„Zeitalter der Angst“

„Putin wartet lange und trifft dann Fehlentscheidungen“: Warum die Gefahr eines Atomkriegs bleibt

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Bedroht nicht nur die Ukraine: Wladimir Putin spielt immer wieder mit der nuklearen Bedrohung Europas.
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Wladimir Putin könnte einem Münchner Politikwissenschaftler zufolge auf Nuklearwaffen zurückgreifen. Der Ukraine-Krieg hat demnach schon jetzt zwei unerfreuliche Entwicklungen hervorgebracht.

München – Wladimir Putin hat im Ukraine-Krieg diverse rote Linien überschritten. Nicht nur mit dem Invasionsbefehl vor etwas mehr als einem Jahr. Die Zerstörungswut des Kreml-Chefs scheint keine Grenzen zu kennen. Umso mehr fragen sich nicht nur die Ukrainer und ihre Verbündeten, wie weit der mächtige Mann in Moskau gehen würde – gerade, wenn er seine Felle aufgrund der Enttäuschungen und Rückschläge mehr und mehr davonschwimmen sehen sollte.

Längst nicht nur überzeugte Pazifisten warnen vor der finalen Eskalationsstufe – dem Einsatz von Nuklearwaffen. Würde Putin auch diese letzte rote Linie überschreiten, wenn er sein Kriegsziel anders nicht mehr greifbar wähnt? Frank Sauer sieht durchaus eine reale Gefahr und wundert sich über Menschen, die die Drohungen aus Russland als reines Säbelrasseln abtun.

Politikwissenschaftler zum Ukraine-Krieg: „Atomwaffeneinsatz liegt im Bereich des Möglichen“

„Es gibt eine seltsame Fraktion von Leuten, die behauptet: Putins Drohungen wären alle garantiert nur ein Bluff. Das ist einfach unseriös“, warnt der Politikwissenschaftler der Universität der Bundeswehr München im Interview mit der Welt. Er ist sicher: „Ein Atomwaffeneinsatz liegt im Bereich des Möglichen. Das muss man akzeptieren.“

Im gleichen Atemzug sei „es aber auch extrem wichtig zu betonen, dass das Risiko nie akut war und weiterhin nicht akut ist. Es gibt also aktuell keinen Grund für schlaflose Nächte und Panik, man muss nicht anfangen, Atombunker zu bauen.“ Laut Sauer könnte das Thema Nuklearangriff jedoch wieder intensiver diskutiert werden, „wenn die Ukraine in die Offensive geht und es hoffentlich schafft, weitere Gebiete zu befreien“. Für das Frühjahr kündigte der Militärgeheimdienst HUR bereits einen großangelegten Angriff auf die besetzten und annektierten Gebiete an.

Video: Putin kann Nato-Atomwaffen nicht ignorieren

Putin und die Atombombe: „Er ist alleinherrschender Akteur, bestimmt Pläne und Handlungen“

Der Experte für internationale Politik und Sicherheit gibt jedoch angesichts der verschiedenen Deutungsversuche von Putins Rede zur Lage der Nation zu bedenken, dass sich der Kreml-Herrscher keinesfalls an die Nukleardoktrin Russlands gebunden zu fühlen scheint: „Putin steht morgens nicht auf, guckt erst mal in die Regelhefte und gestaltet dementsprechend seine Politik. Putin ist der alleinherrschende Akteur, er bestimmt Pläne und Handlungen, nicht die Doktrin. Und wir sehen ja tagtäglich, dass ihm Normen, Regeln und Gesetze egal sind.“ Stichwort: rote Linien.

Schon jetzt habe der Ukraine-Krieg den Blick auf die Atomwaffen verändert. „Russland nutzt in diesem Krieg Nuklearwaffen nicht mehr nur als Rückversicherung, als letzte Lebensversicherung eines Staates, sondern auch als Deckung eines imperialistisch motivierten Angriffskriegs“, macht Sauer klar. Dies bereite dem Experten Sorge: „Wenn sich das als probates Mittel erweist, wenn Putin damit Erfolg hat, dann könnten andere Staaten dieses Modell womöglich in der Zukunft kopieren wollen.“ Die Folge: „Der Besitz von Nuklearwaffen würde dann noch attraktiver.“

Als zweites Problem sieht Sauer folgendes: „Die Rolle von Nuklearwaffen für das gesamte russische militärische Dispositiv wird in Zukunft weiter zunehmen.“ Die Landstreitkräfte würden „in der Ukraine, man muss es so sagen, gerade aufgerieben“. Zudem sei deren Potenzial nicht so groß, wie von den Führungsfiguren erwartet. „Es steht daher zu befürchten, dass sich Russland zukünftig noch mehr auf Nuklearwaffen abstützen wird, um das militärische Gewicht abzusichern.“

Nukleare Gefahr im Ukraine-Krieg: „Putin wartet lange und trifft dann Fehlentscheidungen“

Sauers kurze und schmerzlose Schlussfolgerung zum omnipräsenten Schrecken lautet: „Wir leben nun mal im Nuklearzeitalter, in einem Zeitalter der dauerhaften Angst vor der totalen Vernichtung.“

Diese geht vor allem in der Ukraine um. Betrifft aber ebenso Deutschland und die anderen Verbündeten. „Soll Putin an den Verhandlungstisch gezwungen werden, dann muss er militärisch unterliegen und um die Krim fürchten“, verdeutlicht Sauer: „Die Krux dabei: Steigt der Druck auf die Krim, steigt auch das nukleare Risiko.“

Dies hänge auch mit Putins offenbar nicht sehr ausgeprägtem Gespür für Kriegsführung zusammen. Der russische Präsident habe „sich erwiesen als jemand, der lange wartet und dann Fehlentscheidungen trifft. Er hätte im September den Krieg beenden und das Erreichte in Russland als Sieg verkaufen können. Stattdessen hat er den Einsatz erhöht.“

Wodurch auch die Gefahr eines Atomkriegs umso präsenter bleibt. „Sollte sich also die nukleare Frage noch mal zuspitzen, dann wird politisch im Westen sehr viel Fingerspitzengefühl gefragt sein“, erwartet Sauer. (mg)

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