Fertig für das KI-Implantat: Mit einem externen Modul kann auch die kleinste Drohne auf dem Schlachtfeld autonom operieren. Die Technik steckt noch in den Kinderschuhen, aber ein ukrainischer Drohnenhersteller meldet jetzt einen Durchbruch, der auch Nato-Standards entsprechen soll. Die Zeit drängt (Symbolfoto)
Die Ukraine sucht verzweifelt nach effektiveren Drohnen. Mit Künstlicher Intelligenz scheint nun die „letzte Meile“ bis zum Ziel automatisch ansteuerbar.
Kiew – „Die Notwendigkeit, Menschen aus dem direkten Kampfeinsatz zu entfernen, bleibt eine treibende Vision“, schreibt Kateryna Bondar, schränkt aber gleichzeitig ein: „Der begrenzte Grad echter Autonomie offenbart das Ausmaß der derzeitigen technologischen Grenzen“, so die Analystin des US-Thinktanks Center for Strategic and International Studies (CSIS). Jetzt schickt sich ein Unternehmen in der Ukraine an, diese Grenzen gegen Wladimir Putins Invasionstruppen zu verschieben.
„Die automatische Zielsuche übernimmt bei Kommunikationsverlust die Kontrolle und leitet die Drohne zum Angriff. Allein. Ohne dich. Keine Fluchtmöglichkeiten für den Feind“, publiziert TAF Drones auf Facebook, wie die Kyiv Post schreibt. Demnach verspricht der ukrainische Drohnenhersteller, dass sein „Last-Mile“-Modul dank Künstlicher Intelligenz den Nato-Standards für den militärischen Einsatz entspräche und bald zur Massenproduktion bereit sei, so dass Blatt.
„Last Mile“-Modul im Ukraine-Krieg: Drohnen über die letzten 500 Meter bis zum Ziel hinweghelfen
Das Modul für die letzte Meile soll Drohnen ermöglichen, mithilfe der integrierten Bilderkennung automatisch auf Kurs zu bleiben, wenn die Kommunikation aufgrund von Störungen durch elektronische Kriegsführung (EW) verlorengeht. Damit hätte die Ukraine die russische Übermacht in der elektronischen Kriegsführung durchbrochen und würde auf dem Schlachtfeld wieder Handlungsfreiheit erhalten. Wie die Kiyv Post schreibt, diene das „Last Mile“-Modul dazu, Drohnen über die letzten 500 Meter bis zum Ziel hinwegzuhelfen und soll eine Zielgenauigkeit von bis zu einem Meter ermöglichen.
„Autonome Navigation erhöht die Erfolgschancen von Drohnenangriffen drei- bis vier Mal.“
„Das System kann Ziele fixieren, während die Drohne mit einer Geschwindigkeit von bis zu 120 Kilometern pro Stunde fliegt, und verfügt über eine intelligente Flugbahnkorrektur sowie die Möglichkeit, Missionen während des Flugs abzubrechen“, schreibt Kyiv Post-Autor Leo Chiu. Wie die Nachrichtenagentur Reuters ausführt, bedeute die Entwicklung von KI-Drohnen in der Ukraine im Wesentlichen die Optimierung visueller Systeme, die bei der Identifizierung von Zielen und im Anfliegen dieser Ziele mit Drohnen helfen; daneben die Optimierung von Geländekartierungen für die Navigation sowie darüber hinaus die Realisierung komplexerer Programme, die den Unmanned Aerial Vehicle (UAV) ermöglichen, in miteinander verbundenen „Schwärmen“ zu operieren.
Das allerdings ist die Technik von morgen, wenn nicht gar von übermorgen. Was den Drohnen noch fehlt ist die Autonomie, die TAF Drones jetzt erreicht haben will – zumindest in Ansätzen.
Nächster Schritt: selbst entscheidende Drohnen
Autonomie – „vom US-Militär definiert als die Fähigkeit eines Systems, Ziele selbstständig oder mit minimaler Überwachung in komplexen und unvorhersehbaren Umgebungen zu erreichen“ – ist das, woran beide Kriegsparteien mit Hochdruck arbeiten. Die Künstliche Intelligenz hat schlicht noch keinen dazu erforderlichen Entwicklungsstand erreicht. Zudem operiert die Ukraine ohne formelle gesetzliche oder politische Definition von „Autonomie“ oder „autonomen Waffensystemen“. „Daher verwendet das ukrainische Militär den Begriff ,autonome Systeme‘ synonym mit ,unbemannten Systemen‘ oder Plattformen, die mit grundlegenden autonomen Funktionen wie Navigation oder Zielerfassung ausgestattet sind.“
Quelle: Kateryna Bondar, „Zukunftsvision der Ukraine und aktuelle Fähigkeiten zur Führung einer KI-gestützten autonomen Kriegsführung“, CSIS
Laut Kateryna Bondar wird die Künstliche Intelligenz einer Drohne tatsächlich lediglich mittels eines Moduls implantiert. Somit kann prinzipiell jede handelsübliche Drohne mittels KI modernisiert werden, wie sie Mitte Mai auf einer öffentlichen Veranstaltung des CSIS-Thinktanks erläutert hat. Autonome Navigation inklusive der Last-Mile-Lösung sowie die automatische Zielerkennung seien zwei Funktionen, die der Drohne beigebracht werden könnten.
