Anschläge in Frankreich und Belgien

„Terrorgefahr in Europa ist gestiegen“: Der Krieg zwischen Israel und der Hamas erhöht das Risiko

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Der Tatort des tödlichen Anschlags auf zwei schwedische Fußballfans in der belgischen Hauptstadt Brüssel.
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    Anne-Christine Merholz
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Mit Israels Krieg gegen die Hamas steigt die Terrorgefahr in ganz Europa. Laut Experten könnte eine Bodenoffensive im Gazastreifen große Auswirkungen haben.

Brüssel – Welchen Einfluss hat der Krieg in Israel auf die Terrorgefahr in Deutschland und Europa? Innerhalb einer Woche kam es in Europa zu zwei Terroranschlägen: In Frankreich verübte ein Islamist eine tödliche Messerattacke in einer Schule. Wenige Tage später forderte ein Anschlag mit islamistischem Hintergrund in der belgischen Hauptstadt Brüssel zwei Tote. In Frankreich gilt nun die höchste Terrorwarnstufe und Experten warnen: Die Terrorgefahr in ganz Europa steigt. Vor allem Einzeltäter stehen im Fokus.

Terrorgefahr für Europa durch Israels Krieg gegen die Hamas: Sicherheitslage könnte sich verschärfen

Durch den Anschlag in Brüssel zeige sich mit „erschreckender Deutlichkeit“, dass die Befürchtungen des Geheimdienstes und der Regierung begründet gewesen seien, sagte Schwedens Regierungschef Ulf Kristersson. „Noch nie in der Neuzeit stand Schweden unter einer so großen Bedrohung wie jetzt“, so der Politiker am Dienstag (17. Oktober).

„Die Terrorgefahr ist in ganz Europa gestiegen“, mahnt Ulrich Schlie, der als wissenschaftlicher Beirat an der Nordrhein-Westfälischen Akademie für Internationale Politik tätig ist, auf Anfrage von IPPEN.MEDIA. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass [die Terrorgefahr] im Zusammenhang mit der aktuellen Lage im Nahen Osten, aber auch vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, weiter steigen wird“, erklärt der Experte weiter.

Erhöhte Terrorgefahr in Deutschland: Bodenoffensive im Israel-Krieg könnte Ausschlag geben

Als Reaktion auf den Hamas-Angriff mit hunderten Toten und Verletzten, plant Israel nun eine Bodenoffensive im Gazastreifen. Damit könnte sich auch die Sicherheitslage in Europa weiter verschärfen, meint der Politikexperte. „Dies wird ganz wesentlich davon abhängen, wie sehr die Bodenoffensive zu Gegenreaktionen, etwa durch die Hisbollah, und zu einer Ausweitung der Kriegshandlungen führen wird.“

Man müsse aber darauf vorbereitet sein. Der Terrorismus sei leider aus der Gegenwart nicht mehr wegzudenken, so Schlie zu IPPEN.MEDIA. „In dem Maße, in dem die Unsicherheiten steigen, müssen wir uns darauf einstellen, dass [der Terrorismus] als politische Waffe eingesetzt wird und Trittbrettfahrer davon Gebrauch machen werden, damit die Welt aus den Fugen gerät.“

Terrorgefahr in Deutschland steigt – Verfassungsschutz fordert Betätigungsverbot für Hamas

Sicherheitsbehörden hätten allein in diesem Jahr bereits zwei mögliche islamistische Anschläge in Deutschland verhindert, teilte das Bundesinnenministerium im Juni mit. „Islamistische Terrororganisationen wie der IS und seine Ableger, aber auch islamistische Einzeltäter sind eine erhebliche und jederzeit akute Gefahr“, zitierte das Ministerium Bundesinnenministerin Nancy Faeser am Montag auf der Plattform X (vormals Twitter). Man werde den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus weiterhin mit Wachsamkeit und Konsequenz führen, hieß es.

Experten zufolge gehe die Gefahr eher von Einzeltätern aus als von organisierten Gruppen. 317 islamistische Gefährder hielten sich im September vergangenen Jahres in Deutschland auf, darunter 132 ohne deutsche Staatsbürgerschaft, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der AfD-Fraktion hervorgeht. Diesen Menschen traut die Polizei schwere, politisch motivierte Gewalttaten bis hin zu Terroranschlägen zu. Unmittelbar nach dem Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel hatte es unter anderem in Berlin-Neukölln Jubelfeiern gegeben und Solidarisierungsbekundungen gegeben.

Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang pochte daher am Montag auf ein schnelles Betätigungsverbot für die Hamas und ein Verbot des Vereins Samidoun in Deutschland. „Vor dem Hintergrund der Reaktionen in Deutschland auf den Terror der Hamas in Israel müssen Polizei und Justiz noch besser in die Lage versetzt werden, Bedrohungen aus dem islamistischen Umfeld in den Griff zu bekommen“, sagte Klein den Funke-Zeitungen vom Montag.

Israel-Krieg erhöht Gefahr antisemitischer Übergriffe: Schutz jüdischer Einrichtungen verstärkt

Für jüdische Menschen hierzulande ist die Gefahr besonders hoch. „Der Schutz wurde nochmals verstärkt“, bekräftigte Bundesinnenministerin Faeser mit Blick auf befürchtete Übergriffe auf jüdische und israelische Einrichtungen. Schon in der Vergangenheit war es nach Eskalationen der Gewalt zwischen Israel und der Hamas vermehrt zu Angriffen auf jüdische Einrichtungen in Deutschland gekommen.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

2022 hatten sich die judenfeindlichen Vorfälle im Vergleich zu 2015 verdoppelt. Sieben Übergriffe auf jüdische Menschen oder Einrichtungen gibt es laut polizeilicher Kriminalstatistik täglich. „Das antisemitische Ressentiment richtet sich gegen Israel als jüdischen Staat, gegen Juden und jüdische Einrichtungen hier und hat ein massives Gewaltpotential“, so die Leiterin der Informationsdienststelle Antisemitismus Bayern, Annette Seidel-Arpacı, am vergangenen Dienstag.

Ulrich Schlie, Jahrgang 1965, ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Nordrhein-Westfälischen Akademie für Internationale Politik (englisch: Academy of International Affairs NRW, Geschäftsführende Direktorin: Dr. Mayssoun Zein Al Din), Henry-Kissinger-Professor für Sicherheits- und Strategieforschung am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Universität Bonn sowie Direktor des Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS).

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