VonPatrick Mayerschließen
Ukrainische Streitkräfte und die Armee Wladimir Putins liefern sich besonders an einem Frontabschnitt erbitterte Kämpfe. Brechen die russischen Linien hier ein, kann Kiew nach mehreren Zielen greifen.
München/Tokmak/Pjatychatky - Mariupol. Sjewjerodonezk. Wuhledar. Soledar. Bachmut. Es sind Namen ukrainischer Städte, die im Ukraine-Krieg wegen der besonderen Härte der Kämpfe und tragischer Verluste auf beiden Seiten europaweit in aller Munde waren.
Vieles deutet nun im Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine darauf hin, dass sich der Name der Siedlung Pjatychatky als nächster einreiht. Erst kürzlich hatten die ukrainischen Streitkräfte das Dorf südlich von Saporischschja eingenommen, wohl auch unter dem Einsatz uralter amerikanischer M113-Panzer.
Ukraine-Gegenoffensive im Süden: Front zwischen Pjatychatky und Orichiw schwer umkämpft
Videos bei Telegram und Twitter zufolge versuchen russische Truppen vehement, die Siedlung zurückzuerobern. Für Wladimir Putin geht es genau an diesem extrem befestigten Frontabschnitt zwischen Kachowkaer Stausee und Orichiw um sehr, sehr viel. Und für Kiew um gleich mehrere Ziele.
Wie das Portal ukrinform.net am Mittwoch (21. Juni) unter Berufung auf das ukrainische Verteidigungsministerium berichtete, haben ukrainische Truppen im Laufe des Dienstag sieben Siedlungen in der Oblast Saporischschja zurückerobert. Der Vorstoß der ukrainischen Einheiten reicht demnach an manchen Abschnitten bis zu 6,5 Kilometer weit. Die russischen Angaben sind in dieser Frage stark widersprüchlich.
Ukraine-Gegenoffensive im Süden: Pjatychatky bei Saporischschja hat Schlüsselrolle
So behaupteten russische Militärblogger laut der US-amerikanischen Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW), dass russische Streitkräfte am 19. Juni zuvor verlorene Stellungen in der Nähe von Pjatychatky 24 Kilometer südwestlich von Orichiw zurückerobert hätten - nachdem die 19. motorisierte Schützendivision und die 58. kombinierte Waffenarmee die Siedlung teilweise umzingelt hätten.
Andere russische Quellen behaupteten laut ISW stattdessen, dass die Ukrainer ihre Angriffe auf die Flanken rund um die Siedlung fortsetzen, worauf auch ein Twitter-Video schließen lassen könnte. Bleibt die Frage: Warum kämpfen die Russen ausgerechnet an diesem Frontabschnitt so erbittert, während sie den Ukrainern bei Bachmut offenbar weniger Gegenwehr leisten? Drei Gründe scheinen plausibel.
📽️Video of the liberation of Pyatykhatky settlement in #Zaporizhzhia Oblast by Ukrainian 128th Mountain Assault Brigade.#UkraineRussiaWar pic.twitter.com/T3qAhoPKp5
— MilitaryLand.net (@Militarylandnet) June 19, 2023
Ukraine-Gegenoffensive im Süden: Rückeroberung des AKW Saporischschja ist ein Ziel
- Russland braucht das AKW Saporischschja als Druckmittel: Nach Angaben des ukrainischen Militärnachrichtendienstes (GUR) hat Russland das Kühlbecken für die Reaktoren des Kernkraftwerks vermint. „Wenn sie das Kühlbecken sprengen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das schwerwiegende Folgen haben wird“, erklärte Geheimdienstchef Kyrylo Budanow am Dienstag (20. Juni) im ukrainischen Fernsehen. Beweise für seine Behauptung legte er nicht vor. Das Atomkraftwerk trägt zwar den Namen von Saporischschja, dazwischen liegt aber der Kachowkaer Stausee, die Stadtgrenze ist über den Landweg ganze 115 Kilometer entfernt. Nehmen die ukrainischen Truppen das Gebiet um Pjatychatky vollständig ein, könnten sie über die Fernstraße M18 auf die Kleinstadt Wassyliwka (rund 13.000 Einwohner) vorrücken. Der Ort liegt direkt am Stausee.
