Heikler Bericht

Ukraine-Eskalation? Atomwaffen-Staaten rüsten erstmals seit dem Kalten Krieg auf

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Ein Atompilz steigt nach der Explosion einer Atombombe über dem Testgelände in der Wüste von Nevada auf. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1999. (Symbolfoto)
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Russland hat im Ukraine-Krieg bereits mit seinen Atomwaffen gedroht. Das Szenario eines Atomkriegs ist so real wie seit Jahrzehnten nicht.

München - Russland greift die Ukraine an – und rasselt dabei mit dem atomaren Säbel. Dass Wladimir Putin seine Atomstreitkräfte zu Beginn des eskalierten Ukraine-Konflikts in Bereitschaft setzen ließ, war der bisherige Höhepunkt der nuklearen Drohgebärden des Kremls. Wie groß die reale Gefahr eines Atomkriegs ist, lässt sich schwer abschätzen. Klar scheint nach Auffassung von Friedensforschern jedoch eines: Die schiere Anzahl von Atomwaffen wird erstmals seit dem Kalten Krieg wieder steigen. Was nicht nur an den russischen Raketen liegt.

Atomwaffen: Staaten rüsten auf - US-Plus von 12,7 Prozent

Das Friedensforschungsinstitut Sipri aus Stockholm geht davon aus, dass die aktuell geschätzte Zahl weltweiter Atomwaffen von 12.705 im Laufe des kommenden Jahrzehnts ansteigt. Jahrzehntelang war diese Zahl gefallen – auf ein Fünftel des Stands der 1980er Jahre. Nun kehrt sich der Trend um. „Es gibt eindeutige Anzeichen dafür, dass die Verringerungen, die die globalen Atomwaffenarsenale seit dem Ende des Kalten Krieges charakterisiert haben, beendet sind“, erklärte Sipri-Experte Hans M. Kristensen. Sein Kollege Matt Kora forderte sofortige und konkrete Abrüstungsschritte der neun Atomwaffenstaaten.

Klarheit scheint ein Bericht der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) zu bringen. Die Atommächte geben laut dem Bericht immer mehr Geld für ihre Nuklearwaffenarsenale aus. Die Ausgaben im Jahr 2021 stiegen im Vergleich zum Vorjahr um fast neun Prozent auf insgesamt 82,4 Milliarden Dollar (79 Milliarden Euro).

Allein die USA gaben demnach im vergangenen Jahr 44,2 Milliarden Dollar für ihr Atomwaffenprogramm aus - ein Plus von 12,7 Prozent. China investierte 11,7 Milliarden Dollar und damit 10,4 Prozent mehr als 2020. Auch die Ausgaben von Russland (8,6 Milliarden Dollar), Frankreich (5,9 Milliarden Dollar) und Großbritannien (6,8 Milliarden Dollar) stiegen leicht an.

Pakistans Investitionen stiegen von einer Milliarde auf 1,1 Milliarden Dollar. Indien reduzierte seine Ausgaben hingegen von 2,5 auf 2,3 Milliarden Dollar. In Israel, das sich nie offiziell zum Atomwaffenbesitz bekannt hat, blieben die Ausgaben dem Bericht zufolge konstant bei 1,2 Milliarden Dollar. Nordkorea steckte mit 642 Millionen Dollar etwas weniger Geld in sein Atomwaffenprogramm als im Vorjahr (700 Millionen Dollar).

Laut Sipris Jahresbericht verfügen Russland (5977) und die USA (5428) aktuell über mehr als 90 Prozent aller Atomsprengköpfe. Weniger als zuletzt zwar – vor allem, weil alte Waffen ausrangiert wurden. Die beiden Atom-Großmächte würden aber kostspielige Programme unterhalten, um die Atomsprengköpfe, Trägersysteme und Produktionsstätten auszutauschen und zu modernisieren. Das trifft auch auf die anderen Atomwaffen-Staaten zu: China, Frankreich, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Keines dieser Länder habe vor, seine Nuklearwaffenprogramme abzuschaffen. So baut beispielsweise China sein Arsenal umfassend aus.

Atomwaffen: UN-Vetomächte mit großen Worten – doch sie bauen weiter Sprengköpfe

Die Rhetorik einiger Atomstaaten war zu Jahresbeginn eine ganz andere. In einer gemeinsamen Erklärung der fünf UN-Vetomächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China hieß es: „Wir betonen, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf.“ Laut Sipri bauen alle fünf ihre Arsenale aber weiter aus oder modernisieren sie.

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

„Obwohl es im vergangenen Jahr einige bedeutende Fortschritte sowohl bei der nuklearen Rüstungskontrolle als auch bei der atomaren Abrüstung gegeben hat, scheint das Risiko des Einsatzes von Atomwaffen jetzt höher als zu jedem Zeitpunkt seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges“, sagte Sipri-Direktor Dan Smith. Kristensen sprach von einer „prekären Situation“ – wegen des Konflikts zwischen Indien und Pakistan, Indien und China, der Bedrohung durch Nordkorea – und eben Russlands möglicher Konfrontation mit der Nato wegen des Ukraine-Kriegs. Staaten ohne Atomwaffen müssten laut Kristensen auf diejenigen mit Atomwaffen mehr Druck ausüben – damit die Welt auch künftig von einem Atomkrieg verschont bleibt. (cg)

Die Ukraine wurde aus dem Stadtzentrum von Sjewjerodonezk zurückgedrängt. Amnesty International macht beiden Kriegsparteien schwere Vorwürfe. Der News-Ticker zur militärischen Lage.

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