Prigoschins Flugzeugabsturz

Todesbefehl „von Putin persönlich erteilt“: Freiheitskämpfer warnt Russlands Elite vor dem Kreml

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Klar gegen Putin: Kämpfer der Legion „Freiheit Russlands“ im Norden der Ukraine neben einem gepanzerten Kampffahrzeug (Symbolbild).
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„Caesar“ schwant nach Prigoschins Flugzeugabsturz Böses: Der Freiheitskämpfer erwartet Putins nächstes Todesurteil – und mahnt die Elite zur Vorsicht. 

Kiew – Er habe früher mit dem Unausweichlichen gerechnet, sagt „Caesar“ der Unabhängigen Ukrainischen Nachrichtenagentur (UNIAN). Jewgeni Prigoschin sei ohnehin todgeweiht gewesen – nur die Art und Weise seines Ablebens stand noch zu Debatte. „Es war schwierig, ihm nahezukommen und eine Vergiftung oder einen klassischen Terroranschlag zu begehen“, sagt er; ein Abschuss durch Luftabwehr erscheine daher wahrscheinlich.

„Caesar“ heißt bürgerlich Maximillian Andronnikow und ist stellvertretender Kommandant der „Legion Freiheit Russlands“ in der Ukraine. Andronnikow bekämpft als Russe in der Fremde seine Heimat. Vor allem dessen politisches System. Nach dem Flugzeugabsturz von Prigoschin über Russland hat er für die Machtelite rund um Putin eine Warnung parat.

