seine eigenen Legenden nach dem Terror in Moskau, sagen Experten – er zeigt in Richtung Ukraine und präsentiert Folter-Videos. Erste Folgen gibt es schon.
Moskau – Russland steht unter Schock: Mindestens 139 Menschen starben bei einem Terroranschlag bei einem Konzert in einem Stadion in Moskau. Bei dem Attentat hatten vier Männer auf die Besucher der Crocus City Hall geschossen und das Gebäude mit Benzin in Brand gesetzt. Ein Ableger des IS bekannte sich zu dem Anschlag, die Bennervideos werden als authentisch angesehen.
Wladimir Putin aber beschuldigt die Ukraine, in den Terrorakt verwickelt gewesen zu sein, und lässt seinen Sicherheitsbehörden volle Härte demonstrieren: Kurz nach dem Anschlag wurden Videos und Fotos von vier festgenommenen Verdächtigen präsentiert, die offensichtlich von der russischen Polizei gefoltert wurde. Das deutet darauf hin, dass der russische Despot den Zorn seines Volkes bewusst steuern will – auch, um von eigenen Fehlern abzulenken.
Putin wolle nach Terroranschlag in Moskau den Zorn des Volks auf Ukraine lenken
Putin wolle die Russinnen und Russen weiter gegen die Ukraine aufhetzen, sagte der IS-Experte und Londoner Professor Peter Neumann gegenüber Bild. Es gehe darum, „diesen Volkszorn in die aus Putins Sicht richtige Richtung zu lenken“, so Neumann, „Und das ist ihm zum Teil auch schon gelungen.“
Auch die russisch-amerikanische Wissenschaftlerin Vera Mironova sagte gegenüber der Deutschen Welle: „Russland will den Krieg in der Ukraine mit allem rechtfertigen, und jetzt versuchen sie, ihn mit diesem Terroranschlag zu rechtfertigen.“ Die Forscherin ist überzeugt, dass die meisten Russen diesem Narrativ des Kreml aufgrund der überzeugenden Propaganda glauben – auch wenn es dafür keinerlei Beweise gibt.
Kreml zeigt bewusst Videos und Fotos von Folter – „Kein Grund mehr, Methoden zu verbergen“
Sergej Davidis von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial sagte einem Bericht von Voice of America zufolge, dass Russland nach dem Terroranschlag zum allerersten bewusst öffentlich gemacht habe, dass es Gefangene folterte. Dies liege daran, dass sich der Kreml sicher sei, das Volk auf seiner Seite zu haben „Sie glauben, da bin ich mir sicher, dass sie vom Volk unterstützt werden“, sagte der Aktivist, und fuhr fort: „Sie haben jetzt entschieden, dass es keinen Grund gibt, ihre Methoden zu verbergen.“
Dies sei ein schlimmes Zeichen, so Davidis. Putin werde den Anschlag nutzen, um künftig noch brutaler gegen Dissidenten vorzugehen. „Die Menschen, die die Ukraine unterstützen, werden von den Behörden aktiv angegriffen“, sagte er. „Jede Oppositionsbekundung, jede Äußerung, die den offiziellen Propaganda-Narrativen widerspricht, ist ein Grund für die Freiheitsberaubung.“
Putin strickt eigene Legenden über Terroranschlag in Moskau – Finger zeigte sofort auf Ukraine
Wie Jörg Lau, außenpolitischer Korrespondent der Zeit in einem Podcast der Wochenzeitung erklärte, könne in der russischen Gesellschaft keinerlei Aufarbeitung des Attentats stattfinden, weil das russische Regime die Meinung darüber, wer hinter dem Anschlag steckt, „komplett kontrollieren“ wolle „und seine eigenen Legenden strickt.“
Dies geschehe auch aus Eigennutz, denn Putin hatte zuvor die Warnungen der USA vor einem möglichen Terroranschlag in Russland ignoriert. Auch daher habe er zugleich mit dem Finger auf die Ukraine gezeigt, so der Russland-Experte. Wenn sich in der russischen Gesellschaft eine andere These verbreiten würde, wer hinter dem Anschlag in Moskau steckt, sei Putins eigene Autorität in Gefahr.
Putin beschuldigt „Neo-Nazi-Regime“ der Ukraine und zeigt Videos von mutmaßlichen Terroristen
Putin hatte kurz nach dem Anschlag in dem Moskauer Stadion behauptet, das nach seinen Worten „Neonazi-Regime“ der Ukraine stecke hinter dem Attentat. Die Ukraine wolle „Panik in der Gesellschaft säen“. Später gab Putin zwar zu, dass der IS den Anschlag verübt habe, Kiew allerdings habe einen Fluchtweg für die Terroristen in die Ukraine freigehalten. Beweise dafür legte er nicht vor. Die ukrainische Regierung bestreitet eine Beteiligung vehement. Bekennervideos des IS zu der Tat werden als authentisch angesehen.
Die russischen Behörden präsentierten unterdessen schnell vier Verdächtige: Vier mutmaßliche Haupttäter wurden dem Haftrichter präsentiert. Es sickerten Videos von grausamen Verhören durch, bei denen offenbar auch Elektroschocks eingesetzt wurden. Auf Fotos, die die Polizei von den Verdächtigten präsentierte, waren ihre Gesichter stark geschwollen und mit Wunden übersät.
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Wut der Russen richtet sich nach Terroranschlag auch auf Tadschiken
Einem Bericht der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge seien die vier Männer als Bürger Tadschikistans identifiziert worden. Laut einem Bericht von Al Jazeera entfacht dies bei vielen in der Bevölkerung jetzt auch die Wut auf Tadschiken, von denen in Russland Millionen als Wanderarbeiter lebten.
Minderheiten aus Zentralasien wie Tadschiken und Usbeken seien in Russland auch bisher schon von der Polizei schikaniert und diskriminiert worden, heißt es. Dieses Klima habe sich seit dem Terroranschlag verstärkt. Russische Passagiere würden sich beispielsweise weigern, von tadschikischen Taxifahrern gefahren zu werden. In den sozialen Medien kursiere der Screenshot einer Textnachricht, die laute: „Hallo, wenn Sie Tadschike sind, stornieren Sie die Bestellung, ich werde nicht mit Ihnen fahren, oder ich rufe die Verkehrspolizei, damit sie Ihre Lizenz zur Personenbeförderung überprüfen kann.“
Auch der Zeitungsstand eines Arbeiters aus Zentralasien sei an der russische-chinesischen Grenze in Brand gesetzt und darauf geschossen wurde, berichtete die russische Nachrichtenagentur Sota laut Al Jazeera auf Telegram. (smu)