Training in künstlicher Stadt

Experten uneins: Ist Israels Armee bereit für den Kampf gegen Hamas in Gaza?

+
Ein verletzter palästinensischer Jugendlicher verlässt ein getroffenes Haus nach einem israelischen Luftangriff am 17. Oktober 2023.
  • schließen

Israels Armee trainiert seit Jahrzehnten für einen Häuserkampf in Gaza. Doch Experten zweifeln an ihrer Vorbereitung.

Tel Aviv/Gaza-Stadt - Die künstliche Übungsstadt „Baladia City“, in der die israelische Armee laut Deutscher Welle seit Jahrzehnten für einen möglichen Häuserkampf in Gaza-Stadt trainiert, befindet sich im Militärstützpunkt nahe des Kibbuz Tse‘elim in der Negev-Wüste. Sie besteht aus weißen Gebäudeblöcken, nachgebildeten Schulen und Krankenhäusern.

Die Stadt wurde bereits 2005 auf einer Fläche von fast 20 Quadratkilometern für über 42 Millionen Euro im Nahen Osten errichtet, mit Unterstützung des US-Militärs, wie die britische Online-Zeitung The Independent berichtet. „Baladia“ ist das arabische Wort für Stadt. Auch auf Details wurde geachtet: Trainierende Soldaten hören den Ruf des Muezzins, können Wohnzimmer betreten, in denen Tageszeitungen liegen und sehen gegen Israel gerichtete Graffiti an den Wänden. Trotz dieses Trainings könnte die Vorbereitung auf einen Kampf gegen die Hamas für Israels Armee unzureichend gewesen sein.

Israel: Deutscher Sicherheitsexperte erwartet hohen Blutzoll in Gaza - trotz Training

Ein deutscher Sicherheitsexperte geht nämlich davon aus, dass das Training in „Baladia City“ für Israels Armee nicht ausreichend ist, um viele Tote zu vermeiden. Die Situation für die Menschen im Gaza-Streifen ist bereits jetzt verheerend: Bis zu eine Million Menschen könnten sich innerhalb des schmalen Landstreifens auf der Flucht befinden, am Dienstagabend sollen Hunderte Menschen bei einer Explosion nahe einem Krankenhaus ums Leben gekommen sein. Als Reaktion auf einen terroristischen Angriff Tausender Hamas-Mitglieder könnte Israel eine Bodenoffensive starten.

Trotz des Trainings könnten weiterhin hohe Verluste und viele Todesfälle auf beiden Seiten unvermeidlich sein, so der deutsche Sicherheitsexperte Christian Mölling gegenüber der Deutschen Welle. Er sagte: „Man kann das üben, ja, aber das bedeutet ja nicht, dass man damit alle Verluste auf der eigenen Seite und auf der Gegenseite ausschließen kann. Ich glaube, man lernt eher dabei, dass genau das nicht möglich ist“. In Gaza seien Hamas-Kämpfer kaum von Unbeteiligten zu unterscheiden, so der Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

Experte für Militärstrategie sieht israelische Armee als „beste der Welt für so etwas“

Frank Ledwidge, Experte für Militärstrategie an der britischen Universität Portsmouth, äußerte gegenüber der Deutschen Welle hingegen: „Das sind sehr gut vorbereitete israelische Streitkräfte, die besten der Welt für so etwas“. Er ist überzeugt, dass die israelische Armee im Kampf gegen die Hamas siegen kann. Die Hamas wird unter anderem von Deutschland, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.

„Die israelische Armee wird versuchen, so viel Infrastruktur der Hamas zu lokalisieren wie irgendwie möglich, also Stützpunkte in ihrem Tunnelsystem und auch Führungspersonal“, so die Analyse von DGAP-Forscher Mölling. Die Hamas habe in den vergangenen Jahren ihr Führungspersonal erfolgreich abgeschirmt. Die israelische Armee könne nur auf Informationen von Agenten hoffen.

Israels gefährlicher Kampf in Gaza: „Fehler lassen sich nicht vermeiden“

„Aber dann kommen wir wieder zurück zum Problem Nummer eins: Zu wissen, wo jemand ist, bedeutet noch nicht, dass man ihn oder sie dann zu fassen bekommt, wenn man sich quasi durch eine riesige Ansammlung von menschlichen Schutzschilden durcharbeiten muss und nicht einfach auf die Menschen schießen kann“, erklärte Mölling. „Soldaten müssen Entscheidungen innerhalb von Sekunden oder sogar Millisekunden treffen. Und dabei machen sie Fehler. Das lässt sich nicht vermeiden.“

US-Militärexperte John Spencer verglich in einem Spiegel-Artikel das, was auf den Gaza-Streifen zukommt, bereits mit dem Kampf um Mariupol in der Ukraine - es werde „Hunderte kleiner Schlachten“ um einzelne Häuser und Blöcke geben. UN-Generalsekretär Antonio Guterres fordert derweil erneut einen sofortigen Waffenstillstand. (kat)

Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteur Florian Naumann sorgfältig überprüft.

Kommentare