Versteckter Rassismus?

7 Boote, die dir gleichgültiger waren, als das Titanic-U-Boot

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Rettungstrupps fanden Trümmer des Titanic-Tauchbootes. Es ist davon auszugehen, dass die Insassen tot sind. Der Fall schlägt hohe Wellen.

Nach tagelanger fieberhafter Suche geht die US-Küstenwache vom Tod der fünf Insassen des nun im Atlantik entdeckten Tauchboots aus. Die in der Nähe des „Titanic“-Wracks gefundenen Trümmerteile gehörten zur verschollenen „Titan“, teilte der Chef der US-Küstenwache im Nordosten der USA, John Mauger, am Donnerstag, 22. Juni 2023, in Boston mit. Damit gebe es keine Überlebenschance für die Vermissten mehr. Er sprach den Angehörigen sein Beileid aus.

Ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug hatte am Donnerstagmorgen den Heckkegel des Tauchboots knapp 500 Meter vom Bug der „Titanic“ entfernt auf dem Meeresboden in rund 3800 Meter Tiefe gefunden, wie die Küstenwache mitteilte. Insgesamt seien fünf große Trümmerteile entdeckt worden. Sie deuteten auf einen Kollaps der Druckkammer hin.

Diese von OceanGate Expeditions zur Verfügung gestellte undatierte Aufnahme zeigt das «Titan»-U-Boot des Unternehmens OceanGate Expeditions. Im Nordatlantik suchen Rettungskräfte fieberhaft nach einem Tauchboot, das mit fünf Insassen auf dem Weg zum berühmten Wrack der «Titanic» war.

Titan-U-Boot bekommt mehr Mitgefühl als Geflüchtete auf dem Mittelmeer

Empfinden wir mehr Mitgefühl für fünf in einem Tauchboot im Atlantik gestorbene Männer als für Hunderte im Mittelmeer ertrunkene Geflüchtete? Diesen Gedanken formulieren derzeit viele Menschen in sozialen Netzwerken zu Berichten über die „Titan“. Dass wir mehr Mitgefühl mit einem Tauchboot im Atlantik haben, als mit Hunderten im Mittelmeer ertrunkenen Geflüchtete, findet eine Psychologin durchaus nachvollziehbar.

In den sozialen Medien wimmelt es von Vergleichsbildern des Titanic-Tauchbootes mit Schlauchbooten auf dem Mittelmeer, in die sich hunderte Menschen dicht an dicht drängen, um in Europa ein besseres Leben anzufangen. Unter anderem die SPD-Politikerin Sawsan Chebli, die mit BuzzFeed News über Hass im Netz spricht, nennt es „bitter“, dass für die Rettung der Titan so viele staatliche Schiffe ausrücken, während auf dem Mittelmeer lediglich ein paar NGO-Boote zur Verfügung stehen. Und die will das Verkehrsministerium in Deutschland laut Amnesty sogar mit mehr Vorschriften weiter einschränken.

„Wenn 500 Menschen im Mittelmeer ertrinken, sind Seenotretter, die einzigen, die wirklich versuchen zu retten und dafür werden sie kriminalisiert. Wenn fünf Menschen aus Spaß in einem U-Boot zur Titanic tauchen und vermisst werden, versucht Europa alles, um sie zu retten“, schreibt der Twitter-Nutzer und Autor Jules El-Khatib.

Hier sieben Boote, deren Insassen auch in Lebensgefahr schwebten, und die weniger Aufmerksamkeit bekamen, als das verschollene Titanic-Tauchboot.

1. Dieses überfüllte Stahlboot auf dem Mittelmeer

Ein Rettungsboot des Motorsegelschiffs „Nadir“ begleitet ein überfülltes Stahlboot im Mittelmeer.

Die deutsche Hilfsorganisation Resqship hat nach eigenen Angaben 36 Bootsmigrant:innen im zentralen Mittelmeer gerettet und nach Lampedusa gebracht. Die Crew des Motorsegelschiffs „Nadir“ nahm am Montagnachmittag, 19. Juni 2023, die Menschen von einem überfüllten und instabilen Stahlboot auf und fuhr mit ihnen in den Hafen der italienischen Insel, wie die NGO am Dienstag mitteilte. Die Crew war durch einen Funkruf eines Fischers auf das Boot in Seenot aufmerksam geworden. Wegen der Wetterverhältnisse drohte es zu kentern – Wasser drang bereits ein.

