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An den Fronten des Ukraine-Kriegs werden reihenweise amerikanische M113-Panzer gesichtet. Ein Hinweis, dass Kiew und die USA schonungslos hohe Verluste einkalkulieren.
Bachmut – Sie alle wurden im Ukraine-Krieg bei der Gegenoffensive erwartet: wuchtige britische Challenger-2-Kampfpanzer, deutsche Marder-Schützenpanzer, amerikanische Radpanzer Stryker und französische AMX-10RC.
Gegenoffensive der Ukraine: Armee setzt offenbar auf Dutzende M113-Panzer
Doch all diese Panzer-Arten tauchten bislang nicht in Erscheinung, während die russische Armee offenbar mehrere Leopard-2-Panzer der Ukrainer ausgeschaltet hat. Stattdessen sind ukrainische Soldaten reihenweise auf Videos zu sehen, die bei Telegram verbreitet und bei Twitter geteilt werden, wie sie auf vergleichsweise einfachen, beinahe rechteckigen Panzern sitzen, die vergleichsweise unspektakulär wirken und als Bewaffnung nur ein großes, manuell bedientes Maschinengewehr haben.
Die Rede ist von US-amerikanischen M113-Mannschaftstransportern. Dass die Ukraine zu dieser frühen Phase ausgerechnet auf jene Gefährte setzt, zeigt eine wohl schonungslose Rechnung, die Kiew und die USA einkalkuliert haben: Hohe Verluste an Mensch und Material zu Beginn der Gegenoffensive.
AFU on Soviet-made tanks trying to pull out the American-made M-113 pic.twitter.com/0lqIX316JK
— senore_amore (@SenoreAmore) June 19, 2023
Denn: Der M113 hat mehrere Makel, die sich auf dem Schlachtfeld nur schwer ausgleichen lassen. Zuallererst ist das hohe Alter der Fahrzeuge zu erwähnen. Die Amerikaner entwickelten den M113 schon in den 1960er Jahren. Zwar wurde er wiederholt modernisiert, aber etwa die Karosserie orientiert sich an damaligen Standards.
M113 bei Ukraine-Gegenoffensive: Kiew schont offenbar moderne westliche Schützenpanzer
Heißt: Die Seitenwannen sind steil. Und somit ein leichtes Ziel für schultergestützte Panzerabwehrwaffen und Panzergranaten, die schlicht nicht abprallen können. Moderne Panzer wie der Leopard 2 oder der amerikanische Abrams M1 haben an ihren Türmen und an der Front dagegen oft schräge Panzerungen, damit eine Panzerabwehrgranate im besten Fall abgelenkt wird und nicht ins Innere der Wanne vordringen kann.
Genau das ist beim M113 wohl deutlich einfacher, weil die Panzerung in manchen Modellen nicht mehr als 12 Millimeter beträgt und nicht aus verschiedenen Stahlschichten, sondern aus Aluminium besteht. Die ukrainischen Soldaten versuchen deshalb, die eingesetzten M113 offensichtlich mit an der Außenhülle montierten Gitterstäben zu schützen (siehe Twitter-Video unten). Das tat einst schon die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, auch die Amerikaner behalfen sich später damit in Afghanistan. Panzerabwehrgeschosse sollen so schon am Gitter detonieren und nicht im Mannschaftsraum einschlagen.
#Ukrainian soldiers hold their positions near #Bakhmut. pic.twitter.com/HRQJeUD6Ou
— NEXTA (@nexta_tv) June 12, 2023
Dennoch kursieren bei Telegram und bei Twitter Videos von lichterloh brennenden M113-Panzerfahrzeugen, die gemäß aufgemalten Zeichen sehr wahrscheinlich der ukrainischen Armee zuzuordnen sind, die laut Magazin für Europäische Sicherheit & Technik 300 Exemplare besitzen soll. Hinzukommt, dass die M113 auch aus einem anderen Grund relativ leicht auszuschalten sind. Bricht zum Beispiel ein einzelnes der zehn Räder, um die die zwei Ketten montiert sind, ist das Gefährt schlicht manövrierunfähig. Dann geht nichts mehr. Symptomatisch: Bei Twitter sind auch Videos zu finden, wie Ukrainer M113 mit T-72-Panzern abschleppen, nachdem diese offenbar nicht mehr funktionieren.
M113 für ukrainische Armee: Gepanzerter US-Mannschaftstransporter hat viele Nachteile
Und noch etwas deutet daraufhin, dass Kiew und Washington knallhart Verluste dieser Einheiten erwarten. Denn: Ein M113 lässt sich simpel fahren und bedienen. Gelenkt wird er mit zwei parallel verlaufenden Hebeln. Der Fahrer hat einen Tacho vor sich, wie in einem PKW. Eingebaut ist ein Automatikgetriebe, samt Gas- und Bremspedal. Der M113 folgt damit der Tradition amerikanischer Sherman-Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich wie Autos bedienen ließen.
Belgium announced the 15th package of military assistance for Ukraine – with M113 armoured vehicles. The good news is - we already have a video review of the M113 taken during the counteroffensive in the Kherson region #M113 #BelgianAidForUkraine #StandWithUkraine #Alex_Volunteer pic.twitter.com/KvtPoTHPnn
— Alex_Volunteer (@alexb_volunteer) June 16, 2023
Heißt hart formuliert: Wird ein Fahrer verwundet oder gar getötet, kann einfach ein anderer Soldat das Steuer übernehmen, ohne dass er durch halb Europa zu einer mehrwöchigen Ausbildung geschickt werden muss. Wie zum Beispiel im Fall der Marder, der Leopard 2 oder der Challenger 2.
Ukraine-Gegenoffensive: Kalkuliert Kiew hohe Verluste gegen russische Armee ein?
Weltweit soll es bis zu 80.000 Exemplare der M113 geben. Sie können also ersetzt werden. Passend dazu vermeldete die belgische Regierung vergangene Woche, weitere M113 in die Ukraine zu liefern. Vielleicht auch, damit auf den Schlachtfeldern des geschundenen Landes nicht mehr moderne westliche Schützenpanzer verloren gehen. Verluste an M113 einkalkuliert. (pm)
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