Der Kern dieser Künstlichen Intelligenz besteht in „Computer-Vision-Systemen“ – Computern wird beigebracht, Bilder und Videos erst zu „sehen“, dann zu verstehen und letztendlich voneinander zu unterscheiden – ähnlich wie Menschen. Computer lernen also Hindernisse für ihre Flüge zu erkennen, Panzer als Ziel zu identifizieren und im Idealfall befreundete von feindlichen Panzern zu trennen, bevor sie die Bombenlast abwerfen. In einem Zwischenschritt helfen sie ihren Bedienern, Objekte zu erkennen und das Ziel anzuvisieren, sodass die Drohne das Ziel effizienter erreichen und treffen kann. Am Schluss der Entwicklung würde der Bediener überflüssig werden.
Nato ist alarmiert: „Russland verfügt über rund fünf Millionen Drohnen“
Eine Schlüsselrolle der KI im Dienst der Ukraine sei „die Integration der Ziel- und Objekterkennung mit Satellitenbildern“ – KI werde angewandt, um Open-Source-Daten wie Social-Media-Inhalte zu geolokalisieren und zu analysieren; um russische Soldaten, Waffen, Systeme, Einheiten oder ihre Bewegungen zu identifizieren, sagt Samuel Bendett vom Belfer Center for Science and International Affairs – zum Teil hatten die Ukrainer eingangs des Krieges die Handy-Daten russischer Geschütz-Mannschaften ausgelesen und deren Artillerie anschließend neutralisiert.
Allerdings sind diese Erfolge auch schon wieder Geschichte – Erfolge aus – aus ukrainischer Sicht – „besseren“ Tagen des Ukraine-Krieges, als Russland noch überrascht war von den ukrainischen Drohnen-Innovationen. Bis sie herausbekommen hatten, wie sie die Kommunikation zwischen Pilot und Waffe unterbrechen konnten. Mittlerweile ist die Ukraine technisch überrundet worden; eine Tatsache, die auch die Nato alarmiert, wie Andrius Kubilius jetzt gegenüber dem Sender Sky News geäußert hat:
„Russland verfügt über rund fünf Millionen Drohnen. Um uns durchzusetzen, müssen wir also über größere Kapazitäten verfügen“, sagte der Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt der Europäischen Union. Sollte Wladimir Putin einen Angriff auf die Nato befehlen, stünde ihm eine „kampferprobte“ russische Armee gegenüber, die über die Fähigkeit verfüge, „Millionen von Drohnen“ einzusetzen, warnt er. Damit nicht genug.
Wie Kateryna Bondar in ihrer jüngsten Analyse für das Center for Strategic and International Studies unmissverständlich darlegt, waren die „beeindruckende Aufnahmen von Drohnenangriffen auf fliehende russische Soldaten“ sowie die stolz vermeldeten Zahlen zerstörten russischen Rüstungsguts durch Drohnenangriffe vor allen Dingen eines: propagandistisch ausgeschlachtete Täuschung der wahren Verhältnisse. Laut Bondar spiegeln die Bilder nur einen Bruchteil der Komplexität des Geschehens wider: „Ukrainische Einsatzkräfte an der Front berichteten in Interviews mit dem CSIS, dass die meisten kleinen, kostengünstigen FPV-Drohneneinsätze (First Person View) nur in etwa zehn bis 15 Prozent der Fälle erfolgreich sind und selbst hochqualifizierte Einsatzkräfte typischerweise nur eine Erfolgsquote von 30 bis 50 Prozent erreichen“, schreibt sie.
Putins Albtraum: „Autonome Navigation erhöht die Erfolgschancen von Drohnenangriffen drei- bis vier Mal“
Allerdings räumt sie ein: Ein Last-Mile-Navigationssystem könne diese Zahlen deutlich verbessern. Die Ukraine könnte Russland möglicherweise den entscheidenden Schlag versetzen. Oder eben umkehrt. Wie die Analystin in ihrer jüngsten Studie resümiert, ist der menschliche Faktor eine der entscheidenden Bremsen des Erfolges. Trotz der inzwischen stark optimierten Ausbildung von Drohnenpiloten verzeiht ein Angriff keine Schwächen, wie sie schreibt. „FPV-Drohnen erfordern eine präzise manuelle Steuerung von Nick-, Roll-, Gier- und Schubbewegungen, was kaum Spielraum für Fehler lässt.“
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Perfektion wird also verlangt unter erschwerten Bedingungen, wie sie anführt: Darunter vor allem die elektronische Kriegsführung. Dazu gesellen sich weitere externe Faktoren wie Funkwellenphysik oder die Dynamik des Angriffsziels. Selbst Hindernisse wie Geländeerhebungen oder Gebäude können Funkwellen unterbrechen und Drohnenanflüge stören; die Art und Weise, wie sich das Ziel bewegt, entscheidet ebenfalls über Sieg oder Niederlage der Mission.
Kateryna Bondar kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Je stärker manuelle Steuerung und Mensch-Maschine-Kommunikation aus dem Angriffsprozess eliminiert würden, desto höher die Ausbeute aus Drohnenangriffen – unabhängig von Beschaffenheit oder Dynamik des Zieles: „Autonome Navigation erhöht die Erfolgschancen von Drohnenangriffen drei- bis vier Mal.“