Tsai Ing-wen ist als Präsidentin der Republik China (auch als Taiwan bekannt) zugleich Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaberin der Streitkräfte. Ihr Land wird von Peking als abtrünnige Provinz beansprucht.
Taipeh/München – Am 11. Januar 2020 wurde Tsai Ing-wen als Präsidentin der Republik China (Taiwan) souverän in ihrem Amt bestätigt. Mit 57,13 Prozent der abgegebenen Stimmen trat sie damit die zweite Amtszeit nach der ersten Wahl im Jahr 2016 an. In ihrer zweiten Amtszeit liegt das Augenmerk weiterhin auf dem Erstarken gegenüber der Volksrepublik China. Infos zu der bisher einzigen Frau in diesem hohen Amt der demokratisch regierten Insel. Zu ihrem Schwerpunkten in der zweiten Amtszeit Tsais gehören Forschung, Grüne Energie und eine möglichst große wirtschaftliche Unabhängigkeit von Festland-China.
Die Juristin und ehemalige Vorsitzende der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) wurde 2016 erstmal in das Präsidentenamt gewählt. Die DPP stammt aus der Unabhängigkeitsbewegung der Insel, zeigt sich allerdings mit wachsendem politischen Erfolg zunehmend pragmatisch. So akzeptiert die DPP den Status Quo, nachdem Taiwan zwar seinen eigenen Weg geht, aber diplomatisch nur von sehr wenigen Staaten anerkannt wird. Forderungen aus dem eigenen Lager nach einer Unabhängigkeitserklärung lehnte Tsai stets ab.
Entgegen dem traditionellen Bild der Frau ist Tsai Ing-wen ledig und hat keine Kinder. Dafür hat sie in ihrer Karriere immer wieder unsachliche Kritik erfahren.
Tsai Ing-wen: Taiwans außergewöhnliche Präsidentin
Die heute 64 Jahre alte Präsidentin kann eine erstaunliche berufliche Laufbahn und internationale Berufserfahrung vorweisen. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Jurastudiums an der Nationaluniversität Taiwan 1978 folgte 1980 der Master-Abschluss an der Cornell University in den USA. Sie promovierte 1984 an der London School of Economies and Political Science.
Schließlich kehrte sie nach Taiwan zurück, um dort an der Soochow-Universität und der Chengchi-Nationaluniversität Rechtswissenschaften zu unterrichten. Bereits im Jahr 1993 bekleidete sie erste wichtige Posten in der Politik, als Beraterin des damaligen Präsidenten.
2019 leitete die Präsidentin rechtliche Schritte gegen zwei Wissenschaftler ein, die ihre Legitimation ihrer Doktorarbeit öffentlich in Zweifel zogen. Die University of London lehnte den Einspruch gegen die Echtheit des Doktortitels jedoch ab.
Präsidentin Tsai Ing-wen: Lebenslauf, Werdegang, Alter, Herkunft
Tsai Ing-wen wurde am 15. August 1956 in der Inselhauptstadt Taipeh geboren, und wuchs mit acht Geschwistern in einer wohlhabenden Geschäftsfamilie auf. Diese gehört zur ethnischen Minderheit Hakka, die traditionell auf beiden Seiten der Taiwanstraße angesiedelt waren und eine eigene Kultur und Sprache aufweisen. Ihre Kindheit verbrachte die Jura-Professorin an der Küste Süd-Taiwans.
Tsai Ing-wens Ausbildungs- und Berufsweg:
- 1962 – 1965 Taipei Municipal Changan Elementary School
- 1968 – 1971 Bei‘an Junior High School
- 1971 – 1974 Taipei Municipal Zhongshan Girls High School
- 1978 Jurastudium Nationaluniversität Taiwan
- 1980 Masterabschluss Rechtswissenschaften Cornell University (USA)
- Lehrstuhl an der Soochow-Universität und an der Chengchi-Nationaluniversität
- 1993 Beraterin des damaligen Präsidenten
- 2000 parteilose Ministerin für Festland-Angelegenheiten
- 2004 Abgeordnete im Legislativ-Yuan (Legislative/Parlament)
- Vizepremierministerin
- 2008 Vorsitzende der DPP
- 2016 im zweiten Anlauf erste weibliche Präsidentin
- 2020 Wiederwahl der 64-Jährigen mit rund 20 % Vorsprung
Tsai Ing-wen: Die Präsidentin, ihre angezweifelte Thesis und der Hilferuf über CNN
Aufgrund der schwierigen geopolitischen Lage sind Taiwans Präsidenten stets darauf bedacht, keine unnötigen Konflikte mit Peking heraufzubeschwören. Zugleich hält Taipeh stets Kontakt zum Westen, insbesondere den USA, die Taiwan seit vielen Jahren mit Waffen beliefern, damit sich die Insel bei einem Angriff verteidigen kann.
Unter Tsai verstärkte Taiwan den Kontakt zum Westen. So telefonierte sie 2016 mit dem damaligen amtierenden US-Präsidenten Donald Trump – der erste offizielle Kontakt zwischen Taipeh und Washington seit 1976, der zu wütenden Reaktionen Pekings führte. Doch Tsai gelang es, Trump zu einer deutlichen Steigerung der Waffenverkäufe nach Taiwan zu überreden. Auf Basis des „Ein-China-Prinzips“ setzt Peking aber nach wie vor durch, dass kaum ein Staat der Welt Taiwan als unabhängig anerkennt.