Begriffe auch aus Sowjet-Zeiten

Avatar, Ork, Kronleuchter: Ukrainer erfinden wegen Krieg neue Bedeutungen bekannter Wörter

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Folgen des Ukraine-Kriegs: Auch der Sprachgebrauch ändert sich.
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Der Ukraine-Krieg hat auch Auswirkungen auf den Wortschatz der Menschen im überfallenen Land. Sogar ein Übersetzungsprogramm im Internet hat seinen Einfluss darauf.

München – Der Ukraine-Krieg kostet unzählige Menschenleben, verschlingt unfassbare Materialkosten, verursacht eine Energie- sowie eine Lebensmittelkrise. Nicht nur in den beiden direkt beteiligten Ländern sind immense Verluste zu beklagen. So füllen sich vor allem Särge und Gräber, aber auch – weit weniger grausam – Lexika.

Über einige der neuen Wortschöpfungen und -bedeutungen informiert Kiew-Korrespondent Peter Beaumont von der englischen Tageszeitung The Guardian. So würden einige der Begriffe bereits seit Beginn der Kampfhandlungen im Jahr 2014 in der ukrainischen Gesellschaft genutzt, andere stammen aus der Sowjet-Zeit und seien nun wieder populär geworden, eine dritte Gruppe sei komplett neu in den Sprachgebrauch aufgenommen worden.

Ukraine-Krieg und neue Begriffe: „Avatar“ für betrunkene Soldaten und „Nullpunkt“ für Frontlinie

So würden betrunkene Soldaten als „Avatar“ bezeichnet. Dies werde abgeleitet von einem ukrainischen Ausdruck für „sich betrinken“ und beziehe sich auf die Farbe „blau“ – die Hautfarbe der Figuren aus dem gleichnamigen Blockbuster von James Cameron, der in diesem Jahr seine erste Fortsetzung fand.

Bei einem Luftangriff mit weißem Phosphor werde von einem „Kronleuchter“ gesprochen – wegen der herabfallenden und weiß strahlenden Lichter. Die Frontlinie wird in der Ukraine als „Nullpunkt“ bezeichnet. Mit der Umschreibung „in den Keller“ wird das Risiko benannt, was einem von russischen Streitkräften gefangen genommenen Ukrainer blüht.

Video: Kindheit im Krieg – Ein Leben im Keller in der Ukraine

Militärsprache wird ins normale Leben übernommen: Begriffe wie „Zweihundert“ aus Sowjet-Zeiten

„Generell gibt es ein bestimmtes Lexikon von Wörtern, die bislang nur in der Militärsprache genutzt wurden, nun aber einen breiteren Kontext haben“, erklärt Les Beley vom Potebnja Linguistik-Institut an der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine.

Als Beispiel für Militärjargon, der im Russischen und Ukrainischen gebräuchlich war und aus der Zeit des sowjetischen Kriegs in Afghanistan stammt, nennt er „Zweihundert“. Dies war schon unter den Sowjet-Truppen eine Umschreibung für Tote und Verwundete, denn ein Sarg, mit dem die Gefallenen aus Afghanistan in die Heimat überführt wurden, wog 200 Kilogramm.

Guardian-Journalist Beaumont erklärt diese Wortanleihen aus dem Militärischen damit, dass bewaffnete Konflikte wie der Ukraine-Krieg, die ganze Gesellschaft und das tägliche Leben betreffen. So ließe sich über die Realität und die damit verbundenen Erfahrungen sprechen. Andererseits könne über Sprache auch eine Distanz zur schrecklichen Realität aufgebaut werden.

Wortanleihen zur Verspottung der Russen: Explosionen werden „Baumwolle“ genannt

Beley erklärt das Phänomen so: „Wir haben all die Menschen, die in der Armee dienen. Dann haben wir Millionen von Freiwilligen. Das ist die Realität, in der wir leben. Und diese Realität verlangt nach einem Lexikon. Sprache verändert sich ständig und passt sich an.“ Einige der neuen Begriffe seien als ironische Reaktion auf die russischen Beschönigungen entstanden. In Russland wird beispielsweise immer noch von einer militärischen Spezialoperation gesprochen, womit der Krieg glorifiziert wird.

Besonders bekannt seien in diesem Zusammenhang ukrainische Memes, die bei Explosionen mit russischen Truppen als Ziel von „Baumwolle“ sprechen. Dazu erläutert Beley: „Russen sprechen nicht von einer Explosion. Sie sagen oft ‚klapok‘, was ein lautes Geräusch oder einen Klaps darstellt. Wenn man dieses Wort bei ‚Google Translate‘ nachfragt, wird auch das Wort für ‚Baumwolle‘ angezeigt, das verwendet wird, um die Russen zu verspotten.“

Zudem würden die russischen Invasoren in der Ukraine als „Orks“ bezeichnet werden, was wiederum aus J.R.R. Tolkiens Fantasyroman „Der Herr der Ringe“ entlehnt ist. Hier sei der Ursprung des heutigen Sprachgebrauchs jedoch unklar.

Verändert haben sich Beley zufolge auch die Begrüßungs- und Abschiedsformeln bei Textnachrichten wie Mails. „Neue Regeln sind entstanden. In der Vergangenheit bestand die Etikette nur daraus, ‚Hallo‘ zu schreiben. Mittlerweile ist es üblich, mit ‚Wie geht es dir‘ zu beginnen und mit ‚Pass‘ auf dich auf‘ zu enden“, erklärt der Sprach-Experte. (mg)

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