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Russland hat den Krieg in der Ukraine nicht so schnell für sich entscheiden können, wie es sich es vorgestellt hatte. Ein Militärexperte erklärt, warum Russland mit seiner Strategie scheitert.
Kiew – Zu Beginn des eskalierten Ukraine-Konflikts befürchteten viele Beobachter, Russland werde die Ukraine innerhalb von kürzester Zeit überrollen und den Krieg somit schnell für sich entscheiden. Doch so sollte es nicht kommen. Der Krieg in der Ukraine dauert bereits seit fast acht Monaten an. In den brutalen Gefechten gelang es Russland bis jetzt nicht, die Überhand im Konflikt zu gewinnen.
Der ukrainische Militärexperte Volodymyr Dacenko, Militärkolumnist beim Forbes Magazin, hat via Twitter seine Analyse des taktischen Vorgehens der beiden Kriegsparteien geteilt. Dabei kritisiert Dacenko die russische Armee scharf.
Ukraine-Krieg: Experte analysiert russische Kriegstaktik
Zu Beginn des Krieges habe Russland seine Manöver in erster Linie über die Hauptautobahnen und bevölkerungsreichen Städte in der Ukraine organisiert. Dies sei verständlich, da Russland in seiner Offensive viele schwere, gepanzerte Fahrzeuge verwende: „In diesem Krieg haben wir Panzerkolonnen gesehen, wie sie versuchten, Städte zu stürmen, ohne Infanterie-, Luft- oder Artillerieunterstützung. Das ist eine absolut gescheiterte Strategie“, schrieb der Experte.
Seit Mai habe Russland seine Strategie angepasst. Anstelle der großen Fahrzeugkolonnen setzte der Kreml nun auf kleinere Infanterieverbände, die Schwachstellen des Gegners finden sollen. Gepaart waren diese Vorstöße mit massivem Artilleriebeschuss. Dem ukrainischen Heer zufolge flogen im Mai und im Juni zwischen 50.000 und 65.000 Geschosse von russischer Seite in Richtung Ukraine. Die Angaben lassen sich jedoch nicht unabhängig überprüfen.
Ukraine-Krieg: Das sind die Probleme an Russlands Strategie
Nichtsdestotrotz habe sich dennoch nicht viel am russischen Vorgehen geändert. Es werden weiterhin die Hauptautobahnen des Landes verwendet, um voranzukommen. Das ganze bringe drei Probleme mit sich:
- 1) Hohe militärische Verluste (da die Russen viele Angriffe starten, von denen die meisten nicht erfolgreich sind).
- 2) hohe Abhängigkeit von sowjetischer Artillerie, welche einen hohen logistischen Aufwand und viele Lagerhallen benötigen.
- 3) die Langsamkeit des Krieges.
All dies habe dazu geführt, dass Russland seine Angriffe konstant durchführen konnte und eine „Pause“ einlegen musste. Die materiellen Kosten seien zu hoch. Zudem musste Russland seine Teilmobilmachung bekannt geben. Ein weiteres Problem sei fehlendes Material, wie ein weiterer Militärexperte, Pavel Luzin, erläuterte. Russland habe nicht genügend Raketen: Es sei „weder organisatorisch, technisch noch technologisch möglich, die Produktion stark zu erhöhen oder Raketen aus anderen Ländern für solch einen massiven Angriff zu kaufen.“
Ukraine-Krieg: So geht die Ukraine in der Verteidigung ihres Landes vor
Im Gegensatz zu Russland bewegen sich die ukrainischen Soldaten nicht über die Hauptautobahnen, erklärt Dacenko. Somit können die ukrainischen Truppen immer wieder russische Einheiten umzingeln. Im zweiten Schritt könnten weitere Einheiten dann die angeschlagenen russischen Truppen angreifen. Zentral für diese Strategie seien verlässliche Kommunikationswege.
„Russland hat sehr schlechte Überwachung und Koordination. Nach dem Durchbruch der Verteidigungslinie, versteht die militärische Führung häufig nicht, was passiert und bekommt sehr verspätet Informationen und trifft deswegen falsche Entscheidungen.“ Das Ergebnis: Häufig zieht sich Russland zurück, wenn es kämpfen sollte und kämpft, wenn es sich zurückziehen sollte. (lp)