Prigoschin stirbt bei Flugzeug-Katastrophe – Bilder vom Unglücksort

Söldnerführer Prigoschin offenbar bei Flugzeugabsturz getötet
Flüge unternahm Jewgeni Prigoschin mit seinem Privatjet. Jetzt ist er bei einem Absturz seiner Embraer Legacy 600 getötet worden. Der russische Präsident Wladimir Putin bestätigte dessen Tod. © picture alliance/dpa/Luba Ostrovskaya/AP
Das Bild stammt vom Telegram-Kanal Grey Zone, der Prigoschin nahe steht, und soll Prigoschins Privatjet zeigen, der vom Himmel fällt.
Am Mittwochabend (23. August) fiel die Maschine auf dem Weg von Moskau nach Sankt Petersburg vom Himmel. Das Bild stammt vom Telegram-Kanal Grey Zone, der Prigoschin nahesteht. © IMAGO/Gray_Zone
„Ostoroschno Nowosti“ veröffentlichte ein Bild aus einem Video, das die Absturzstelle in der Nähe des Dorfes Kuschenkino in der Region Twer zeigt.
„Ostoroschno Nowosti“ veröffentlichte ein Bild aus einem Video, das die Absturzstelle in der Nähe des Dorfes Kuschenkino in der Region Twer zeigt. © picture alliance/dpa/Ostorozhno Novosti/AP
Offenbar ist der Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Es wird über einen Doppelgänger spekuliert.
Noch am Abend meldete die russische Luftfahrtbehörde, dass Prigoschin im Unglücksflieger saß. Sein Tod wurde einen Tag später bestätigt.  © Lev Borodin/IMAGO
Das Wrack, in dem zehn Menschen starben, brannte völlig aus. Die Identifizierung der Leichen ist schwierig.
Das Wrack, in dem zehn Menschen starben, brannte völlig aus. © picture alliance/dpa/Investigative Committee of Russia/XinHua | Uncredited
Die Absturzstelle gut 200 Kilometer nordwestlich von Moskau gleicht einem Trümmerfeld.
Die Absturzstelle gut 200 Kilometer nordwestlich von Moskau gleicht einem Trümmerfeld. © picture alliance/dpa/AP | Uncredited
Teile liegen verstreut nahe einem Waldgebiet.
Teile liegen verstreut nahe einem Waldgebiet. © IMAGO/SNA
Ein Trümmerteil liegt auf dem Boden.
Dass es sich einmal um ein Flugzeug handelte, ist kaum zu erkennen. © IMAGO/Vitaliy Shustrov
Russische Ermittler beginnen vor Ort mit der Untersuchung des Unglücks.
Russische Ermittler beginnen vor Ort mit der Untersuchung des Unglücks.  © picture alliance/dpa/AP | Alexander Zemlianichenko
Die Toten werden zur Untersuchung in eine Halle nach Twer gebracht.
Die Toten werden abtransportiert. © picture alliance/dpa/AP | Uncredited
In dieses Gebäude der Gerichtsmedizin wurden die Körper offenbar zur Untersuchung gebracht.
In dieses Gebäude der Gerichtsmedizin der Region Twer wurden die Körper offenbar zur Untersuchung gebracht.  © IMAGO/Petrov Sergey
Ein Mann legt Blumen in Prigoschins Geburtsstadt Sankt Petersburg nieder.
Noch am Abend des Absturzes werden in einigen Städten Russlands Gedenkstätten eingerichtet. Hier legt ein Mann Blumen in Prigoschins Geburtsstadt Sankt Petersburg nieder. © IMAGO/Alexander Galperin
Prigoschin und Kreml-Chef Putin
Prigoschin galt lange als Vertrauter Putins (r.). Bevor er den Kremlchef kennenlernte, war er ein Krimineller und verbüßte eine langjährige Haftstrafe. © Alexei Druzhinin/dpa
Prigoschin und Putin
Nach seiner Entlassung eröffnete er Restaurants in Sankt Petersburg und lernte Putin kennen, der ebenfalls aus der Stadt kommt. © Alexey Druzhinin/AFP
In der Folge erhielt Prigoschins Cateringfirma „Konkord“ viele öffentliche Aufträge, was ihm letztlich zu Reichtum verhalf.
In der Folge erhielt Prigoschins Cateringfirma „Konkord“ viele öffentliche Aufträge, was ihm letztlich zu Reichtum verhalf. © IMAGO / ITAR-TASS
Die berüchtigten Wagner-Söldnertruppen haben, im Kommando von Jewgeni Prigoschin und im Namen Russlands, sich am Ukraine-Krieg beteiligt. Den sehr wahrscheinlichen Tod von Putins Wagner-Chef nehmen in der Ukraine viele Menschen mit Freude wahr.
Ab 2013 begann Prigoschin, das private Sicherheits- und Militärunternehmen Gruppe Wagner zu formen. Die Söldnertruppe war im Auftrag der Regierung weltweit tätig und setzte russische Interessen durch. © Uncredited/Prigozhin Press Service/AP/dpa/Archiv
Kämpfer der Wagner-Gruppe, die berüchtigt für ihre brutalen Methoden sind, unterstützen russische Truppen auch im Ukraine-Krieg.
Kämpfer der Wagner-Gruppe, die berüchtigt für ihre brutalen Methoden sind, unterstützten russische Truppen auch im Ukraine-Krieg. Doch spätestens am 23. Juni 2023 war das Tischtuch zwischen Putin und Prigoschin zerschnitten.  © IMAGO/RIA Novosti
Wagner-Söldner in Rostow am Don.
Nachdem er zuvor im Ukraine-Krieg die russische Militärführung bereits mehrfach scharf kritisiert hatte, befahl Prigoschin an jenem Tag einen Aufstand gegen die russische Regierung. Wagner-Söldner marschierten Richtung Moskau. © IMAGO/Vladimir Konstantinov
Kämpfer der Wagner-Gruppe verlassen Rostow am Don.
Nur einen Tag später brach Prigoschin nach Vermittlung des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko den Aufstand wenige Hundert Kilometer vor Moskau ab. © IMAGO/Sergey Pivovarov
Prigoschin
Der Wagner-Boss ging ins Exil nach Weißrussland. Jetzt starb er im Alter von 62 Jahren. Nicht wenige vermuten, dass sich Putin für Prigoschins Illoyalität rächte. © -/AP/dpa

