VonMarcus Giebelschließen
Die ukrainischen Streitkräfte befreien im Osten des Landes Ortschaft um Ortschaft. Dabei kommen sie auch wieder Hinweisen auf Folterungen an Zivilisten auf die Spur.
Charkiw – Die Entdeckungen während ihrer Gegenoffensive im Ukraine-Krieg dürften die Augen der vorrückenden Verteidiger immer wieder zum Leuchten bringen. Sie stoßen auf ihrem Weg durch das monatelang besetzte Gebiet im Osten und Süden des Landes auf intakte Panzer, tonnenweise Munition und anderes schweres Gerät. Aus russischen Beständen. Von den Truppen von Wladimir Putin auf der Flucht achtlos zurückgelassen.
Doch andere Hinterlassenschaften der Invasoren dürften den ukrainischen Streitkräften auch Tränen in die Augen treiben und den Zorn auf den Gegner schüren. Denn laut den Behörden wurden in einer zurückeroberten Ortschaft im Osten der Ukraine vier Leichen mit „Spuren von Folter“ entdeckt. Wie die zuständige regionale Staatsanwaltschaft via Facebook mitteilte, würden erste Ermittlungen darauf hinweisen, dass die in Salisnytschne in der Region Charkiw gefundenen Menschen „von russischen Soldaten während der Besetzung des Ortes“ getötet worden seien.
Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Hinweise auf Tötung von Bürgern durch russische Soldaten
Drei der vier Leichen seien auf Privatgrundstücken gefunden worden, die vierte auf einem Fabrikgelände nahe dem Bahnhof. Das lässt zumindest vermuten, dass die Todesfälle nicht unmittelbar miteinander zusammenhängen. Weiter gab die Staatsanwaltschaft an, die Behörden hätten nach der Rückeroberung mehrerer Ortschaften durch die ukrainischen Truppen Hinweise auf die Tötung mehrerer Bürger durch russische Soldaten entdeckt.
Rechtsmediziner würden die Leichen untersuchen, hieß es weiter. Zudem werde wegen Mordes und „Verstößen gegen das Kriegsrecht“ ermittelt. Die Funde wecken böse Erinnerungen an das Frühjahr, als sich die Kreml-Truppen nach der gescheiterten Einnahme von Kiew aus den umliegenden Dörfern zurückzogen und auf den Straßen zahllose Leichen von Zivilisten - teilweise gefesselt und mit Folterspuren - entdeckt wurden.
Folterspuren im Ukraine-Krieg: Erinnerungen an Gräueltaten von Butscha werden wach
Als Sinnbild für die Gräuel des Kriegs wird vor allem Butscha in die Geschichte eingehen. Mehr als 450 Leichen sollen in der Kleinstadt nach dem Ende der Besatzung gefunden worden sein. Beim Großteil gibt es Hinweise darauf, dass die Personen erschossen, gefoltert oder zu Tode geknüppelt wurden.
Die perfide Reaktion des Kreml auf die Vorwürfe, ein gezieltes Massaker unter Zivilisten angerichtet zu haben, lautete, es handele sich bei den Menschen auf den um die Welt gegangenen Bildern lediglich um Schauspieler. Der zusätzliche Vorwurf aus Moskau, die Leichen seien erst nach dem Abzug der Truppen platziert worden, wurde direkt von Satellitenbildern entkräftet.
Ukraine-Krieg und Foltervorwurf: Zwei Leichen werden exhumiert und untersucht
Bereits am vergangenen Freitag meldete die Staatsanwaltschaft, im ostukrainischen Dort Hrakowe seien zwei Leichen mit Folterspuren und Einschusslöchern im Hinterkopf entdeckt worden. Diese wurden mittlerweile exhumiert, um weiter untersucht zu werden.
Am Montag wandte sich die Menschenrechtsorganisation Amnesty International mit dem Appell an die ukrainischen Behörden, dem Sammeln von Beweisen für Kriegsverbrechen in den nun zurückeroberten Gebieten „Priorität einzuräumen“. Hierzu sei die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erforderlich. (mg)
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