- Von hier aus verläuft die angeblich kaum gesicherte Regionalstraße P37 bis nach Enerhodar, wo sich das AKW befindet. Laut Kartenmaterial des ISW und der US-Denkfabrik AEI‘s Critical Threats Project sind die russischen Befestigungen bei Wassyliwka ebenfalls sehr stark ausgebaut. Kann die ukrainische Armee dennoch hier durchstoßen, wäre der Weg über die P37 nach Enerhodar und zum AKW frei. Auch der Westen hat ein großes Interesse daran, dass das AKW dem Kreml als Druckmittel entrissen wird und wieder unter ukrainische Kontrolle kommt.
"Zaporizhzhia nuclear power plant was partly mined. And the scariest part is that the cooling system was mined. If it is damaged through explosion, there is a large probability of significant problems" - Kyrylo Budanov, head of @DI_Ukraine
— Anton Gerashchenko (@Gerashchenko_en) June 20, 2023
By the way, what have Russian media… pic.twitter.com/ne5Azxo1hq
Ukraine-Gegenoffensive im Süden: Moskau bangt um seine 49. Armee
- Die Ukraine will russische Truppen zwischen Dnipro, Asowschem Meer und Melitopol abtrennen: Das britische Verteidigungsministerium hatte am Montag (19. Juni) eine Einschätzung seines Geheimdienstes veröffentlicht, wonach Russland damit begonnen hat, Teile seiner Dnipro-Truppen vom Ostufer des riesigen Flusses abzuziehen, um die Front bei Saporischschja und im Osten bei Bachmut zu verstärken. Laut London soll es sich um mehrere tausend Soldaten der 49. Armee handeln, einschließlich der 34. motorisierten Brigade (Panzer, d. Red.) sowie Marine-Infanterieeinheiten. Stoßen die ukrainischen Streitkräfte über den mehr als 50 Kilometer langen Frontabschnitt zwischen Pjatychatky und Orichiw bis nach Melitopol vor, könnten sie jene 49. Armee zwischen Cherson, Dnipro und Asowschem Meer aufreiben.
Southern #Ukraine Updates:#Ukrainian forces continued counteroffensive operations on the administrative border between #Zaporizhia and #Donetsk oblasts on June 20. 1/6https://t.co/KAhDs78eWu pic.twitter.com/fXO6MK3bOB
— ISW (@TheStudyofWar) June 21, 2023
Ukraine-Gegenoffensive im Süden: Der Weg zur Krim wäre für die Truppen Kiews frei
- Ukraine will zur Krim vorstoßen: Russland hat derweil seine Verteidigungsanlagen in der Nähe der bereits 2014 völkerrechtswidrig annektierten Halbinsel Krim unter erheblichen Anstrengungen ausgebaut, wie das britische Verteidigungsministerium in seiner täglichen Analyse von Mittwoch mitteilte. „Dazu gehört eine ausgedehnte Verteidigungszone von 9 Kilometern Länge, 3,5 km nördlich der Stadt Armjansk, auf der schmalen Landbrücke, die die Krim mit dem Gebiet Cherson verbindet“, erklärte das Ministerium. Das unterstreiche, dass Moskau glaubt, dass die Ukraine in der Lage sei, die Krim direkt anzugreifen, hieß es aus London: „Für Russland hat die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Halbinsel weiterhin höchste politische Priorität.“
- Dazu passt: „Am Unterlauf und im Delta des Dnipros drohten ukrainische Landungsoperationen. Das hätte es ermöglicht, die russischen Verteidigungslinien zu hintergehen und bis zur Landenge Perekop zu gelangen, die das Festland mit der Krim verbindet. Damit wäre ein wesentlicher Nachschubweg auf die Halbinsel unterbrochen“, erklärte der Osteuropa-Experte Klaus Gestwa IPPEN.MEDIA jüngst zur Sprengung des Kachowkaer-Staudamms. Kann Kiew besagten Nachschub jetzt mit einem Vorstoß südlich des Kachowkaer Stausees unterbinden? Der Verlust der Krim „wäre eine empfindliche symbolische Niederlage für das Putin-Syndikat“, erläuterte Gestwa: „Fällt die Halbinsel an die Ukraine, dürfte es vermutlich um Putins Macht im Kreml geschehen sein“.
Kann die Ukraine Pjatychatky halten und vorstoßen? Die nächsten Wochen könnten diese Frage beantworten. (pm)
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