Bürger kooperieren mit dem „Feind“

Hat der Kreml sein Versprechen gebrochen? Kollaborateuren droht nun ukrainischer Zorn

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Ein Mann verschenkt im August kleine russische Flaggen an die Einwohner der Stadt Wowtschansk in der Region Charkiw. In der Ukraine gibt es offenbar einige Russland-Kollaborateure.
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Die Mehrheit der Ukraine wehrt sich gegen den russischen Angriffskrieg. Einige Einheimische arbeiten aber auch mit dem „Feind“ zusammen. Was droht ihnen nach dem Abzug russischer Truppen?

Charkiw – Wie verhält man sich im Krieg, wenn die eigene Heimat von gewalttätigen Invasoren besetzt wird? Eine Situation, die sich im kriegsfernen Deutschland nur wenige vorstellen können. In der Ukraine ist dieses Szenario seit mehr als einem halben Jahr Realität. Einige Menschen, etwa in Mariupol, wollten sich nicht ergeben und verteidigten die Stadt bis zum bitteren Ende. Andere kollaborierten mit Russland. Aus Überzeugung oder Selbstschutz. Jetzt, wo die russischen Truppen mancherorts abgezogen sind, sorgen sie sich vor ukrainischer „Bestrafung“.

Ukrainische Russland-Kooperation: Selenskyj will gegen Kollaborateure vorgehen

Denn Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj will gegen Menschen vorgehen, die mit dem „Feind“ zusammenarbeiten. Regelmäßig sollen Ukrainer dem russischen Militär Positionen der eigenen Truppen verraten haben. Einige Beamte wurden deshalb bereits entlassen. Der Präsident bezeichnete sie als „Verräter“. Aber auch Zivilisten sollen Russland während der Besetzung ukrainischer Gebiete geholfen haben. Der britische Guardian konnte eigenen Angaben zufolge mit solchen „Kollaborateuren“ sprechen.

Eine der Quellen des Blattes lässt sich im Bericht „Irina“ nennen. Sie habe im ostukrainischen Kupjansk die russische Besatzungsverwaltung unterstützt. Die Stadt liegt in der Oblast Charkiw, wo ukrainische Truppen in den vergangenen Tagen große Gebiete befreien konnten. Als die russischen Truppen abzogen, habe auch sie die Stadt verlassen. Aus Angst vor der ukrainischen Strafe für die Zusammenarbeit mit dem „Feind“, wie sie sagt.

Ukraine-Krieg: Warum arbeiten Einheimische mit dem „Feind“ zusammen?

Warum kooperieren einige Ukrainer mit Russland? Gerade in den russischsprachigen Teilen der Ukraine dürften russische Sympathien eine Rolle spielen. „Vielleicht hat man übersehen, dass es in der Ukraine immer schon eine Minderheit gab, die sich eher als russlandaffin definiert hat“, sagte Wolfgang Richter, Oberst a.D. des Heeres der Bundeswehr, im ntv-Podcast „Wieder was gelernt“. Diese Menschen hätten die russischen Erfolge etwa im Süden begünstigt. „Auch dort sind einige Ukrainer auf die andere Seite gegangen. Das sieht man schon daran, dass viele Verwaltungsbeamte jetzt die Verwaltung unter russischer Flagge organisieren.“

Die Frage scheint zu sein: Aus freien Stücken oder Verzweiflung? Einige Ukrainer scheinen schlicht keine Alternative zur Kooperation gehabt zu haben. Es gibt etliche Berichte, denen zufolge russische Besatzer mit Gewalt gegen die einheimische Bevölkerung vorgehen. Unter Androhung von Konsequenzen könnte so Unterstützung erzwungen worden sein. Die Washington Post vermutete, dass Kollaboration auch erkauft werden könnte.

Die russischen Truppen hätten der Bevölkerung gesagt, dass sie nun für immer in ihrer Heimat präsent sein werden, schilderte Irina dem Guardian. Untermauert worden seien diese Aussagen mit der Ausgabe russischer Pässe und der Ankündigung der Einführung des russischen Rubels. Zahlungsmittel in der Ukraine ist eigentlich die Hrywnja. Ferner seien die Kollaborateure mit sicheren Renten gelockt worden. Man habe den Unterstützern versichert, dass sie „niemals“ von der Ukraine für die Kooperation mit Russland sanktioniert werden würden. „Vor fünf Tagen sagten sie uns, sie würden niemals gehen“, erklärte Irina dem Guardian. Dieses Versprechen hätten die Russen gebrochen. „Drei Tage später standen wir unter Beschuss.“ Sie unterstütze Russland aber noch immer, sagt sie. Andere Ukrainer „versuchen nur zu überleben“, wie die Aktivistin Julia Nemtschinowa erklärte. Kollaboration aus Selbstschutz.

Doch die Russland-Unterstützung scheint endlich. Wie der Guardian schreibt, habe der Rückzug Russlands dem Image der russischen Streitkräfte und des Kremls bei einigen ihrer bereitwilligsten Unterstützer in der Ukraine enorm geschadet. Das beobachte man auch im Kreml.

Ukrainische Russland-Kollaborateure: Gefängnisstrafen und Anschläge

Ukrainern, die mit Russland zusammenarbeiten, drohen Sanktionen bis hin zur Haft. „Wir werden das Notwendige tun, auch in Bezug auf Bürger, die mit der russischen Seite zusammenarbeiten“, sagte im August der Gouverneur der Oblast Mykolajiw. Dort sollen Einheimische den russischen Truppen die Besatzung erleichtert haben. Meldungen zu Russland-Unterstützern gibt es auch aus anderen Städten, wie Cherson, Saporischschja, Luhansk oder Melitopol. Dort gab es mehrere Anschläge auf hochrangige Kollaborateure, wie lokale Politiker. Sie sollen teils von Kiew aus koordiniert werden, berichtet die spanische Tageszeitung El Mundo.

Laut ukrainischem Widerstandszentrum ist in Melitopol ein Russlandunterstützer „in die Luft gesprengt“ worden. Wie der Tagesspiegel berichtet, ging die Aktion von „Partisanenkämpfern“ aus. Die New York Times berichtete im August, dass der prorussische Übergangsbürgermeister Chersons, Vladimir Saldo, an einer von der Ukraine ausgehenden Vergiftung gestorben sei. Laut der russischen Nachrichtenagentur Tass sollen „Kollaborateure eliminiert“ werden.

Selenskyj rief die Bewohner der von Russland besetzten Gebiete im August zum Widerstand auf. Sie sollten den ukrainischen Streitkräften über sichere Kanäle Informationen zum Feind oder über Kollaborateure übermitteln. (as)

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