Medienkolumne Polopolis

Die „Enshittification“ von Twitter

  • schließen

Elon Musk und seine desaströse Besitzerschaft von Twitter zeigen, wie Plattformen sehenden Auges gegen die Wand fahren und zu feindlichen Orten für Nutzende werden können.

Ist diese Plattform noch zu retten, und wenn nicht, welche Konsequenz sollte man daraus ziehen? Diese Frage stellt sich Nutzenden des Netzwerks Twitter mindestens seit Oktober vergangenen Jahres, als der Milliardär Elon Musk das Unternehmen gekauft hat.

Denn danach demonstrierte Twitter einerseits, wie schnell und umfassend eine Website wie diese technisch kaputtgehen kann, wenn ein Großteil der Menschen, die daran arbeiten, entweder entlassen werden oder mit einer komplett dysfunktionalen Unternehmenskultur konfrontiert sind: Von viel mehr Spam über eine langsamer und schlechter funktionierende Website bis zum relativ grundlegenden Fehler, dass Twitter immer unzuverlässiger wurde, vorhandene Inhalte anzuzeigen.

Musks Übernahme von Twitter verstärkte die problematischen sozialen und politischen Tendenzen der Plattform, meint unser Autor Daniel Roßbach.

Mit Elon Musks Diktum von der „radikalen Redefreiheit“ begann Twitters Niedergang

Vor allem verstärkte Musks Übernahme von Twitter die problematischen sozialen und politischen Tendenzen der Plattform. Seine selbst propagierte „radikale Redefreiheit“ zeigte sich wenig überraschend als Methode, Hass und Lügen mehr Raum zu geben und damit vernünftige Stimmen zu verdrängen.

Twitter hat in den vergangenen Monaten einen Prozess erlebt, den der Internet- und Technologie-Theoretiker Cory Doctorow „Enshittification“ nennt. Doctorow zufolge wenden sich Plattformen, die einst gut für ihr Publikum waren, zuerst gegen die Menschen, die sie benutzen, um über Geschäftskunden mehr Geld zu generieren, bis sie auch für Unternehmen zu einem feindlichen Ort werden – „und dann sterben“.

Doctorow schreibt: „Internet-Plattformen haben das Endstadium der Enshittification erreicht, in dem sie die Happen, mit denen sie Nutzende einst angelockt haben, zurückhalten und den Drahtseilakt vollführen, gerade so viel Wert zu bieten, um ihr Publikum gefangenzuhalten, aber nicht mehr. Es ist eine hässliche Welt.“