2. Dieses Holzboot mit Migrant:innen aus Eritrea, Libyen und dem Sudan

Migrant:innen aus Eritrea, Libyen und dem Sudan auf dem Mittelmeer.

Migranten aus Eritrea, Libyen und dem Sudan sitzen in einem Holzboot, bevor sie von Helfer:innen der spanischen Nichtregierungsorganisation Open Arms im Mittelmeer, etwa 30 Meilen nördlich von Libyen, unterstützt werden. Das Ganze ereignete sich am 17. Juni 2023.

3. Dieses blaue Schiff mit 600 Migrant:innen

Ärzte ohne Grenzen retten über 600 Bootsmigranten im Mittelmeer.

Mit Schlauchbooten retteten Mitarbeiter:innen der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ Migrant:innen und Geflüchtete im Mittelmeer von einem Boot in Seenot. Die Crew der „Geo Barents“ (nicht im Bild) holte Ende Mai 2023 mehr als 600 Menschen in einer dreistündigen Aktion an Bord – darunter 151 Minderjährige und elf Frauen.

Mehr zum Thema: „Menschliche Pflicht“: Italien lässt 250 Geflüchtete endlich an Land

4. Dieses Stahlboot zwischen Tunesien und Lampedusa

Deutsches Motorsegelschiff rettet 41 Migranten im Mittelmeer.

Aus dem Boot rettete die deutsche Hilfsorganisation Resqship 47 Migrant:innen in Seenot. Die Crew des Motorsegelschiffs „Nadir“ nahm die Menschen Ende April 2023 von einem überfüllten Stahlboot auf, das zu kentern drohte, und brachte sie auf die italienische Insel Lampedusa, wie die Nichtregierungsorganisation mitteilte. Unter den Insassen befanden sich den Angaben zufolge 14 Frauen, darunter eine Schwangere, ein Kleinkind und mehrere Minderjährige.

5. Dieses Boot, von dem nur Treibgut übrig blieb

Tote bei Bootsunglück mit Migranten vor Süditalien.

Noch Tage nach dem Bootsunglück in Süditalien finden die Rettungsmannschaften weiterhin Leichen von Migrant:innen und Geflüchteten im Wasser und am Strand. Anfang März 2023 wurde der Körper eines Mädchens und damit das 67. Todesopfer geborgen, wie ein Kommandant der Carabinieri auf Anfrage mitteilte. Ende Februar war ein überfülltes Holzboot mit mehr als 140 Geflüchteten bei hohem Seegang im Mittelmeer gesunken. Unter den Opfern waren auch Kinder.

6. Das Boot, auf dem diese Menschen Richtung Europa aufbrachen

Sea-Watch rettet fast 100 Migranten im Mittelmeer.

Die private Hilfsorganisation Sea-Watch hat im zentralen Mittelmeer mehr als 90 Migranten aus Seenot gerettet. Die Crew der „Sea-Watch 3“ habe die Menschen im Süden der Insel Lampedusa von einem doppelstöckigen Holzboot an Bord geholt, teilte die in Berlin ansässige Organisation Ende Dezember 2022 mit. Der Kahn sei seeuntüchtig gewesen.

Von einem ähnlichen Fall berichtete auch die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Das Team der „Geo Barents“ nahm nach eigenen Angaben 100 Menschen von einem ebenfalls doppelstöckigen Holzboot auf. Es war demnach der achte Rettungseinsatz, seit das Schiff auf seiner Mission im Mittelmeer unterwegs ist.

7. Dieses Schlauchboot hier

Helfer bergen mehr als 60 Migranten im Mittelmeer.

Im Juni 2022 retteten freiwillige Helfer der deutschen Organisation Sea-Eye etwas mehr als 60 Bootsmigranten aus Seenot. Die Crew der „Sea-Eye 4“ nahm die Menschen von einem Schlauchboot an Bord, wie die Organisation auf Twitter mitteilte. Unter ihnen sei auch ein Baby. Ein medizinisches Team kümmere sich um Menschen mit Dehydrierung oder Wunden.

Die Hilfsorganisationen beklagen die geringe Hilfsbereitschaft der EU-Länder und dass sie oft warten müssen, um etwa von den italienischen Behörden einen sicheren Hafen zugewiesen zu bekommen, in dem sie die Menschen an Land bringen können.

Mehr zum Thema: EU überlegt, „wie man Leute davon abhalten kann, nach Europa zu kommen“

(Mit Material der dpa)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/OceanGate Expeditions | OceanGate Expeditions, Joan Mateu Parra/dpa

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