Nach Trumps ICE-Razzia bei Hyundai: Südkoreaner schildern erschreckende Einzelheiten ihrer Haft
VonMarcus Giebel
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Die ICE nimmt Hunderte südkoreanische Arbeiter fest und weist sie aus. Einige der Betroffenen berichten, was sie während der Haft erlebt haben.
Washington – Die sozialen Medien sind das wohl wichtigste Sprachrohr für Donald Trump. Eine neue auf diesem Weg verbreitete Nachricht des US-Präsidenten ist aber nicht nur als Ansage an seine Anhänger und die Weltwirtschaft zu verstehen. Sie lässt sich auch dahingehend deuten, dass die US-Einwanderungsbehörde ICE mit einer Razzia zuletzt über das Ziel hinausgeschossen ist.
Trump schrieb, ausländische Unternehmen, die in den USA „extrem komplexe Produkte, Maschinen und diverse andere ‚Dinge‘ herstellen“ würden, sollten für einige Zeit ihre eigenen Experten mit ins Land bringen, um seine Landsleute anzulernen. „Ich möchte ausländische Nationen und Unternehmen nicht davon abhalten, in Amerika zu investieren“, betonte der 79-Jährige weiter. Diese Mitarbeiter seien willkommen.
ICE-Razzia bei Hyundai-Werk: Südkoreaner sehen in Haft kaum Sonnenlicht
Mehrere hundert Südkoreaner dürften sich jedoch alles andere als willkommen gefühlt haben, als sie während des Aufbaus eines Hyundai-Werks im US-Bundesstaat Georgia festgenommen wurden. Im Zuge der bisher größten Razzia des US-Heimatschutzministeriums mussten die Arbeiter rund eine Woche in einer Hafteinrichtung verbringen, ehe sie in die Heimat zurückkehren durften.
Wie es dort zugegangen sein soll, berichtet nun die südkoreanische Zeitung The Han Kyoreh. Demnach wurden die Mindeststandards der Vereinten Nationen für die Behandlung von Häftlingen in vielerlei Hinsicht missachtet. Die sogenannten Nelson-Mandela-Regeln behandeln auf 44 Seiten unter anderem die Unterbringung, Hygiene, Kleidung, Verpflegung oder Zellendurchsuchungen.
Die 316 Südkoreaner, die am Freitag (12. September) in ihr Land zurückkehrten, hätten jedoch unter anderem erklärt, ihre Hände seien hinter dem Rücken gefesselt worden, so dass sie den Kopf senken mussten, um Wasser zu trinken. Es habe keine Trennwand zur Toilette gegeben und lediglich ein Tuch bereitgelegen, um den Unterkörper zu bedecken.
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Zudem sei lediglich durch faustgroße Löcher ein wenig Sonnenlicht in die Zellen gedrungen. Ausgang auf den Hof von der Größe eines halben Basketballfeldes sei nur für zwei Stunden am Tag gewährt worden. Sie hätten Ungerechtigkeiten erfahren, die sich ihre Landsleute gar nicht vorstellen könnten.
Südkoreaner über Haft nach ICE-Razzia: 72 Personen in einer Zelle und kaum Toiletten
Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap verweist auf einen der Männer, der anonym bleiben will und ein Protokoll der Tortur angefertigt habe. Papier und Stift habe er heimlich mitgenommen. Als ihnen die Haftbefehle überreicht worden seien, seien sie weder über ihre Rechte aufgeklärt worden, noch hätten sie die Dokumente aufgrund der einschüchternden Atmosphäre richtig prüfen können. So hätten die Arbeiter zunächst gedacht, sie müssten die Papiere nur ausfüllen und würden dann wieder freigelassen.
Stattdessen hätten sie Handys und andere Gegenstände abgeben müssen. Neun Stunden Wartezeit folgten, ehe sie mit Kabelbindern gefesselt abtransportiert worden seien. In der Haftanstalt angekommen, seien sie in fünf Zellen gesperrt worden, so dass jeweils 72 Personen zusammengepfercht waren. Es standen ihnen demnach vier Toiletten und zwei Pissoirs zur Verfügung, die Matratzen seien mit Schimmel befallen gewesen.
Es sei so kalt gewesen, dass sich einige der Inhaftierten in Handtücher hüllten, die teilweise in der Mikrowelle aufgewärmt wurden. Das zur Verfügung gestellte Wasser habe übel gerochen, erst später hätten sie Zahnpasta, Zahnbürsten, Decken und Deodorant erhalten.
