„Diese Russen, es gibt sehr viele“: Ukrainische Truppen sprechen über Gegenoffensive und Verluste
VonNadja Orth
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Die Gegenoffensive der Ukraine hat begonnen. Soldaten erzählen von ihren Eindrücken - und Experten, wem man im Krieg Glauben schenken darf.
Kiew – Seitdem die Ukraine ihre Gegenoffensive im Krieg gegen Russland im Juni gestartet hat, ist es für Beobachterinnen und Beobachter unübersichtlich geworden. Russlands Verteidigungsanlagen scheinen insbesondere aufgrund der Minenfelder große Schwierigkeiten zu bereiten, andererseits melden ukrainische Offiziere immer wieder Erfolge. Nun gibt es einen Einblick, wie die Soldaten die Entwicklungen an vorderster Front in der Ukraine erleben – und welche Informationen dabei mit Vorsicht zu betrachten sind.
Ukrainische Gegenoffensive hat begonnen: Soldaten sprechen über Russen und Verluste
Der US-Nachrichtensender BBC sprach mit mehreren Soldaten an verschiedenen Fronten in der Ukraine über die Gegenoffensive und ihren Erfolg. Viele hätten dabei eine sehr pessimistische Meinung. So zum Beispiel der ukrainische Marinesoldat Kyrylo Potras. „Ohne mehr [westliche] Hilfe denke ich, könnten wir dieses Spiel verlieren“, sagte er im Gespräch mit dem Sender. „Diese Russen... es gibt sehr viele von ihnen. Sie haben viele Panzerabwehrkanonen und Raketensysteme.“
Einer der großen Ziele der ukrainischen Gegenoffensive ist es, die russisch angelegten Verteidigungsanlagen vom Herbst zu durchbrechen und russisch besetzte Gebiete zurückzuerobern. Die aktive Frontlinie des Ukraine-Kriegs erstreckt sich dabei in einem groben Bogen über mehr als 1.000 Kilometer von der Schwarzmeerküste bis zur nordöstlichen Grenze zu Russland. Ein großer Teil der Verteidigungslinien Russlands besteht dabei aus Minenfeldern.
Zukunftsszenarien: Soldaten berichten pessimistisch über ukrainische Gegenoffensive
Ein Sanitäter in einem Feldlazarett in der Nähe der Donbass-Stadt Bachmut sieht in den russischen Verteidigungsanlagen ein kaum überwindbares Hindernis. Der Gegner hätte zu viel Zeit gehabt, sich auf die Gegenoffensive vorzubereiten. Das würde der Ukraine nun zum Verhängnis werden. „Ich denke, dass dieser Krieg nicht auf dem Schlachtfeld gelöst werden wird. Er wird mit einer politischen Einigung enden“, denkt der Sanitäter. Der Ukraine könnte es zwar gelingen, den Einfluss Putins auf die Ost- und Südukraine zu verringern – an eine vollständige Verdrängung glaubt er aber nicht. „Realistisch“ nennt sich zudem ein weiterer Soldat drei Stunden Autofahrt südwestlich von Bachmut: „Das Schlimmste ist immer möglich“.
Sehen viele Soldaten die Zukunft pessimistisch, weil sie ihre eigenen Kämpfe deutlicher vor Augen haben als das große Ganze im Ukraine-Krieg oder wissen sie am ehesten Bescheid? Denn einige westliche Experten sind der Meinung, dass die Gegenoffensive der Ukraine erfolgreich läuft. Militäranalysten wie Mick Ryan argumentieren, dass eine gelungene Offensive Zeit braucht. „Was jetzt tatsächlich geschieht, ist eine stetige, gezielte Zerschlagung des russischen ‚operativen Systems‘“, schrieb er auf Twitter. Und auch andere ukrainische Soldaten und Ärzte zeigen sich gegenüber dem BBC optimistischer: „Alle glauben und warten. Wir wissen, dass alles gut werden wird.“
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Gegenoffensive der Ukraine ein Misserfolg? Experten warnen vor falschen Angaben
Was an der ukrainischen Front gerade tatsächlich passiert, ist schwer einzuordnen. Einige Experten sprechen über Erfolge der Ukraine, andere über große Verluste und ein zu langsames Vorgehen. Erst zuletzt kursierten Videoaufnahmen, die zahlreiche verlassene oder zerstörte Panzer bei einer „fehlgeschlagenen“ Offensive der ukrainischen Armee zeigten. Den Soldaten sei es zuvor nicht gelungen, das Minenfeld vor ihrem Marsch vollständig zu räumen. Doch die Videoaufnahmen der Zerstörung stammen vom russischen Verteidigungsministerium. Die Ukraine veröffentlicht hingegen sehr wenige Informationen.
Genau diese Situation sollte deshalb mit Vorsicht betrachtet werden, betont Julia Smirnova, Senior Researcherin am Institute for Strategic Dialogue Germany (ISD) gegenüber der Tagesschau. Das Russische Verteidigungsministerium versuche, diese Informations-Lage auszunutzen: „Das ist ein Fokus der russischen Propaganda, und die Zahlen, die dabei genannt werden, sind oft massiv übertrieben.“ Mit der Propaganda wolle man Hilfe aus dem Westen als sinnlos dastehen lassen, da sie ja scheinbar zerstört wird. Westliche Medien müssten bei ihrer Berichterstattung deshalb mehr Acht im Umgang dieser Informationen geben.
Zerstörte und/oder verlassene Bradley-Schützenpanzer sowie ein verlassener Leopard-2-Panzer der ukrainischen Armee (unten). Das Foto soll in der Region Saporischschja entstanden sein.
Hinter langsamen Erfolgen in ukrainischer Gegenoffensive könnte eine Taktik stecken
Ulf Steindl vom Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES) sagte im Gespräch mit der Tagesschau, dass die Zerstörung moderner Technik völlig normal sei und deshalb nicht gleich eine negative Entwicklung bedeute. Zum einen könne man einiger der Panzer und Fahrzeuge wieder instand setzen, zum anderen sei das Wichtigste das Überleben der Besatzung. Diese könne mit ihrer Erfahrung und Wissen weiterarbeiten. Die Ukraine würde sich erstmal weniger auf Geländegewinne konzentrieren, sondern mehr, die russische Logistik zu schwächen. (nz)