Gegenoffensive

Militärexperte erwartet „einmaligen Angriff“ der Ukraine – Video zeigt explodierenden Russen-Konvoi

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Bei der Gegenoffensive steht angeblich ein Großangriff der Ukraine bevor, um hinter die sogenannte russische Kontaktlinie zu kommen.

München/Saporischschja - Der britische Militärexperte Tobias Ellwood rechnet mit einem unmittelbar bevorstehenden ukrainischen Großangriff im Ukraine-Krieg. „In den nächsten Tagen sollten wir mit einem Großangriff in dem einen oder anderen Teil des Donbass rechnen“, sagte der Vorsitzende des britischen Verteidigungsausschusses Sky News. Die Ukraine habe immens Truppen zurückgehalten und sei „bereit für diesen einmaligen Angriff“.

Laut Nico Lange, einem Experten für Sicherheitspolitik, hätte Kiew erst ein Viertel seiner für die Gegenoffensive trainierten Truppen eingesetzt. „Die Russen wissen nicht, wo das sein wird“, meinte Ellwood zu seiner These. Er warnte: Es sei nicht davon auszugehen, dass „alles sehr schnell vorbei sein“ werde.

Bei der Gegenoffensive im Ukraine-Krieg liefern sich die Ukraine und Russland schwere Feuergefechte.

Großangriff der ukrainischen Streitkräfte? US-General a. D. hat Vorahnung

Ein Großangriff? Ben Hodges, Generalleutnant a. D. der United States Army, geht konkret von einem Durchbruchsversuch der ukrainischen Armee mit 500 bis 750 gepanzerte Fahrzeuge auf einem schmalen Frontabschnitt aus, um hinter die sogenannte russische Kontaktlinie zu kommen und dann auf die Hauptverteidigungslinie der Invasionsarmee vorzustoßen. „Wartet, bis die schweren Brigaden kommen“, schrieb der einstige Oberkommandierende der US-Landstreitkräfte in Europa in einer Analyse für die US-Denkfabrik Zentrum für europäische Politikanalyse (Cepa)Der entscheidende Moment werde kommen, „wenn Hunderte gepanzerte Fahrzeuge auf die russischen Linien treffen“.

In den nächsten Tagen sollten wir mit einem Großangriff in dem einen oder anderen Teil des Donbass rechnen.

Tobias Ellwood, Vorsitzender des britischen Verteidigungsausschusses bei Sky News

Aber wo genau? Die Ukraine greift derzeit westlich von Donezk, nördlich von Bachmut, bei Kreminna und vereinzelt im Nordosten an. Schwere Gefechte finden wenige Kilometer westlich von Wuhledar bei Welyka Nowosilka im Donbass statt. Laut Bild konnten die ukrainischen Streitkräfte hier fünf kleinere Orte unter ihre Kontrolle bringen. Die Zeitung zitiert russische Militärblogger, die bei Telegram schreiben: „Aus Richtung Welyka Nowosilka gehen vereinzelte Informationen über den stetigen Vormarsch des Feindes in Richtung Staromlyniwka ein. Die Streitkräfte der Ukraine sind der Siedlung selbst noch nicht nahe gekommen, aber einigen Daten zufolge nähern sie sich Schritt für Schritt der Ernte.“ Wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) schreibt, wurden die Ortschaften Storoschewe und Lewadne an der Grenze der Regionen Saporischschja und Donezk befreit.

Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Ortschaften zwischen Donezk und Saporischschja befreit

All diese Ortschaften liegen auf etwa halber Höhe zwischen Saporischschja mit dem gleichlautenden Atomkraftwerk (AKW) sowie der weitgehend russisch kontrollierten Großstadt Donezk. Wird hier attackiert, um die russischen Truppen bei Saporischschja einzukreisen und diesen das AKW als Druckmittel Russlands zu entreißen? Eindeutigstes Indiz für diese These sind schwere Kämpfe nördlich von Tokmak, die sich nach ukrainischem Artilleriebeschuss angedeutet hatten. Die Kleinstadt liegt zwischen dem AKW Saporischschja und der von den russischen Truppen wohl eher behelfsmäßig gehaltenen Großstadt Melitopol am Asowschen Meer.

Just an diesem Frontabschnitt kommt die Ukraine offenbar nicht voran und muss wohl schwere Verluste an gelieferten westlichen Panzern hinnehmen. Laut SZ konnten die Ukrainer seit Donnerstag (8. Juni) keine Geländegewinne erzielen. Hier besteht wohl auch ein Zusammenhang mit der Staudamm-Sprengung von Kachowka. So wurden dem Bericht nach offenbar Truppen aus der teilweise überfluteten Region Cherson in die Oblast Saporischschja verlegt, nachdem sich die ukrainische Armee hinter die Überschwemmungsgebiete zurückziehen musste.

Sprengung von Kachowka-Staudamm: Experte wähnt militärisches Kalkül Russlands dahinter

„Vieles spricht kurz nach Beginn der ukrainischen Gegenoffensive für ein militärisches Kalkül, um durch einen menschenverachtenden Verzweiflungs- und Terrorakt ukrainische Vorstöße an einem schlecht gesicherten Frontabschnitt zumindest zeitweise zu unterbinden“, erklärt Osteuropa-Experte Prof. Dr. Klaus Gestwa IPPEN.MEDIA. Es gebe Aufnahmen, „wie sich ukrainische Soldaten mit knapper Not aus ihren neuen Stellungen heraus vor den rasant steigenden Fluten in Sicherheit bringen müssen“, erzählt der Historiker der Uni Tübingen: „Die aufwendigen Angriffsvorbereitungen der ukrainischen Verbände sind an diesem südlichen Frontabschnitt zunächst dahin, weil die Uferlandschaft überschwemmt, verschlammt und unpassierbar geworden ist.“

Deutlich zu erkennen: Zerstörte und/oder verlassene Bradley-Schützenpanzer sowie ein verlassener Leopard-2-Panzer der ukrainischen Armee (unten). Das Foto soll in der Region Saporischschja entstanden sein.

Gegenoffensive gegen russische Armee: Ukraine verliert offenbar mehrere Leopard-2-Panzer

Bei Tokmak blieben die Ukrainer indes offenbar mit ihren Panzern in Minenfeldern stecken und wurden von russischen Kampfhubschraubern bekämpft. Drohnenaufnahmen des russischen Verteidigungsministeriums zeigen mehrere zerstörte Bradleys und mindestens einen kampfunfähigen modernen Leopard-2A6-Kampfpanzer. Wie zudem das Nachrichtenportal Meduza berichtet, verlor die 33. Panzerbrigade drei finnische Minenräumpanzer vom Typ Leopard-2R. Und: Laut Analyse-Portal „ORYX“ büßte zudem die 47. Brigade „Magura“ der ukrainischen Armee im Donbass sieben Leopard-2-Panzer und 17 Schützenpanzer Bradley ein.

Derweil spielten die ukrainischen Streitkräfte der Ukrajinska Prawda offenbar ein Drohnenvideo zu, das zeigt, wie ein russischer Militärkonvoi mittels Artillerie attackiert wird. Nach wenigen Sekunden verschwindet ein offenbar mit Munition geladener LKW in einer wuchtigen Explosion. Wie zudem das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek schreibt, wurden zwei russische Raketenwerfer TOS-1A ausgeschaltet, die thermobarische Munition (Brandgranaten) abfeuern. (pm)

Rubriklistenbild: © Libkos/dpa

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