ICE nimmt Hunderte Südkoreaner fest: Arbeitern drohte wohl jahrelange Haft
Im Zuge einer Befragung durch ICE-Agenten sei ihm erklärt worden, der genaue Grund für die Inhaftierung sei nicht klar, aber die Vorgesetzten würden die Visa für illegal halten. Ein anderer Häftling habe dagegen gesagt bekommen, die ICE habe einen Fehler begangen.
Am Tag darauf seien Mitarbeiter des südkoreanischen Konsulats und des Außenministeriums vorbeigekommen und hätten den Arbeitern erklärt, sie müssten die ausgehändigten Dokumente unterschreiben. Ansonsten könnten sie monate- oder jahrelang festgehalten werden.
Der heimlich Protokoll führende Arbeiter hatte dann immerhin das Glück, nach Abschluss dieser Formalitäten in ein knapp fünf Quadratmeter kleines Zweierzimmer verlegt zu werden. Viele andere Südkoreaner verbrachten dagegen die ganze Woche in den 72er-Zellen.
Nach Haft von Südkoreanern in USA: Menschenrechtler übt Kritik an Trumps Land
„Aus den bisherigen Zeugenaussagen geht hervor, dass die Behandlung der Inhaftierten in vielerlei Hinsicht nicht den internationalen Standards entspricht, beispielsweise hinsichtlich des Ablaufs der Festnahmen, der Zwangsinternierung von Dutzenden Personen in einem Raum und der schlechten Toiletten- und Verpflegungsbedingungen“, betonte Lee Sung-hoon, Vizepräsident der Koreanischen Gesellschaft für Menschenrechte, laut The Han Kyoreh: „Die USA neigen dazu, solche Aspekte nicht besonders zu beachten, aber aus unserer Sicht ist es möglich, dies als Menschenrechtsproblem anzusprechen.“
Schon in der Vergangenheit war die ICE allein wegen des Vorgehens bei Verhaftungen in Verruf geraten. Sie geriet so auch schon mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt. Doch davon ließ sich die Trump-Administration um Heimatschutzministerin Kristi Noem nicht aufhalten.
Südkoreas Präsident Lee Jae Myung hatte bereits vor einigen Tagen deutliche Worte in Richtung USA gerichtet. „Ich hoffe, dass es nie wieder zu unfairen Eingriffen in die Aktivitäten unserer Bevölkerung und unserer Unternehmen kommt, die zur gemeinsamen Entwicklung Südkoreas und der Vereinigten Staaten beitragen“, sagte er bei einer Kabinettssitzung.
USA bedauern ICE-Razzia bei Hyundai-Werk: Vize-Außenminister verspricht Visa für Südkoreaner
Für Washington soll mittlerweile Vize-Außenminister Christopher Landau sein Bedauern über die Inhaftierung der Südkoreaner geäußert haben. Der Stellvertreter von Marco Rubio besuchte Seoul, traf dabei auf Südkoreas Ersten Vize-Außenminister Park Yoon-joo und betonte zudem, der Vorfall könnte genutzt werden, um die bilateralen Beziehungen der beiden Länder zu stärken. Das berichtet Yonhap unter Berufung auf Südkoreas Außenministerium.
Jener Landau nutzte auch den eingangs erwähnten Trump-Post, um die Vorgänge schnell vergessen zu machen. Der US-Präsident habe „eine sehr wichtige Botschaft“ verkündet, twitterte er. Weiter heißt es in dem Retweet: „Solche Besucher wünschen wir uns. Sie schaffen Arbeitsplätze und Wohlstand in den USA. Südkoreanische Unternehmen stehen kurz davor, massive Investitionen in unserem Land zu tätigen. (…) Wie ich gegenüber unseren südkoreanischen Freunden bereits betont habe, werden wir im Außenministerium dafür sorgen, dass sie die notwendigen und ordnungsgemäßen Visa erhalten, um unsere Gesetze einzuhalten.“
Ob die bislang an dem gemeinsamen Projekt von Autobauer Hyundai und dem Energieunternehmen LG Energy Solution beteiligten Arbeiter nach ihrer Tortur aber wirklich nochmal in die USA reisen wollen? Sicher ist dagegen schon jetzt, dass sich der Start des Batteriewerks verzögern wird. Laut der internationalen Nachrichtenagentur Reuters sprach Hyundai von zwei bis drei Monaten. (Quellen: Reuters, Yonhap, The Han Kyoreh; mg)