„Caesar“ schwant nach Prigoschins Flugzeugabsturz Böses: Der Freiheitskämpfer erwartet Putins nächstes Todesurteil – und mahnt die Elite zur Vorsicht.
Kiew – Er habe früher mit dem Unausweichlichen gerechnet, sagt „Caesar“ der Unabhängigen Ukrainischen Nachrichtenagentur (UNIAN). Jewgeni Prigoschin sei ohnehin todgeweiht gewesen – nur die Art und Weise seines Ablebens stand noch zu Debatte. „Es war schwierig, ihm nahezukommen und eine Vergiftung oder einen klassischen Terroranschlag zu begehen“, sagt er; ein Abschuss durch Luftabwehr erscheine daher wahrscheinlich.
„Caesar“ heißt bürgerlich Maximillian Andronnikow und ist stellvertretender Kommandant der „Legion Freiheit Russlands“ in der Ukraine. Andronnikow bekämpft als Russe in der Fremde seine Heimat. Vor allem dessen politisches System. Nach dem Flugzeugabsturz von Prigoschin über Russland hat er für die Machtelite rund um Putin eine Warnung parat.
Prigoschin stirbt bei Flugzeug-Katastrophe – Bilder vom Unglücksort
Kein Zweifel: Prigoschins Hinrichtungsbefehl kam von Putin
Für ihn steht außer Frage, dass der russische Staatspräsident Wladimir Putin den Hinrichtungsbefehl ausgesprochen hat: „Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass der Befehl zur Eliminierung Prigoschins von Putin persönlich gegeben wurde, dann sollte die gesamte russische Elite vorsichtig sein“, sagte der Freiheitskämpfer dem Bericht zufolge. Denn dies bedeute, dass Putin die von ihm gegebenen Garantien, insbesondere die gegenüber Prigozhin, nicht einhalte. Und als Folge dessen rechnet „Caesar“ damit, dass aus der russischen Elite jeder zu jeder Zeit ebenfalls drankommen kann.
Angst sei jedenfalls angeraten: die gesamte Machtstruktur Putins zu verstehen, bedeute ihm zufolge, zu verinnerlichen, „dass zu jeder Zeit jeder, der minimale Illoyalität zeigt, auf Null gesetzt wird“. Der russischstämmige Freischärler kritisiert das gesamte russische Gesellschaftssystem: die mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten, die eine umfassende Mobilisierung erst möglich machten, sowie das allgemeine Menschenbild, das Gewalt und Mord als Handlungsoptionen der Politik offenbar einschließen.
Für ihn zeigen sich da Risse in der Machtstruktur, ihn befeuert die Aussicht darauf, das Putins Machtmonopol durch Prigoschins vermeintlichen Tod in den Grundfesten erschüttert ist. Andronnikow sieht in seiner Fantasie schon die 20 Türme des Kreml, die sich als Symbol verschiedener Abteilungen gegenseitig auszustechen versuchen und das Gefüge auseinanderreißen – und sieht sich als einer der Nutznießer: „Je früher sie sich schütteln und zusammenbrechen, desto weniger Blut wird vergossen, desto eher wird dieser Krieg enden und die Macht in Russland wird verändert.“
Der Absturz von Prigoschins Flugzeug führt zum Sturz Russlands
Seiner Einschätzung nach wird Putin künftig einen schärferen Fokus auf die Innenpolitik richten müssen – der Absturz von Prigoschins Maschine nimmt seiner Meinung nach den Sturz Russlands voraus. Der Oppositionelle kalkuliert mit einer baldigen Rückkehr der Wagner-Kämpfer, möglicherweise sogar in Form kleinerer, marodierender Banden oder aber auch als großer „Marsch der Gerechtigkeit 2.0“ gegen Moskau, wie er sich gegenüber der UNIAN ausdrückt.
An Warlords böte Russland neben Jewgenij Prigoschin und dem Tschetschenen Ramsan Kadyrow immerhin einige verschiedene große Kaliber. „Vielleicht wird es einige Menschen erreichen, dass Russlands Feind nicht in Kiew, nicht in Paris und nicht in Washington ist.“ In diese Hoffnung bezieht er auch russische Soldaten ein – beispielsweise die, die schon übergelaufen sind. Andrannikow sieht darin einen Stimmungswechsel auch in der Truppe. Und er lässt die Zeit für sich arbeiten.
Nach der Rache Putins rechnet die Opposition mit Zulauf
Nach dem vermutlichen Attentat auf Prigoschin wird seiner Meinung nach die Erkenntnis um sich greifen, dass jeder und jede Einzelne die Wahl habe „für oder gegen Putin zu sterben“, wie er sagt. Und deshalb rechnet er auf fest mit einem Zulauf zu seiner Freiwilligen-Brigade „Legion Freiheit Russlands“: „Ich denke, dass vernünftige Menschen, die einen Tropfen Mut, echtes Rechtsbewusstsein und Gewissen haben, sich unseren Reihen anschließen werden.“ (Karsten-D. Hinzmann)