Elon Musk: Unternehmer und Milliardär

Cybertruck soll Mitte 2023 laut Elon Musk in Produktion gehen
Eines der kostspieligen Erfindungen von Musk: Der Cybertruck. Vor kurzem betonte er noch, dass der Elektro-Pickup Mitte 2023 in Produktion gehen soll. © Cover images/imago
Elon und Maye Musk auf der The Met Gala 2022 in New York
Elon Musk (r.) zusammen mit seiner Mutter Maye Musk (l.) auf dem roten Teppich der „The Met Gala“ in New York City 2022. Die Mutter des Tesla-Chefs arbeitet als Model für die amerikanische Kosmetikmarke „CoverGirl“. © Doug Peters/imago
SpaceX-Gründer Elon Musk präsentiert die Dragon V2
Hier präsentiert Musk im Jahr 2014 stolz die SpaceX Rakete „Dragon V2“ in Los Angeles. Es ist ein wiederverwendbares Raumschiff des US-Raumfahrtunternehmens. © Paul Buck/dpa
Elon Musk bei einer Pressekonferenz nach dem Start der Heavy Falcon im Jahr 2018
SpaceX-Chef und Gründer Elon Musk spricht nach dem erfolgreichen Start der Großrakete „Falcon Heavy“ des privaten US-Raumfahrtunternehmens SpaceX am 06. Februar 2018 während einer Pressekonferenz. Nicht nur die Rakete wurde ins All geschickt. Dabei war auch ein Tesla, welcher mit hochgeschossen wurde. Eine PR-Idee, wie sie nur von Musk stammen konnte.  © John Raoux/dpa
Tesla-Chef Elon Musk spricht im Hauptquartier des Elektroautoherstellers
Tesla-Chef Elon Musk spricht im Hauptquartier des Elektroautoherstellers. Seit 2003 ist Musk Mitgründer und CEO von Tesla. Ziel dieses Konzerns ist es, Elektroautos für ein breites Publikum zu bauen.  © Marcio Jose Sanchez/dpa
SpaceX Gründer und CEO Elon Musk
Nicht nur in Elektroautos investiert Elon Musk sein Geld. 2002 gründete er das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX. Kolonisierung des Planeten Mars, humanes ökologisches Wachstum auf anderen Planeten und allgemein Menschen ins Weltall bringen sind Themen, die Musk mit seinem Unternehmen erreichen will. Dafür will er die notwendigen Technologien entwickeln. © Hannibal Hanschke/dpa
Elon Musk enthüllt im Jahr 2019 das neue Tesla Modell Y
Milliardär, Unternehmer und Visionär. Begriffe, die Elon Musk sehr gut beschreiben. Hier enthüllt er im Jahr 2019 das Tesla Modell Y im Tesla Designstudio in Howthorne, Kalifornien. © Jae C. Hong/dpa
Eröffnung Tesla-Fabrik Berlin Brandenburg
Bundeskanzler Olaf Scholz (l.), Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Dietmar Woidke (m.), und Elon Musk (r.), Tesla-Chef, nehmen an der Eröffnung der Tesla-Fabrik Berlin-Brandenburg teil. Die erste europäische Fabrik in Grünheide, die auf 500 000 Fahrzeuge jährlich ausgelegt ist, ist eine wichtige Säule der Zukunftsstrategie von Tesla. Auch in Deutschland hinterlässt Musk Spuren. © Patrick Pleul/dpa
Elon Musk mit seiner damaligen Frau Talulah
Musk (r.) mit seiner damaligen Frau Talulah (l.). Der Tesla-Chef heiratete die britische Schauspielerin das erste Mal im Jahr 2010. Zwei Jahre später ließen sich die beiden scheiden. Nach der erneuten Heirat 2013 folgte ein Jahr später wieder die Scheidung. Seit 2016 sind die beiden nun endgültig geschieden. © UPI Photo/imago
Elon Musk kauft Twitter im Oktober 2022
Auch der Blogging-Dienst Twitter gehört seit dem Oktober 2022 zu dem Musk-Imperium. Knappe 44 Milliarden Dollar legte der Unternehmer dafür auf den Tisch. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Elon Musk beim „Time Person of the Year“-Event
Im Jahr 2021 wurde Elon Musk vom Time Magazine zur „Person of the Year“ gekürt. © Theo Wargo/afp
Elon Musk mit seinem Sohn X Æ A-12 2021 bei der New York Times.
Bei der Verleihung der Times zur „Person of the Year 2021“ war auch Musk sein Sohn, X Æ A-12, mit dabei. Der in Südafrika geborene Geschäftsmann, der zudem auch die kanadische Staatsbürgerschaft besitzt, ist laut Medienberichten Vater von insgesamt zehn Kindern. © Theo Wargo/afp

Twitter hat das Endstadium der „Enshittification“ erreicht

Genau an diesem Punkt befindet sich Twitter – nicht zuletzt für Medienschaffende, die immer schon diejenigen waren, für die Twitter die größte Rolle gespielt hat. Das lag an den Aufmerksamkeitsmechanismen der Plattform, aber auch daran, dass dort tatsächlich viele wichtige, witzige oder wertvolle Einsichten oder Ansichten veröffentlicht wurden.

Demokratien brauchen Diskursräume. (...) Vielleicht hätte Twitter das sein können, wäre es nicht Twitter gewesen.

Daniel Roßbach

Dazu gibt es bisher auf den Alternativen zu Twitter, etwa dem Mastodon-Netzwerk, keine Entsprechung. Dort fehlen nicht nur eine große Masse an Nutzenden und eine fast vollständige Sammlung prominenter Personen oder Institutionen, wie es sie auf Twitter gab. Sondern auch eine diverse Repräsentation der Gesellschaft. Und das ist ein Problem, denn – bei aller Frustration, die das mit sich bringt – Demokratien brauchen Diskursräume. Vielleicht gibt es dafür auch dezentrale Lösungen, aber ein zentrales geteiltes Forum mit dieser Funktion hat einen Wert. Vielleicht hätte Twitter das sein können, wäre es nicht Twitter gewesen.

Alle Kolumnen im Netz auf www.fr.de/polopolis

Rubriklistenbild: © AFP

Kommentare