US-WAHL

Trump wartet noch auf Liebesgrüße aus Moskau

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Die obere Maskenreihe passt: (von vorne) Putin, Trump, die Söldnerführer Kadyrow und Prigoschin, Stalin. Gesehen in St. Petersburg.
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In Russland herrscht mehr als nur klammheimliche Freude über Trumps Sieg. In Kiew dominieren dagegen gemischte Gefühle.

Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus war zwar schon entschieden, als auf dem Portal der russischen Massenzeitung „Moskowskij Komsomolez“ ein Interview des rechtspopulistischen Duma-Abgeordneten Anatolij Wasserman prangte: Natürlich bekomme Trump die meisten Stimmen, aber die Wahl werde massiv gefälscht und Harris zur Siegerin erklärt.

Auch der Kreml tat sich scheinbar schwer mit Trumps klarem Erfolg. Laut Putin-Sprecher Dmitrij Peskow plant sein Chef bis auf weiteres nicht, Trump zu gratulieren, schließlich handele es sich bei den USA um ein „feindseliges Land“. Dagegen hatte Putins ukrainischer Widersacher Wolodymyr Selenskyj Trump schon am Mittwochvormittag Glückwünsche getwittert und ihn an ihr „großartiges“ Treffen im September erinnert, wo man gemeinsam Wege zur Beendigung des Krieges diskutiert habe. Aber ganz offensichtlich hat Putin wesentlich mehr Grund zur Freude als Selenskyj. Russlands Staatsmedien, die in der Wahlnacht prognostiziert hatten, in Amerika würden einer getürkten Auszählung blutige Unruhen folgen, schalteten auf Genugtuung um. „In den USA hat die Realität gesiegt“, titelte die Agentur RIA Nowosti gestern.

Putins politisches Gefolge freute sich im Chor. Das ultranationale Portal tsargrad.tv erinnert daran, dass Trump Russlands Werte näher seien als seinem Vorgänger Joe Biden. Und Expräsident Dmitrij Medwedew lobte Trump ebenso als „Businessman“ wie Leonid Sluzkij, Duma-Fraktionschef der populistischen Liberaldemokraten: Trump habe keine Lust, weiter das Geld seiner Steuerzahler:innen gegen Russland zu stecken. Kiew könnte deshalb über kurz oder lang der finanzielle und dann auch der militärische Bankrott drohen.

Gemäßigte Fachleute wie der Moskauer Politologe Boris Meschujew erwarten, Trump werde versuchen, seine Wahlkampfversprechen umzusetzen. „Trump könnte dabei einem Friedenskonzept folgen, das noch Bidens Administration vorbereitet hat“, so Meschujew.

„Natürlich wird man ihm vorwerfen, er mache wie einst Chamberlain Hitler jetzt Putin Zugeständnisse.“ Es sei aber anzunehmen, dass weder Russland noch die Ukraine heftigen Widerstand gegen Trumps Vermittlungsversuch leisten werden, ein Endloskonflikt sei für keinen eine angenehme Perspektive. Hauptstreitpunkt werde wohl die von Moskau angestrebte Neutralisierung der Ukraine sein. Trump habe keine Probleme, Russland die Nichtaufnahme der Ukraine in die Nato zuzusichern. Aber da müsse die Nato auch zustimmen.

In Kiew herrscht auf keinen Fall Begeisterung. Im Wahlkampf hatte der Republikaner immer wieder die kostspielige Militärhilfe für die Ukraine und deren Widerstandsfähigkeit infrage gestellt. Und in der ukrainischen Öffentlichkeit gilt es längst als offenes Geheimnis, dass auch Joe Biden und die Demokraten ihren Abwehrkampf mit immer weniger Enthusiasmus verfolgen.

In Kiews sozialen Netzen wird jetzt über neue hastige Offensiven der Russen diskutiert, die versuchen könnten, die unklare Lage bis zu Trumps ersten eindeutigen Amtshandlungen auszunutzen. Danach aber wappnet man sich für alles Mögliche: vom kompletten Stopp der US-Hilfe durch den mutmaßlichen Moskau-Fan bis zu einem Streit des impulsiven Amerikaners mit Putin über die Friedensbedingungen, der im Gegenteil eine massive Erhöhung der US-Waffenhilfe zur Folge haben könnte.

„Wir bleiben standhaft“, sagt Sergij, ein Kiewer Arzt, der in den nächsten Tagen einberufen werden könnte. Nach einer Oktober-Umfrage des Kiewer Meinungsforschungsinstituts KIIS sind noch immer 63 Prozent der Ukrainer:innen bereit, den Konflikt bis zum siegreichen Ende auszuhalten, weitere 21 Prozent mehrere Monate bis ein Jahr. Daran dürfte auch Trumps Wahlsieg nichts geändert haben.

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