Kein Zweifel: Prigoschins Hinrichtungsbefehl kam von Putin

Für ihn steht außer Frage, dass der russische Staatspräsident Wladimir Putin den Hinrichtungsbefehl ausgesprochen hat: „Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass der Befehl zur Eliminierung Prigoschins von Putin persönlich gegeben wurde, dann sollte die gesamte russische Elite vorsichtig sein“, sagte der Freiheitskämpfer dem Bericht zufolge. Denn dies bedeute, dass Putin die von ihm gegebenen Garantien, insbesondere die gegenüber Prigozhin, nicht einhalte. Und als Folge dessen rechnet „Caesar“ damit, dass aus der russischen Elite jeder zu jeder Zeit ebenfalls drankommen kann.

Angst sei jedenfalls angeraten: die gesamte Machtstruktur Putins zu verstehen, bedeute ihm zufolge, zu verinnerlichen, „dass zu jeder Zeit jeder, der minimale Illoyalität zeigt, auf Null gesetzt wird“. Der russischstämmige Freischärler kritisiert das gesamte russische Gesellschaftssystem: die mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten, die eine umfassende Mobilisierung erst möglich machten, sowie das allgemeine Menschenbild, das Gewalt und Mord als Handlungsoptionen der Politik offenbar einschließen.

Für ihn zeigen sich da Risse in der Machtstruktur, ihn befeuert die Aussicht darauf, das Putins Machtmonopol durch Prigoschins vermeintlichen Tod in den Grundfesten erschüttert ist. Andronnikow sieht in seiner Fantasie schon die 20 Türme des Kreml, die sich als Symbol verschiedener Abteilungen gegenseitig auszustechen versuchen und das Gefüge auseinanderreißen – und sieht sich als einer der Nutznießer: „Je früher sie sich schütteln und zusammenbrechen, desto weniger Blut wird vergossen, desto eher wird dieser Krieg enden und die Macht in Russland wird verändert.“

Der Absturz von Prigoschins Flugzeug führt zum Sturz Russlands

Seiner Einschätzung nach wird Putin künftig einen schärferen Fokus auf die Innenpolitik richten müssen – der Absturz von Prigoschins Maschine nimmt seiner Meinung nach den Sturz Russlands voraus. Der Oppositionelle kalkuliert mit einer baldigen Rückkehr der Wagner-Kämpfer, möglicherweise sogar in Form kleinerer, marodierender Banden oder aber auch als großer „Marsch der Gerechtigkeit 2.0“ gegen Moskau, wie er sich gegenüber der UNIAN ausdrückt.

An Warlords böte Russland neben Jewgenij Prigoschin und dem Tschetschenen Ramsan Kadyrow immerhin einige verschiedene große Kaliber. „Vielleicht wird es einige Menschen erreichen, dass Russlands Feind nicht in Kiew, nicht in Paris und nicht in Washington ist.“ In diese Hoffnung bezieht er auch russische Soldaten ein – beispielsweise die, die schon übergelaufen sind. Andrannikow sieht darin einen Stimmungswechsel auch in der Truppe. Und er lässt die Zeit für sich arbeiten.

Nach der Rache Putins rechnet die Opposition mit Zulauf

Nach dem vermutlichen Attentat auf Prigoschin wird seiner Meinung nach die Erkenntnis um sich greifen, dass jeder und jede Einzelne die Wahl habe „für oder gegen Putin zu sterben“, wie er sagt. Und deshalb rechnet er auf fest mit einem Zulauf zu seiner Freiwilligen-Brigade „Legion Freiheit Russlands“: „Ich denke, dass vernünftige Menschen, die einen Tropfen Mut, echtes Rechtsbewusstsein und Gewissen haben, sich unseren Reihen anschließen werden.“ (Karsten-D. Hinzmann)

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