Nahost

Tod im Gazastreifen: Der Alptraum von Mohammedsalem

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Ein undatiertes Foto von Hind. Sie starb sechsjährig im Gazakrieg.
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Von Frankfurt aus versuchte ein Arzt, Verwandte in Gaza zu retten. Doch die Mädchen wurden im Krieg getötet.

Mohammedsalem Hamada kennt die Straße gut, auf der seine Cousine Hind und sechs weitere Familienmitglieder erschossen wurden. Die Straße führt von dem Vorort Tel al-Hawa hinein nach Gaza-Stadt. Der Arzt Hamada, 28, der seit neun Jahren in Frankfurt zuhause ist, wuchs in Gaza auf. Ein großer Teil seiner Familienangehörigen lebt dort – sofern sie noch am Leben sind. Denn Israels Krieg im Gaza-Streifen, der nach dem Terrorangriff der Hamas-Miliz vom 7. Oktober 2023 begonnen hatte, hat Tausende Menschen das Leben gekostet. Unter ihnen viele Kinder. Hind Rajab ist eines davon.

Der Tod der sechsjährigen Palästinenserin, die offenbar durch Beschuss aus einem israelischen Panzer ums Leben kam, ist zum Symbol des tragischen Sterbens im Gazastreifen geworden. Ihr Cousin Mohammedsalem Hamada wirkt erstaunlich gefasst. „Man wünscht sich, dass weniger Kinder sterben“, sagt er der Frankfurter Rundschau. „Bei Erwachsenen kann man streiten, ob der eine oder andere Zivilist ist oder nicht. Bei Kindern kann man das nicht.“ Hilfswerke gehen davon aus, dass seit dem Kriegsbeginn weit mehr als 10 000 Kinder im Gaza-Streifen getötet wurden.

Hind saß mit ihrem Onkel, ihrer Tante und vier Cousins im Auto, einem Kia-Kleinwagen, als sie getötet wurden. Sie waren unterwegs von Tel al-Hawa, wo die Familie eine Tankstelle betreibt und zuletzt übernachtet hatte, nach Gaza. Es gibt eine Aufzeichnung ihres telefonischen Hilferufs an den palästinensischen Roten Halbmond.

Von Deutschland aus hatte Mohammedsalem Hamada die Hilfsorganisation auf seine Familienangehörigen im Auto aufmerksam gemacht und den Kontakt vermittelt. Drei Stunden lang hatte eine Mitarbeiterin des Roten Halbmondes die kleine Hind am Telefon, die immer wieder verzweifelt rief: „Kommt und holt mich! Ich habe solche Angst! Bitte holt mich!“ Dann riss der Kontakt ab.

Zuvor hatte ihre 15-jährige Cousine Layan, die mit Hind und den bereits getöteten Angehörigen verletzt im Auto saß, ebenfalls mit dem Roten Halbmond telefonieren können. Am Schluss beschrieb sie, wie ein Panzer direkt neben ihrem Auto auffuhr. Eine Salve war zu hören. Dann war die Leitung tot.

All das geschah am 29. Januar. Danach herrschte zehn Tage lang Ungewissheit über das Schicksal der Mädchen, ihrer Familie und der beiden Helfer vom palästinensischen Roten Halbmond, der Partnerorganisation des Roten Kreuzes, die mit dem Krankenwagen hingefahren waren. In vielen sozialen und klassischen Medien wurde diese Suche intensiv verfolgt, im Gazastreifen selbst ebenso wie in den USA oder Großbritannien. Hinds Mutter Wissam, die Tante des Frankfurters Mohammedsalem Hamada, wurde interviewt. Ihre Hoffnung berührte Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn sie sagte: „Hind ist zu jung, sie hat ihr Leben noch nicht gelebt.“

Vor einer Woche wurden beide Autos gefunden. Sie waren von Kugeln durchlöchert und vollkommen zerstört, wie Fotos zeigen. Alle Insassen waren tot, auch die palästinensischen Helfer Youssef Zeino und Ahmed Al-Madhoon, die losgefahren waren, um Hind und eventuell andere Überlebende zu retten.

Die Direktorin der internationalen Kinderhilfswerks Unicef, Catherine Russell, sprach von einer „herzzerbrechenden Nachricht“, als Hind und die anderen Toten gefunden wurden. „Wie viele Kinder müssen noch leiden und sterben, bevor dieser Albtraum endet?“, fragte sie.

Die UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (Ocha) geht davon aus, dass mehr als 12 300 Kinder seit dem 7. Oktober im Gazastreifen getötet wurden – ein großer Anteil an den insgesamt etwa 28 600 getöteten Menschen dort. Hilfsorganisationen fordern deswegen einen sofortigen Waffenstillstand. „Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder, und Kinder sind in jedem Konflikt immer die Verletzlichsten“, kommentiert „Save the Children“.

Wie genau Hind, ihre Verwandten und die beiden Helfer ums Leben kamen, ist nicht geklärt. Das israelische Militär hat eine Untersuchung angekündigt. Dokumente wie die Telefonmitschnitte und Fotos sprechen dafür, dass das Auto der Familie und der Krankenwagen von israelischen Soldaten beschossen worden sind. Davon geht auch Hinds Familie aus. International wird Aufklärung von Israels Regierung verlangt, etwa von der ehemaligen britischen Grünen-Chefin Natalie Bennett.

Der palästinensische Rote Halbmond erinnerte an das humanitäre Völkerrecht, das den Beschuss von Ambulanzen untersagt. „Einmal mehr hat unser Logo nicht dazu gedient, unser Team zu beschützen, sondern es hat dazu geführt, dass wir unser Team beerdigen müssen“, schrieb die Organisation. Sie versicherte: „Diese Tragödie wird unsere Beschäftigten und Freiwilligen nicht davon abhalten, denen zu helfen, die leiden.“

Auch der Frankfurter Mohammedsalem Hamada muss die Tragödie bewältigen. „Mir geht es nicht so gut“, sagt der junge Mann mit ruhiger Stimme. Zumal Hind und die anderen nicht die ersten Todesopfer in seiner Familie sind in diesem Krieg.

Vor zwei Monaten, berichtet der Arzt, sei das Haus einer Tante und eines Onkels in Gaza bombardiert worden. Alle Bewohnerinnen und Bewohner seien getötet worden: Tante und Onkel, ihre fünf Söhne und drei Töchter sowie deren Kinder – zahlreiche Enkelinnen und Enkel. Es war eine große Familie – und nicht alle wohnten eigentlich in diesem Haus. Sie hatten sich aber dorthin geflüchtet, weil dieser Ort als sicherer galt als andere.

Er habe erst nach zwei Wochen von der Katastrophe erfahren, weil die Telefon- und Internetverbindungen im Gazastreifen so oft ausfielen, berichtet Hamada. „Es ist viel schlimmer, als man denkt“, sagt er noch. Denn ein solches Bombardement, das eine ganze Familie auslöscht – „das ist kein einzelner Fall. Das passiert Hunderte Male“.

Mohammedsalem Hamada arbeitet als Orthopäde in einer Wiesbadener Klinik. Der Alltag in Deutschland – er ist meilenweit entfernt von den Ereignissen im Nahen Osten, viel weiter als die 3000 Kilometer zwischen Frankfurt und Gaza. Der Assistenzarzt macht weiter, trotz der belastenden Situation. „Ich versuche, professionell zu bleiben“, sagt der 28-Jährige. Manchmal gehe das aber nicht mehr. Über eines ist er dann sehr froh: „Die Kollegen haben großes Verständnis für die Situation.“

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