Elon Musk und seine desaströse Besitzerschaft von Twitter zeigen, wie Plattformen sehenden Auges gegen die Wand fahren und zu feindlichen Orten für Nutzende werden können.
Ist diese Plattform noch zu retten, und wenn nicht, welche Konsequenz sollte man daraus ziehen? Diese Frage stellt sich Nutzenden des Netzwerks Twitter mindestens seit Oktober vergangenen Jahres, als der Milliardär Elon Musk das Unternehmen gekauft hat.
Denn danach demonstrierte Twitter einerseits, wie schnell und umfassend eine Website wie diese technisch kaputtgehen kann, wenn ein Großteil der Menschen, die daran arbeiten, entweder entlassen werden oder mit einer komplett dysfunktionalen Unternehmenskultur konfrontiert sind: Von viel mehr Spam über eine langsamer und schlechter funktionierende Website bis zum relativ grundlegenden Fehler, dass Twitter immer unzuverlässiger wurde, vorhandene Inhalte anzuzeigen.
Mit Elon Musks Diktum von der „radikalen Redefreiheit“ begann Twitters Niedergang
Vor allem verstärkte Musks Übernahme von Twitter die problematischen sozialen und politischen Tendenzen der Plattform. Seine selbst propagierte „radikale Redefreiheit“ zeigte sich wenig überraschend als Methode, Hass und Lügen mehr Raum zu geben und damit vernünftige Stimmen zu verdrängen.
Twitter hat in den vergangenen Monaten einen Prozess erlebt, den der Internet- und Technologie-Theoretiker Cory Doctorow „Enshittification“ nennt. Doctorow zufolge wenden sich Plattformen, die einst gut für ihr Publikum waren, zuerst gegen die Menschen, die sie benutzen, um über Geschäftskunden mehr Geld zu generieren, bis sie auch für Unternehmen zu einem feindlichen Ort werden – „und dann sterben“.
Doctorow schreibt: „Internet-Plattformen haben das Endstadium der Enshittification erreicht, in dem sie die Happen, mit denen sie Nutzende einst angelockt haben, zurückhalten und den Drahtseilakt vollführen, gerade so viel Wert zu bieten, um ihr Publikum gefangenzuhalten, aber nicht mehr. Es ist eine hässliche Welt.“
Twitter hat das Endstadium der „Enshittification“ erreicht
Genau an diesem Punkt befindet sich Twitter – nicht zuletzt für Medienschaffende, die immer schon diejenigen waren, für die Twitter die größte Rolle gespielt hat. Das lag an den Aufmerksamkeitsmechanismen der Plattform, aber auch daran, dass dort tatsächlich viele wichtige, witzige oder wertvolle Einsichten oder Ansichten veröffentlicht wurden.
Demokratien brauchen Diskursräume. (...) Vielleicht hätte Twitter das sein können, wäre es nicht Twitter gewesen.
Dazu gibt es bisher auf den Alternativen zu Twitter, etwa dem Mastodon-Netzwerk, keine Entsprechung. Dort fehlen nicht nur eine große Masse an Nutzenden und eine fast vollständige Sammlung prominenter Personen oder Institutionen, wie es sie auf Twitter gab. Sondern auch eine diverse Repräsentation der Gesellschaft. Und das ist ein Problem, denn – bei aller Frustration, die das mit sich bringt – Demokratien brauchen Diskursräume. Vielleicht gibt es dafür auch dezentrale Lösungen, aber ein zentrales geteiltes Forum mit dieser Funktion hat einen Wert. Vielleicht hätte Twitter das sein können, wäre es nicht Twitter gewesen.